Betrug: Tausende Balkonkraftwerke bald ohne Zulassung? (Update 2)

Leider kann man es wohl nicht anders nennen als "Betrug", was ein You­Tu­ber hier aufgedeckt hat. Den Recherchen zufolge hat Deye in seinen Balkonkraftwerk-Wechselrichtern auf ein si­cher­heits­re­le­van­tes Relais verzichtet, das für die notwendige Zer­ti­fi­zie­rung Vo­raus­set­zung ist.
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Update vom 13. Juni: Inzwischen liegt auch von der Bundesnetzagentur (BNetzA) ein Statement vor, was wir am Ende des Artikels angefügt haben.

Update vom 11. Juni: Inzwischen liegt ein Statement von Deye vor. Am Ende des Artikels findet Ihr das Statement im Wortlaut.

Aber der Reihe nach: Der Wechselrichter im Balkonkraftwerk wandelt den Gleichstrom aus den Solarzellen in Wechselstrom um und speist diesen netzsynchron ins Stromnetz ein. In den meisten Fällen geschieht das Einspeisen per Schukostecker in eine herkömmliche Steckdose. Zieht man nun den Stecker aus der Wand, muss der Wechselrichter dies erkennen und sofort den Strom abstellen - andernfalls lägen auf dem blanken Stecker schließlich 230 V an.

Auch für Netztechniker könnte eine fehlerhafte Abschaltung lebensgefährlich werden. Schließlich könnte so aus einem Haushalt Strom zurück ins Netz fließen, auch wenn der Strom eigentlich abgeschaltet sein sollte.

Für diesen Abschaltmechanismus namens Netz- und Anlagenschutz (NA-Schutz) gibt es in allen netzsynchronen Wechselrichtern einen elektronischen Mechanismus, der den Strom abdreht, sobald keine Netzspannung mehr erkannt wird. Die VDE-Norm VDE-AR-N 4105 schreibt allerdings noch einen zweiten Schutzmechanismus vor, der für eine galvanische Trennung sorgt. Laut Norm soll die Abschaltung nach spätestens 0,2 Sekunden erfolgen.

Um die galvanische Trennung kümmert sich ein Relais. Der Balkonkraftwerk-Pionier Holger Laudeley hat mehrere Deye-Wechselrichter zerlegt, in denen allesamt dieses Relais fehlte. Das Perplexe: Auf der Platine ist jeweils sogar ein Platz für das entsprechende Bauteil vorhanden. Womöglich hatte Deye das Relais in jenen Wechselrichtern verbaut, die für die Zertifizierung an Intertek geschickt wurden - und nachträglich weggelassen.

Eine plausible Erklärung dafür wäre, dass solche Relais eine Schwachstelle darstellen, gerade wenn ein jahrzehntelanger Betrieb garantiert sein soll. Eine Reparatur der vergossenen Geräte ist quasi nicht möglich. Die stattdessen verbaute Überbrückung hält natürlich ewig.

Wie schlimm ist das fehlende Relais?

Für die Praxis dürfte es zunächst keine unmittelbaren Auswirkungen geben. Alle von den genannten YouTubern und anderen Publikationen getesteten Deye-Wechselrichter schalten wohl zuverlässig und unmittelbar den Strom ab, sobald eine Netztrennung erfolgt. Allerdings ist eben nicht auszuschließen, dass weiter Strom eingespeist wird, wenn diese Abschaltautomatik fehlschlägt - und die fehlende Redundanz kann dann in einigen wenigen Fällen gefährlich werden.

Nachdem das VDE-Zertifikat für die betroffenen Wechselrichter von Deye mit dem fehlenden NA-Schutz durch galvanische Trennung ungültig ist, ist damit, zumindest in der Theorie (in der Praxis wird der Hersteller derzeit nicht abgefragt), auch keine Meldung im Marktstammdatenregister möglich - und womöglich verlieren bereits gemeldete Anlagen ihre Zulassung. Unsere Kollegen von Nextpit haben die Bundesnetzagentur dazu um ein Statement gebeten. Sobald eine Antwort vorliegt, werden wir diesen Artikel aktualisieren.

Ist mein Balkonkraftwerk-Wechselrichter betroffen?

Leider ist es nicht so ohne Weiteres möglich, festzustellen, ob der eigene Wechselrichter betroffen ist. Ein Indiz für das Vorhandensein des fraglichen Relais ist allerdings, ob beim Hochfahren des Wechselrichters nach etwa 30 Sekunden bis drei Minuten ein Klicken zu hören ist. Den aktuellen Berichten nach zu urteilen, sind auf jeden Fall zahlreiche Wechselrichter von Deye betroffen, darunter auch das für Balkonkraftwerke extrem beliebte 600-W-Modell SUN600G3, das beispielsweise auch in Balkonkraftwerk-Sets von Netto enthalten ist.

Was sagt Ihr denn zu dem Thema: Heißer gekocht als gegessen - oder ein echter Skandal?

