Wh*teDate abgeschaltet: Rechtes Datingportal lag völlig offen im Netz
Die Recherche begann mit geduldiger Kleinarbeit. Über Monate hinweg untersuchte die unter dem Pseudonym Martha Root bekannte Hacktivistin das rechtsextreme Datingportal Wh*teDate.net, das mittlerweile offline ist.
Wh*teDate versteht sich als Kontaktbörse mit dem Slogan "Europids seeking tribal love", flankiert von weiteren Angeboten mit ähnlicher Ausrichtung (Wh*teDeal, Wh*teChild). Das Wort Europid ist gängiger Ausdruck der NS-Rassentheorie. Wer also bisher noch nicht verstanden hat, was an dem Portal kritisch sein könnte: Hier treffen sich wissenschaftsfeindliche Extremisten die gern Verschwörungstheorien wie den "weißen Genozid" und den "Rassenaustausch" propagieren. Verbreitet wurde eine rassistische Ideologie, die eigentlich den Verfassungsschutz hätte auf den Plan rufen müssen, das aber wohl bisher nicht passiert ist.
Startseite des Datingportals
Öffentliche Nutzerprofile ließen sich automatisiert auslesen, Bilddateien enthielten unveränderte Metadaten, und interne Strukturen waren ohne größeren Aufwand nachvollziehbar. Besonders die in Fotos eingebetteten EXIF-Daten ermöglichten Rückschlüsse auf Aufnahmeorte, Zeitpunkte und genutzte Geräte und damit potenziell auf reale Aufenthaltsorte von Nutzern - darunter im Übrigen Politiker und andere öffentliche Personen.
Im Verlauf der Recherche dokumentierte Root nicht nur die mangelhafte IT-Sicherheit, sondern auch viele soziale und strukturelle Auffälligkeiten. Die Plattform war nahezu vollständig männlich geprägt (88 Prozent, was laut der Präsentation beim CCC ein schräger Zufall ist), die Geschlechterverteilung also extrem unausgewogen. Vieles davon hat sie in einer Videoserie bei YouTube dokumentiert.
Auf YouTube ansehen
Das Bezahlsystem wirkte fragmentiert und intransparent, Frauen bekommen viel Discount, doch es ist nicht ganz klar, wofür man überhaupt zahlt. Aber: Nur wer bezahlt, kann einen ersten Kontakt starten, und das waren laut der Analyse nur ein geringer Prozentsatz der 8000 Nutzerprofile, zuletzt knapp unter 130 Zahlende. Parallel dazu zeichnete sich eine erstaunlich klare organisatorische Spur ab, die sich über Domain- und Firmeneinträge bis zur Betreiberstruktur verfolgen ließ.
Als Verantwortliche konnte dabei eine Frau aus Schleswig-Holstein benannt werden, die hinter dem Netzwerk steht und dort als Liv Heide auftaucht (die hat nichts zu tun mit der Buchautorin mit dem gleichen Pseudonym). Entdeckt wurde das durch die Markenregistrierung für das Nazi-Datingportal sowie durch einfach zugängliche Informationen von North Data. Denn: Ein Impressum gab es bei der Datingseite und dem Rest des Netzwerks nicht, was mittlerweile auch die Medienanstalt Hamburg/Schleswig Holstein auf den Plan gerufen hat.
Die technische und investigative Dimension der Arbeit rückte nun erneut ins Licht der Öffentlichkeit. Auf der jüngsten Chaos Communication Conference (39c3) wurde die Recherche umfassend vorgestellt. Dort ging es natürlich weniger um spektakuläre Hacks als um methodisches Vorgehen: Web-Scraping, Open-Source-Intelligence, automatisierte Auswertung öffentlicher Daten und der Einsatz KI-gestützter Analysewerkzeuge. Höhepunkt des Vortrags über das Nazi-Netzwerk war im Übrigen ein Script, das Martha Root laufen ließ:
Der Spuk ist vorbei, beim 39c3 wurden die Webseiten offline genommen
Die Datensätze, die so gesichert wurden, umfassen mehrere Tausend Nutzerprofile und einen Datenumfang von rund 100 Gigabyte. Im Ergebnis entstand dann die Webseite okstupid.lol, wo jedes Profil jetzt mit einer Kartoffel an dem entdeckten Ort in der ganzen Welt markiert wurde. Private Nachrichten und E-Mail-Adressen wurden vor der Weitergabe entfernt.
Siehe auch:
Ideologisches Milieu mit fehlendem Technik-Wissen
Sie sichtete öffentlich zugängliche Profildaten, analysierte technische Eigenheiten der Plattform und dokumentierte systematisch deren digitale Strukturen. Schritt für Schritt entstand so ein detailliertes Bild eines abgeschlossenen ideologischen Milieus, das sich "sicher" versteckt im Netz wähnte, dabei jedoch überraschend offenlag.Wh*teDate versteht sich als Kontaktbörse mit dem Slogan "Europids seeking tribal love", flankiert von weiteren Angeboten mit ähnlicher Ausrichtung (Wh*teDeal, Wh*teChild). Das Wort Europid ist gängiger Ausdruck der NS-Rassentheorie. Wer also bisher noch nicht verstanden hat, was an dem Portal kritisch sein könnte: Hier treffen sich wissenschaftsfeindliche Extremisten die gern Verschwörungstheorien wie den "weißen Genozid" und den "Rassenaustausch" propagieren. Verbreitet wurde eine rassistische Ideologie, die eigentlich den Verfassungsschutz hätte auf den Plan rufen müssen, das aber wohl bisher nicht passiert ist.
