"Gasfalle": Warum Kohleausstieg eine schlechte Rechnung sein kann
Kohle ist vielerorts Geschichte, auch Deutschland hat den fossilen Brennstoff aus dem Strommix verbannt. Doch hinter dieser Erfolgsmeldung lauert laut Studie ein Problem - eines, das nicht nach Rauch riecht, aber Erneuerbare ausbremst.
Bård Harstad von der Stanford University und Katinka Holtsmark von der Universität Oslo haben das Dilemma in einem ökonomischen Modell analysiert. Ihre zentrale These: Je stärker Länder den Ausstieg aus der Kohle vorantreiben, desto attraktiver wird Gas - und desto weniger wird noch in echte Alternativen investiert. "Das Paradoxe ist: Gerade, weil sie so klimabewusst handeln, produzieren manche Länder noch mehr Gas", so Harstad. Die Folge: Statt auf Wind und Sonne zu setzen, sichern sich viele Strommärkte günstiges Gas - und bremsen damit den Umbau der Energieinfrastruktur.
Der Effekt lässt sich ökonomisch erklären. Erneuerbare Energiequellen wie Solar- und Windkraft brauchen hohe Anfangsinvestitionen und Jahre, um rentabel zu werden. Gas hingegen ist flexibel, schnell verfügbar - und bei Überproduktion auch noch billig. Genau das aber zerstört die Anreize, neue Solarfarmen oder Windparks zu bauen. So führt der kurzfristige Klimaschutz zu langfristig höheren Emissionen - mehr als durch direkten Kohleverbrauch entstanden wären, argumentieren die Forscher.
Besonders deutlich zeigt sich das am Beispiel Norwegens, das in der Studie als Modellfall dient. Die staatlich subventionierte Gasförderung macht erneuerbare Investitionen für private Akteure unattraktiv. Es fehlt das Signal, dass sich Geduld lohnen wird.
Drittens brauche es möglicherweise eine Art "Gas-OPEC": ein Zusammenschluss von Exportländern, der den Markt reguliert - weniger aus Klimaschutz-, sondern aus Preisinteresse. Die Autoren schreiben, dass auch Länder mit geringen Klimazielen in einer solchen Koalition mitwirken könnten - sofern sie von steigenden Exportpreisen profitieren.
Siehe auch:
Kohleausstieg führt in die Gasfalle? Studie warnt
Denn an die Stelle der Kohle tritt vielerorts Erdgas. Es stößt beim Verbrennen zwar nur etwa halb so viel CO₂ aus - gilt also als "besseres Fossil". Doch genau diese scheinbare Verbesserung sorgt laut einer neuen Studie dafür, dass Länder sich in eine Falle manövrieren, die sie selbst gestellt haben: die Gasfalle.Bård Harstad von der Stanford University und Katinka Holtsmark von der Universität Oslo haben das Dilemma in einem ökonomischen Modell analysiert. Ihre zentrale These: Je stärker Länder den Ausstieg aus der Kohle vorantreiben, desto attraktiver wird Gas - und desto weniger wird noch in echte Alternativen investiert. "Das Paradoxe ist: Gerade, weil sie so klimabewusst handeln, produzieren manche Länder noch mehr Gas", so Harstad. Die Folge: Statt auf Wind und Sonne zu setzen, sichern sich viele Strommärkte günstiges Gas - und bremsen damit den Umbau der Energieinfrastruktur.
Der Effekt lässt sich ökonomisch erklären. Erneuerbare Energiequellen wie Solar- und Windkraft brauchen hohe Anfangsinvestitionen und Jahre, um rentabel zu werden. Gas hingegen ist flexibel, schnell verfügbar - und bei Überproduktion auch noch billig. Genau das aber zerstört die Anreize, neue Solarfarmen oder Windparks zu bauen. So führt der kurzfristige Klimaschutz zu langfristig höheren Emissionen - mehr als durch direkten Kohleverbrauch entstanden wären, argumentieren die Forscher.
Besonders deutlich zeigt sich das am Beispiel Norwegens, das in der Studie als Modellfall dient. Die staatlich subventionierte Gasförderung macht erneuerbare Investitionen für private Akteure unattraktiv. Es fehlt das Signal, dass sich Geduld lohnen wird.
Gegenmaßnahmen
Was also tun? Harstad und Holtsmark schlagen drei Gegenmaßnahmen vor: Erstens sollten Förderländer selbst massiv in Erneuerbare investieren - nicht aus Idealismus, sondern als langfristige Strategie. Zweitens könne eine Steuer auf Gas-Exploration verhindern, dass neue Vorkommen erschlossen werden.Drittens brauche es möglicherweise eine Art "Gas-OPEC": ein Zusammenschluss von Exportländern, der den Markt reguliert - weniger aus Klimaschutz-, sondern aus Preisinteresse. Die Autoren schreiben, dass auch Länder mit geringen Klimazielen in einer solchen Koalition mitwirken könnten - sofern sie von steigenden Exportpreisen profitieren.