Statement von Deye:

Dear customers,
We would like to inform you about the current situation regarding our micro inverters that we manufactured and sold to distributors in Germany and Austria.
As you might have read in the media over the past few days, the lack of a relay in some of our micro inverters has been publicly criticised. It is important for us to assure you that this is primarily a regulatory issue and no danger from the operation of the inverters has been proven so far. We are not aware of any incidents where harm to users or damage to material has been caused by our products.
DEYE is committed to working closely with the relevant Federal Network Agency to meet all regulatory requirements and to clear up any misunderstandings. This process is ongoing, and we expect the situation to be fully clarified within a short period of time.
We are in constant dialogue with all parties involved to ensure that we can provide you with the most up-to-date information without delay. Your satisfaction and confidence in our products remain our top priority. Please be assured that we will get back to you with an official statement as soon as the communication with the responsible authorities has progressed further. Until then, we ask for your patience and assure you once again that the operation of our micro inverters is safe to the best of our knowledge. We thank you for your trust and patience in this matter.
Yours sincerely,
David Ji
Deputy General Manager


Deutsche Übersetzung von DeepL.com:

Sehr geehrte Kunden,
wir möchten Sie über die aktuelle Situation bei unseren Mikro-Wechselrichtern informieren, die wir hergestellt und an Händler in Deutschland und Österreich verkauft haben.
Wie Sie vielleicht in den letzten Tagen in den Medien gelesen haben, ist das Fehlen eines Relais in einigen unserer Mikro-Wechselrichter öffentlich kritisiert worden. Es ist uns wichtig, Ihnen zu versichern, dass es sich hierbei in erster Linie um eine regulatorische Frage handelt und bisher keine Gefahr durch den Betrieb der Wechselrichter nachgewiesen wurde. Uns sind keine Vorfälle bekannt, bei denen Nutzer oder Material durch unsere Produkte zu Schaden gekommen sind.
DEYE ist bestrebt, eng mit der zuständigen Bundesnetzagentur zusammenzuarbeiten, um alle regulatorischen Anforderungen zu erfüllen und Missverständnisse auszuräumen. Dieser Prozess ist im Gange, und wir erwarten, dass die Situation in Kürze vollständig geklärt sein wird.
Wir stehen in ständigem Dialog mit allen Beteiligten, um sicherzustellen, dass wir Sie unverzüglich mit den aktuellsten Informationen versorgen können. Ihre Zufriedenheit und Ihr Vertrauen in unsere Produkte haben für uns oberste Priorität.
Bitte seien Sie versichert, dass wir uns mit einer offiziellen Stellungnahme an Sie wenden werden, sobald die Kommunikation mit den zuständigen Behörden weiter fortgeschritten ist. Bis dahin bitten wir Sie um Geduld und versichern Ihnen noch einmal, dass der Betrieb unserer Mikro-Wechselrichter nach bestem Wissen und Gewissen sicher ist.
Wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen und Ihre Geduld in dieser Angelegenheit.
Mit freundlichen Grüßen
David Ji
Stellvertretender Generaldirektor

Statement der Bundesnetzagentur zum #relaisgate

Inzwischen ist auch von der Bundesnetzagentur ein Statement zu dem Thema eingetrudelt. Demnach hat Deye gegenüber der Bundesnetzagentur Abhilfemaßnahmen vorgeschlagen. Man prüfe derzeit, welche Maßnahmen auszusprechen seien. Das hänge auch davon ab, ob die freiwilligen Maßnahmen des Hersteller ausreichten. Zu der Eintragung schreibt ein Sprecher der Bundesnetzagentur:

Bei Meldungen von Stromerzeugungseinheiten mit dem Energieträger "Solare Strahlungsenergie" zum Marktstammdatenregister sind Angaben zum Herstellers in der Regel nicht erforderlich. Sofern Anlagen zeitweise außer Betrieb genommen wird, ist gegebenenfalls eine Meldung zum Betriebs-Status erforderlich. Änderungsmeldungen zu Stammdaten von Anlagen sind in der Regel nur bei Änderungen an der jeweiligen Anlagen erforderlich.

Auch Deye wendete sich mit einem weiteren Statement offenbar direkt an betroffene Kunden und Händler und stellt darin eine externe Abschaltvorrichtung vor, die direkt an die Netzsteckdose des Wechselrichters angeschlossen werden kann. Darin verbaut ist das geforderte Relais nebst der zugehörigen Mess- und Abschaltelektronik. Die Bundesnetzagentur hat gegenüber Golem auch bereits bestätigt, dass diese Lösung wohl in Prüfung ist: "Aktuell liegen der BNetzA entsprechende Hinweise zu Produkten der Firma Ningbo Deye Inverter Technology Co., Ltd. vor. Der Hersteller hat gegenüber der Bundesnetzagentur Abhilfemaßnahmen vorgeschlagen, die aktuell geprüft werden." Deye WechselrichterSo soll die Lösung von Deye aussehen - die galvanische Trennung würde hier sogar noch vor dem Wechselrichter erfolgen Auf jeden Fall ist doch positiv anzumerken, dass man offensichtlich aktiv bemüht ist, das Problem anzugehen. Das gilt sowohl für die Kommunikation als auch für das aktive Suchen nach einer Lösung gemeinsam mit der Bundesnetzagentur.

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Zusammenfassung
  • Betrug durch Deye: Wechselrichter ohne sicherheitsrelevantes Relais
  • Stromabstellung bei Netztrennung notwendig
  • Netz- & Anlagenschutz mittels Relais
  • Deye-Wechselrichter ohne Relais, aber Platz für dieses
  • Stromabstellung funktioniert zwar, aber fehlende Redundanz
  • VDE-Zertifikat ungültig, Anlagen möglicherweise nicht mehr zugelassen

Siehe auch:


Dieser Inhalt kommt von unserem Partner Nextpit und ist am 10. Juli 2023 unter dem Titel "Betrug: Verlieren bald Tausende Balkonkraftwerke ihre Zulassung?" erschienen. Hat er Euch gefallen? Dann schaut doch bei unseren lieben Kollegen von Nextpit vorbei und findet weitere großartige Inhalte wie diesen!
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