Startseite des Datingportals
Massive und offensichtliche Schwächen
Neu ist die Idee, dass sich "Weiße nur untereinander" online daten natürlich nicht, die Betreiberin hat die Idee von anderen übernommen und bei der Umsetzung eine Reihe an Fehlern begangen. Martha Root stieß auf massive Schwächen in der technischen Umsetzung der Plattform.Öffentliche Nutzerprofile ließen sich automatisiert auslesen, Bilddateien enthielten unveränderte Metadaten, und interne Strukturen waren ohne größeren Aufwand nachvollziehbar. Besonders die in Fotos eingebetteten EXIF-Daten ermöglichten Rückschlüsse auf Aufnahmeorte, Zeitpunkte und genutzte Geräte und damit potenziell auf reale Aufenthaltsorte von Nutzern - darunter im Übrigen Politiker und andere öffentliche Personen.
Im Verlauf der Recherche dokumentierte Root nicht nur die mangelhafte IT-Sicherheit, sondern auch viele soziale und strukturelle Auffälligkeiten. Die Plattform war nahezu vollständig männlich geprägt (88 Prozent, was laut der Präsentation beim CCC ein schräger Zufall ist), die Geschlechterverteilung also extrem unausgewogen. Vieles davon hat sie in einer Videoserie bei YouTube dokumentiert.
Auf YouTube ansehenDas Bezahlsystem wirkte fragmentiert und intransparent, Frauen bekommen viel Discount, doch es ist nicht ganz klar, wofür man überhaupt zahlt. Aber: Nur wer bezahlt, kann einen ersten Kontakt starten, und das waren laut der Analyse nur ein geringer Prozentsatz der 8000 Nutzerprofile, zuletzt knapp unter 130 Zahlende. Parallel dazu zeichnete sich eine erstaunlich klare organisatorische Spur ab, die sich über Domain- und Firmeneinträge bis zur Betreiberstruktur verfolgen ließ.
Rechtsextremes Online-Ökosystem
Nach Monaten der Analyse veröffentlichte Root ihre Erkenntnisse zunächst journalistisch aufbereitet. In einem Bericht, den sie mit der Zeit (Paywall) und den beiden Journalisten Eva Hoffmann und Christian Fuchs schon vor einigen Wochen veröffentlichte, rückte sie Wh*teDate als Teil eines größeren rechtsextremen Online-Ökosystems in den Fokus.Problematische ideologische Vernetzung
Der Artikel machte deutlich, dass es sich nicht um ein isoliertes Nischenprojekt handelt, sondern um den Versuch, ideologische Vernetzung, Partnersuche und Identitätsstiftung digital zusammenzuführen. Im Aufbau befinden sich unter anderem noch ein Shop und eine Art Universität.Als Verantwortliche konnte dabei eine Frau aus Schleswig-Holstein benannt werden, die hinter dem Netzwerk steht und dort als Liv Heide auftaucht (die hat nichts zu tun mit der Buchautorin mit dem gleichen Pseudonym). Entdeckt wurde das durch die Markenregistrierung für das Nazi-Datingportal sowie durch einfach zugängliche Informationen von North Data. Denn: Ein Impressum gab es bei der Datingseite und dem Rest des Netzwerks nicht, was mittlerweile auch die Medienanstalt Hamburg/Schleswig Holstein auf den Plan gerufen hat.
Die technische und investigative Dimension der Arbeit rückte nun erneut ins Licht der Öffentlichkeit. Auf der jüngsten Chaos Communication Conference (39c3) wurde die Recherche umfassend vorgestellt. Dort ging es natürlich weniger um spektakuläre Hacks als um methodisches Vorgehen: Web-Scraping, Open-Source-Intelligence, automatisierte Auswertung öffentlicher Daten und der Einsatz KI-gestützter Analysewerkzeuge. Höhepunkt des Vortrags über das Nazi-Netzwerk war im Übrigen ein Script, das Martha Root laufen ließ:
Der Spuk ist vorbei, beim 39c3 wurden die Webseiten offline genommen
Datenbank und Backups gelöscht
Dargestellt wurde zudem der Fakt, dass dieses Netzwerk für weiße Suprematisten auf veralteter Infrastruktur basiert und aus Indien bespielt wurde. Zudem ließ sich auf einer öffentlich zugänglichen URL der Download der Nutzerdatenbank starten, wo demonstriert wurde, wie man Passwörter ändern und Datenbank und Backups löschen kann.Die Datensätze, die so gesichert wurden, umfassen mehrere Tausend Nutzerprofile und einen Datenumfang von rund 100 Gigabyte. Im Ergebnis entstand dann die Webseite okstupid.lol, wo jedes Profil jetzt mit einer Kartoffel an dem entdeckten Ort in der ganzen Welt markiert wurde. Private Nachrichten und E-Mail-Adressen wurden vor der Weitergabe entfernt.
Disclaimer: Wir haben auf die korrekten Namen der Plattform vorsichtshalber verzichtet, da laut der Präsentation beim 39c3 die Betreiberin mithilfe ihres Anwalts mehrere Tausend Goldunzen für die Nennung des Markennamens einfordert.
Zusammenfassung
- Hacktivistin Martha Root deckte rechtsextremes Datingportal auf
- Das Portal mit dem Slogan 'Europids seeking tribal love' ist offline
- Technische Schwachstellen ermöglichten umfangreiche Datenbeschaffung
- 88 Prozent der rund 8000 Nutzerprofile waren männlich geprägt
- Liv Heide aus Schleswig-Holstein wurde als Verantwortliche identifiziert
- Recherchen wurden auf der 39c3 Konferenz detailliert vorgestellt
- Aufgedeckte Daten wurden anonymisiert auf okstupid.lol visualisiert
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