FAQ: Kohleausstieg in Deutschland
Was ist der aktuelle Zeitplan?
In Deutschland ist der Kohleausstieg bis spätestens 2038 gesetzlich festgelegt. Dies wurde im Juli 2020 mit dem Kohleausstiegsgesetz beschlossen, basierend auf den Empfehlungen der Kommission "Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung".
Für Nordrhein-Westfalen wurde allerdings bereits eine Vereinbarung getroffen, den Braunkohleausstieg auf 2030 vorzuziehen. Auch die aktuelle Bundesregierung strebt laut Koalitionsvertrag einen bundesweiten Kohleausstieg "idealerweise" bis 2030 an, wobei die konkrete Umsetzung in den östlichen Bundesländern noch kontrovers diskutiert wird.
Für Nordrhein-Westfalen wurde allerdings bereits eine Vereinbarung getroffen, den Braunkohleausstieg auf 2030 vorzuziehen. Auch die aktuelle Bundesregierung strebt laut Koalitionsvertrag einen bundesweiten Kohleausstieg "idealerweise" bis 2030 an, wobei die konkrete Umsetzung in den östlichen Bundesländern noch kontrovers diskutiert wird.
Warum ist der Ausstieg wichtig?
Der Kohleausstieg gilt als einer der wichtigsten Hebel zur Reduktion von Treibhausgasemissionen. Kein anderer Energieträger verursacht beim Verbrennen mehr CO2 als Kohle, wobei Braunkohle besonders klimaschädlich ist.
Zudem trägt der Ausstieg zur Verbesserung der Luftqualität bei und verringert gesundheitliche Belastungen durch Schadstoffe. Um die im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Ziele zu erreichen und die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen, wird ein weltweiter Kohleausstieg bis spätestens 2030 für Industriestaaten als notwendig erachtet.
Zudem trägt der Ausstieg zur Verbesserung der Luftqualität bei und verringert gesundheitliche Belastungen durch Schadstoffe. Um die im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Ziele zu erreichen und die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen, wird ein weltweiter Kohleausstieg bis spätestens 2030 für Industriestaaten als notwendig erachtet.
Was passiert mit den Regionen?
Für die vom Kohleausstieg betroffenen Regionen hat die Bundesregierung umfangreiche Strukturhilfen beschlossen. Bis 2038 stehen insgesamt bis zu 40 Milliarden Euro für die Braunkohleregionen und Standorte von Steinkohlekraftwerken zur Verfügung.
Mit diesen Mitteln sollen neue wirtschaftliche Perspektiven geschaffen und der Strukturwandel sozialverträglich gestaltet werden. Für ältere Arbeitnehmer wurde zudem ein Anpassungsgeld bis 2043 eingeführt, ähnlich wie es bereits für den Steinkohlebergbau existierte.
Mit diesen Mitteln sollen neue wirtschaftliche Perspektiven geschaffen und der Strukturwandel sozialverträglich gestaltet werden. Für ältere Arbeitnehmer wurde zudem ein Anpassungsgeld bis 2043 eingeführt, ähnlich wie es bereits für den Steinkohlebergbau existierte.
Steigen die Strompreise?
Die Auswirkungen des Kohleausstiegs auf die Strompreise werden kontrovers diskutiert. Laut einigen Studien könnten die Großhandelspreise für Strom mittelfristig durch den Kohleausstieg steigen - laut einer Studie von Oliver Wyman von etwa 40 Euro pro Megawattstunde im Jahr 2018 auf über 65 Euro im Jahr 2022.
Andere Analysen, wie etwa von Energy-Brainpool, kommen hingegen zu dem Schluss, dass der Kohleausstieg allein keine signifikanten Auswirkungen auf die Strompreise haben würde. Mit fortschreitendem Ausbau erneuerbarer Energien könnten die Preise mittelfristig sogar wieder sinken.
Andere Analysen, wie etwa von Energy-Brainpool, kommen hingegen zu dem Schluss, dass der Kohleausstieg allein keine signifikanten Auswirkungen auf die Strompreise haben würde. Mit fortschreitendem Ausbau erneuerbarer Energien könnten die Preise mittelfristig sogar wieder sinken.
Ist unsere Stromversorgung sicher?
