Fahrer, die in Flaschen pinkeln:
Flut an Beweisen nach Amazon-Dementi

Vorwürfe gegen Amazon, wonach man seine Lager-Mitarbeiter schlecht behandelt, sind nicht neu. Zuletzt kamen aber Berichte hinzu, dass die Fahrer des Konzerns viel über sich ergehen lassen müssen. Aktuell geht es um eine Praxis, die mit enormen Zeitdruck zu tun hat.
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Die meisten von uns kennen das Problem: Man bestellt etwas im Internet, freut sich womöglich darauf und wenn es dann so weit ist, muss man sich mit verspäteten oder bei nicht näher genannten Nachbarn abgegebenen Paketen herumschlagen. Das eigentliche Problem ist: Die (miserabel bezahlten) Fahrer handeln in solchen Fällen oft aus absoluter Zeitnot.

Das gilt auch für Fahrer, die von Amazon verkaufte Waren ausliefern. Denn diese sind neben Lagermitarbeitern die wichtigste Stütze des Unternehmens. Doch das schlägt sich nicht unbedingt in der Bezahlung bzw. den Arbeitsbedingungen nieder. In den USA machen gerade wenig appetitliche Berichte die Runde, nämlich von Fahrern, die keine Zeit für eine Pause zum Urinieren haben und immer wieder ihr kleines Geschäft im Lieferwagen erledigen müssen.

Amazon dementiert auf Twitter

Der Konzern hat diese Praxis kategorisch zurückgewiesen: Denn Amazon antwortete einem Politiker, der die Zustände und das Verhindern von Gewerkschaften kommentierte, auf Twitter mit einem kategorischen und ziemlich verschnupft klingenden Dementi: "Sie glauben doch nicht wirklich an die Sache mit dem Pinkeln in Flaschen, oder? Wenn das wahr wäre, würde niemand für uns arbeiten. Die Wahrheit ist, dass wir über eine Million unglaubliche Mitarbeiter auf der ganzen Welt haben, die stolz auf das sind, was sie tun, und die vom ersten Tag an großartige Löhne und Gesundheitsvorsorge haben."

Doch diesen im Tonfall eher aggressiven Tweet hätte sich der Konzern wohl besser überlegen müssen: Denn es folgten zahlreiche Antworten mit Berichten von Betroffenen und auch konkreten Beweisen. Ein britischer Journalist, der ein Buch über den Versandhändler geschrieben hat, berichtete, dass er eine solche Urinflasche gefunden habe und dies entsprechend bestätigen könne.

Auch andere Investigativ-Reporter stellten sich Amazon entgegen. Auf Motherboard erschien nach dem Tweet des Konzerns eine Story mit gleich mehreren Beweisfotos, auch The Intercept antwortete dem Unternehmen mit einem Bericht, der sogar Amazon-interne Mails zeigt, die das Thema behandeln und sich sogar Fäkalien widmen.

Ein Amazon-Logistik-Manager schrieb etwa an einen Mitarbeiter in der Gegend von Pittsburgh: "Wir haben in letzter Zeit einen Anstieg aller Arten von unhygienischem Müll bemerkt, der in Tüten zurückgelassen wird: benutzte Masken, Handschuhe, Urinflaschen." In der Nachricht wird ausgeführt, dass dies nicht akzeptabel sei. Damit meinte er aber nicht unbedingt die Praxis selbst, sondern das Zurücklassen der Tüten in den Lieferfahrzeugen.

Ken Bensinger, Journalist bei BuzzFeed News, hat Aufnahmen eines Zettels veröffentlicht, die ebenfalls beweisen, dass Urinflaschen keine Seltenheit sind. Diese stammen allerdings von einem ehemaligen Subunternehmer Amazons, das Unternehmen wird hier sicherlich die Verantwortung zurückweisen. Und dennoch: Eine urbane Legende sind solche Flaschen sicherlich nicht.
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