Angespielt: Diablo 4 - Blizzard liefert eine fast perfekte Enttäuschung

Dabei muss man zwar anmerken, dass Blizzard noch immer in der Balance-Phase ist, weshalb man immer rechnen muss, dass ein Build am nächsten Tag kaputtgepatcht oder zumindest entschärft wird, das liegt jedoch in der Natur der Sache. Es gibt natürlich Actionrollenspiele, die noch tieferes Charakter-Building betreiben (etwa durch Kombination zweier Klassen oder noch weiter verzweigte Talentbäume), aber Blizzard schafft hier einen Weg, der Neulinge nicht abschreckt, erfahrenen Spielern aber mehr als genug Tiefe bietet - also das klassische "Easy to learn, hard to master" (leicht zu lernen, schwer zu meistern).

Spiel oder Arbeit?

So tief und abwechslungsreich Diablo 4 in Sachen Charakter-Builds und Skills ist, so monoton ist das Spiel in der Praxis. Denn man hämmert viele Stunden lang auf die immer selben vier Fähigkeiten, die sich (auf dem PC) auf der Tasten 1-4 auf dem Keyboard befinden, dazu kommen die zwei Maustasten. Nimmt man den gelegentlich Heiltrank hinzu, dann besteht Diablo 4 Im Wesentlichen aus sieben Tasten.


Zwar ist es natürlich eine Kunst für sich, diese Tasten richtig und effektiv einzusetzen, allerdings macht man das viele, viele und noch mehr Stunden lang. Natürlich sind diese Stunden, die man zum Hochleveln und Suchen von Items braucht, nicht ohne Motivation bzw. Belohnungen, aber man kann nicht leugnen, dass Gameplay-Abwechslung nicht die ganz große Stärke von Diablo 4 ist - allerdings ist das durchaus auch eine Genrekrankheit.

Enormer Umfang

Wenn man Diablo 4 und dessen Welt grundsätzlich mag und auch mit dem sogenannten Grind kein Problem hat, dann bietet das Spiel sehr viel Gegenwert fürs Geld. Man kann schier endlose Zeit in der Welt von Sanctuary verbringen, denn die Größe des spielbaren Gebiets ist gewaltig - alles sieht zwar irgendwie gleich aus, aber es gibt viel davon.

Für Abwechslung sollen die Seasons sorgen, hier werden vor allem Veteranen dazu gebracht, neue Charaktere anzufangen, weil Seasons neue Inhalte, Events, Items und Ähnliches mit sich bringen. Das Konzept ist zwar viel diskutiert, letztlich wird es aber jene Spieler motivieren, die viele Monate und Jahre bei Diablo 4 unterwegs sind - Gelegenheitsspieler hingegen werden davon letztlich nur am Rande etwas mitbekommen.

Grafik und Technik

Da dies in einem Spiel stets die langweiligste Kategorie ist, wir aber nicht umhinkommen, sie dennoch zu erwähnen: Technisch läuft Diablo 4 mehr als ordentlich, auch auf schwächeren Rechnern und wenn die Gegnermassen von allen Seiten auf einen einstürmen und man sich effektreich gegen sie wehrt. Das ist zweifellos eine Grundvoraussetzung für ein Spiel dieser Art und hier gibt sich Blizzard keine Blöße.

Probleme gibt es allenfalls dann, wenn die Server etwas Schluckauf haben. Das passiert aber glücklicherweise überaus selten. Generell muss man Blizzard für den Start loben, denn Warteschlangen hat es praktisch keine gegeben, auch Fehler, die Spieler am Einloggen hinderten, gab es de facto nicht - zumindest keine, die Blizzard verschuldet hat, da Diablo 4 es zuletzt auch mit einem längeren DDoS-Angriff zu tun bekommen hat.


Fazit

Auch wenn man in die Headline vielleicht etwas anderes hineininterpretieren kann: Sie bedeutet nicht, dass Diablo 4 ein schlechtes Spiel ist. Es ist ein perfektes Spiel, da es alle Rezeptoren anspricht, die uns Diablo-Fans seit Jahren und Jahrzehnten vor die Bildschirme zieht - also das typische "Noch ein Drop", "Noch ein Versuch, den Build zu optimieren" und "Noch ein Run auf diesen einen schweren Boss".

Das perfektioniert Blizzard in Diablo 4 und dennoch ist diese Perfektion eine gewisse Enttäuschung. Denn das Spiel fühlt sich wie Arbeit an. Man geht in sein Büro in Sanctuary, weil man noch diese oder jene Aufgabe zu erledigen hat. Das kann Spaß sein, ist es aber nicht immer.

Dazu kommt, dass Diablo 4 nicht den Hauch von Selbstironie hat. Kein Augenzwinkern, das das Meer aus Blut, Gedärmen und Dämonen auflockert, kein "Hey, das hier soll alles Spaß machen und ist auch nicht ganz so ernst gemeint".

Wir werden natürlich trotzdem hunderte Stunden in Sanctuary verbringen. Denn das Spiel ist perfekt und enttäuschend zugleich. Wir alle werden immer und immer wieder zurückkommen, weil Diablo 4 eben Diablo ist - und Süchtige keine Wahl haben. Die Enttäuschung ist, dass eben noch mehr möglich gewesen wäre. Denn ein wenig mehr Mut, Abwechslung und Selbstironie hätte dem Spiel eben auch gutgetan.

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