Die Gewährleistung der Versorgungssicherheit ist ein zentraler Aspekt bei der Umsetzung des Kohleausstiegs. Studien des Bundeswirtschaftsministeriums und der Bundesnetzagentur haben ergeben, dass Deutschland auch nach Abschaltung von Kohlekraftwerken über ausreichende Erzeugungskapazitäten verfügen würde.
Der Kohleausstieg wird durch den massiven Ausbau erneuerbarer Energien begleitet - bis 2030 sollen mindestens 80 Prozent des verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Zudem sollen wasserstofffähige Gaskraftwerke als Brückentechnologie dienen und bei Bedarf die Stromversorgung sichern.
Der Kohleausstieg wird durch den massiven Ausbau erneuerbarer Energien begleitet - bis 2030 sollen mindestens 80 Prozent des verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Zudem sollen wasserstofffähige Gaskraftwerke als Brückentechnologie dienen und bei Bedarf die Stromversorgung sichern.
Wie ist die Meinung der Bevölkerung?
Umfragen zufolge steht die deutsche Bevölkerung der Kohleverstromung mehrheitlich ablehnend gegenüber. Laut einer repräsentativen Umfrage befürworten etwa 80 Prozent der Deutschen einen Kohleausstieg, wobei die Vorstellungen über den Zeitpunkt variieren.
Etwa 17,7 Prozent sprachen sich für einen sofortigen Ausstieg aus, 32,3 Prozent für einen Ausstieg bis 2020, 28,9 Prozent bis 2030 und nur 8,8 Prozent lehnen einen Kohleausstieg grundsätzlich ab. Die Unterstützung für einen ambitionierten Kohleausstieg hat in den letzten Jahren zugenommen.
Etwa 17,7 Prozent sprachen sich für einen sofortigen Ausstieg aus, 32,3 Prozent für einen Ausstieg bis 2020, 28,9 Prozent bis 2030 und nur 8,8 Prozent lehnen einen Kohleausstieg grundsätzlich ab. Die Unterstützung für einen ambitionierten Kohleausstieg hat in den letzten Jahren zugenommen.
Welche Alternativen gibt es?
Der Ausstieg aus der Kohleverstromung geht mit einem massiven Ausbau erneuerbarer Energien einher. Wind- und Solarenergie bilden dabei das Rückgrat der zukünftigen Energieversorgung und lieferten 2020 bereits mehr Strom als Kohlekraftwerke in der EU.
Als Übergangslösung für die Zeiten, in denen weder Wind noch Sonne ausreichend Energie liefern, sollen zunächst wasserstofffähige Gaskraftwerke dienen. Langfristig sollen Energiespeicher, ein ausgebautes Stromnetz und eine flexiblere Nachfrage die Versorgungssicherheit gewährleisten.
Als Übergangslösung für die Zeiten, in denen weder Wind noch Sonne ausreichend Energie liefern, sollen zunächst wasserstofffähige Gaskraftwerke dienen. Langfristig sollen Energiespeicher, ein ausgebautes Stromnetz und eine flexiblere Nachfrage die Versorgungssicherheit gewährleisten.
Was sind die größten Herausforderungen?
Die größte Herausforderung beim Kohleausstieg besteht darin, Klimaschutz, Versorgungssicherheit und soziale Verträglichkeit in Einklang zu bringen. Insbesondere der Ausbau der Erneuerbaren muss deutlich beschleunigt werden, um die Klimaziele zu erreichen.
Eine weitere Herausforderung stellt der wirtschaftliche Strukturwandel in den Kohleregionen dar. Hier müssen neue Arbeitsplätze und Wirtschaftszweige geschaffen werden, um den Verlust von Arbeitsplätzen in der Kohleindustrie auszugleichen. Zudem müssen ausreichend Netzkapazitäten und Speichertechnologien entwickelt werden.
Eine weitere Herausforderung stellt der wirtschaftliche Strukturwandel in den Kohleregionen dar. Hier müssen neue Arbeitsplätze und Wirtschaftszweige geschaffen werden, um den Verlust von Arbeitsplätzen in der Kohleindustrie auszugleichen. Zudem müssen ausreichend Netzkapazitäten und Speichertechnologien entwickelt werden.
Zusammenfassung
- Der Umstieg von Kohle auf Gas schafft laut Studie ein verstecktes Problem
- Erdgas gilt als 'besseres Fossil', kann aber langfristig in eine 'Gasfalle' führen
- Forscher Harstad und Holtsmark warnen vor paradoxen klimapolitischen Effekten
- Günstige Gaspreise bremsen Investitionen in erneuerbare Energiequellen
- Kurzfristiger Klimaschutz führt so zu langfristig höheren Emissionswerten
- Norwegen zeigt die Problematik der staatlich subventionierten Gasförderung
- Lösungsansätze umfassen staatliche Investments und eine Gas-Besteuerung
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