Senf dazu: Der Blackout wird nicht kommen - die Panik ist irrational

Seit Monaten wird die Angst vor drohenden Blackouts herbeigeredet. Unkontrollierbare Stromausfälle sollen das Land in den Kollaps treiben. In unserer hochtechnisierten Welt taugt dies tatsächlich als Panik-Auslöser - doch die Befürchtungen sind komplett irrational.
Winfuture, Kommentar, Senf dazu
Lange waren postapokalyptische Szenarien vor allem ein Thema schön schauriger Kino- und Fernseh-Unterhaltung. Seit dem Ende des Kalten Krieges, in dem die Gefahr eines nuklearen Schlagabtausches zwischen den Supermächten wie eine bleierne Drohung über dem Alltag lag, gab es aber kaum noch einen realen Grund davon auszugehen, dass es wirklich zu einer großflächigen Katastrophe kommen könnte. Nun schien es aber Zeit zu sein, auch der heutigen Generation das Recht auf den großen Schrecken einzuräumen. Infografik Stromausfälle: Droht Deutschland der Blackout?Stromausfälle: Droht Deutschland der Blackout? Die Pandemie taugte dafür kaum - die Coronajahre waren zwar nicht angenehm, doch konnte sich fast jeder auf die eine oder andere Weise mit ihr arrangieren. Denn selbst die umfassenden Kontaktbeschränkungen der größeren Lockdown-Wellen bedeuteten in Zeiten allgegenwärtiger Breitband-Verbindungen und Videochats per Smartphone noch nicht einmal echte Isolation. Um angesichts dieser Erfahrungen für richtig schlechte Stimmung sorgen zu können, muss man schon mehr bieten.

Was also, wenn all diese Optionen plötzlich auch nicht mehr zur Verfügung stehen? Wenn es dunkel wird, kein Mobilfunk-Signal mehr zu empfangen ist und auch der Akku nichts mehr zu bieten hat? Ja, das wäre wirklich schlimm. Und entsprechend umfangreich wird diese Vorstellung aktuell ausgenutzt - entweder von der Opposition auf der rechten Seite des politischen Spektrums, um aus steigender Angst Kapital zu schlagen, oder auch von zahlreichen Medien-Kollegen, die auf Auflage und Klicks spekulieren.

Sachlich bleiben

Einer nüchternen, sachlichen Betrachtung halten die immer wieder beschworenen Blackout-Prognosen aber hierzulande schlicht nicht stand. Immerhin verfügt Deutschland über eine der am weitesten entwickelten und besten Strom-Infrastrukturen der Welt. Das betrifft nicht nur die Vielfalt an Erzeugern, die sich aktuell im Überfluss ergänzen, sondern auch die ihnen folgenden Netzebenen, auf denen zahlreiche, hervorragend ausgebildete Fachkräfte dafür sorgen, dass im Normalfall alles glattläuft - und eventuell auftretende Probleme professionell aufgefangen werden.

Es geht keineswegs darum, die Welt durch eine rosarote Brille zu betrachten. Natürlich kann es zu Schwierigkeiten kommen. Lokale Stromausfälle sind zwar selten, kommen aber vor, etwa wenn bei Bauarbeiten ein Kabel beschädigt wird. Sie sind aber extrem selten geworden. Und es dürfte sich kaum noch jemand daran erinnern, dass abgerissene Äste regelmäßig bei Unwettern Freileitungen herunterholten und man für einige Stunden bei Kerzenschein zusammensaß. Infografik: Verbraucher im Schnitt jährlich 12,7 Minuten ohne StromVerbraucher im Schnitt jährlich 12,7 Minuten ohne Strom Selbst wenn es aufgrund von Versorgungslücken zu Problemen im Stromnetz kommt, bedeutet dies noch lange nicht, dass das Land im Blackout versinkt. In solch einem Fall werden von den Ingenieuren der großen Übertragungsnetzbetreiber sogenannte Brownouts herbeigeführt - das sind quasi erzwungene Stromsparmaßnahmen. Den normalen Verbraucher trifft dieser Schritt als Letztes. Erst einmal werden stromhungrige Industriezweige und andere Großabnehmer heruntergefahren, bis sich die Lage nach einigen Minuten oder Stunden wieder normalisiert.

In ganz schlimmen Fällen kann es hier auch zu regionalen Komplett-Abschaltungen in kontrolliertem Rahmen kommen. Solche Vorfälle sind aber schon sehr lange her - zu sehen beispielsweise in Dokumentationen über den Katastrophen-Winter Ende der 1970er-Jahre, als in der damaligen DDR die Braunkohleförderung regelrecht schockgefrostet und der Reihe nach eine Region nach der anderen zur Zwangspause verdonnert wurde. Es gibt derzeit aber eben keinen Grund anzunehmen, dass es zu solch einer Notlage kommen könnte, wie sich unter anderem aus den Berichten der letzten Strom-Stresstests entnehmen lässt.

Vorfreude statt Panik

Das Risiko eines Blackouts liegt zwar nicht bei null, denn niemand kann ausschließen, dass ein gezielter Anschlag oder ein überraschend auftauchender Meteorit das Stromnetz so ins Kippen bringt, dass die Infrastruktur unkontrolliert zusammenbricht. Es gibt aber keinen triftigeren Grund, viel Geld in den Notkauf von Notstrom-Aggregaten und Ähnliches zu stecken, als in den vergangenen Jahren auch schon.

Wir werden zwar demnächst durchaus im Dunkeln bei Kerzenschein beisammen sitzen, aber nicht wegen der Bundesregierung, sondern weil die Adventszeit kommt. Angst muss das keinem machen.

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