Forscher nutzen Atommüll smart:
Recycling statt ewiges Lagerproblem
Während Deutschland weiter über Endlager diskutiert, beschreiben Forscher einen neuen Ausweg für Teile des ewigen Problems: nicht das Vergraben, sondern das Weiterverwenden radioaktiver Abfälle - als Treibstoff für neuartige Mini-Kraftwerke.
Ein Forschungsteam um Nick Brown, Professor für Nukleartechnik an der University of Tennessee in Knoxville, untersucht, wie sich abgebrannte Brennelemente in sogenannten Mikroreaktoren erneut nutzen lassen. Diese Anlagen sind kaum größer als ein Container und könnten Strom für abgelegene Regionen oder kritische Infrastruktur liefern.
Im Zentrum steht das Projekt MATRICY, geleitet von der Stony Brook University in New York und gefördert durch die US-Energiebehörde ARPA-E. Das Team entwickelte Verfahren, mit denen sich schwerere Spaltstoffe - sogenannte Transurane wie Plutonium oder Neptunium - in neuen Brennstoffen binden lassen.
Gleichzeitig liefern die recycelten Stoffe vier- bis siebenmal mehr Energie pro Kilogramm Brennstoff als herkömmlich angereichertes Uran - nicht, weil die Reaktoren effizienter wären, sondern weil Transurane einen viel höheren Anteil spaltbarer Kerne enthalten. So könnte derselbe Brennstoff deutlich länger genutzt werden, bevor er ersetzt werden muss.
Für Länder wie Deutschland, die den Ausstieg längst beschlossen haben, klingt das nach einem Widerspruch. Doch der technologische Ansatz bleibt relevant: Wenn Altbrennstoffe künftig wiederverwertet werden können, ließen sich auch Teile des europäischen Abfallproblems langfristig neu bewerten. Noch ist das Verfahren ein Forschungsprojekt. Doch es zeigt, dass die Zukunft der Kerntechnik nicht nur in größeren Sicherheitsmargen, sondern in intelligenteren Stoffkreisläufen liegen könnte. "Das ist nicht nur ein Entsorgungsprojekt, sondern eine Energiefrage", sagt Brown.
Siehe auch:
Eine smarte Antwort auf eine ewige Frage
Wenige Technologiefelder verkörpern die Ambivalenz des Fortschritts so deutlich wie die Atomkraft. Nach dem Ausstieg bleibt die Frage, wohin mit dem hoch radioaktiven Abfall. In Deutschland ist die Endlagersuche bis heute ungelöst. Jenseits des Atlantiks denken Ingenieure das Problem neu - Teile der Last könnten zur Ressource werden.Ein Forschungsteam um Nick Brown, Professor für Nukleartechnik an der University of Tennessee in Knoxville, untersucht, wie sich abgebrannte Brennelemente in sogenannten Mikroreaktoren erneut nutzen lassen. Diese Anlagen sind kaum größer als ein Container und könnten Strom für abgelegene Regionen oder kritische Infrastruktur liefern.
Im Zentrum steht das Projekt MATRICY, geleitet von der Stony Brook University in New York und gefördert durch die US-Energiebehörde ARPA-E. Das Team entwickelte Verfahren, mit denen sich schwerere Spaltstoffe - sogenannte Transurane wie Plutonium oder Neptunium - in neuen Brennstoffen binden lassen.
Klein, mobil - und überraschend ergiebig
Das Konzept kombiniert zwei Probleme zu einer Lösung: den Umgang mit Atommüll und die dezentrale Energieversorgung. Statt neue Brennstoffe zu produzieren, würde vorhandenes Material genutzt. Die Forscher berechneten, dass sich die Menge des wirklich unbrauchbaren Restmaterials um rund 93 Prozent verringern ließe, weil ein Großteil des Abfalls erneut "verbrannt" wird.Gleichzeitig liefern die recycelten Stoffe vier- bis siebenmal mehr Energie pro Kilogramm Brennstoff als herkömmlich angereichertes Uran - nicht, weil die Reaktoren effizienter wären, sondern weil Transurane einen viel höheren Anteil spaltbarer Kerne enthalten. So könnte derselbe Brennstoff deutlich länger genutzt werden, bevor er ersetzt werden muss.
Energie zum Mitnehmen
Die kompakten Reaktoren sind darauf ausgelegt, mobil betrieben zu werden - etwa auf Lastwagen oder Zügen - und könnten in entlegenen Regionen oder bei Netzausfällen Energie bereitstellen. Dank der robusten TRISO-Brennstoffe, die aus keramisch umhüllten Partikeln bestehen, gilt das Konzept als besonders sicher.Für Länder wie Deutschland, die den Ausstieg längst beschlossen haben, klingt das nach einem Widerspruch. Doch der technologische Ansatz bleibt relevant: Wenn Altbrennstoffe künftig wiederverwertet werden können, ließen sich auch Teile des europäischen Abfallproblems langfristig neu bewerten. Noch ist das Verfahren ein Forschungsprojekt. Doch es zeigt, dass die Zukunft der Kerntechnik nicht nur in größeren Sicherheitsmargen, sondern in intelligenteren Stoffkreisläufen liegen könnte. "Das ist nicht nur ein Entsorgungsprojekt, sondern eine Energiefrage", sagt Brown.
Was sind Small Modular Reactors (SMR)?
Small Modular Reactors sind kompakte Kernreaktoren mit einer elektrischen Leistung von typischerweise unter 300 Megawatt - deutlich kleiner als konventionelle Atomkraftwerke mit 1.000-1.600 MW. Der Begriff "modular" bezieht sich auf die Bauweise: Komponenten werden vorgefertigt und vor Ort zusammengesetzt.
Diese Reaktoren sollen günstiger, sicherer und flexibler sein als Großkraftwerke. Durch Serienfertigung in Fabriken statt individueller Konstruktion auf Baustellen könnten Kosten und Bauzeiten drastisch sinken - so zumindest die Theorie.
SMR werden als Lösung für die Energiewende diskutiert: Sie könnten erneuerbare Energien ergänzen, abgelegene Regionen versorgen oder industrielle Prozesswärme liefern. Kritiker bezweifeln jedoch Wirtschaftlichkeit und Sicherheit.
Diese Reaktoren sollen günstiger, sicherer und flexibler sein als Großkraftwerke. Durch Serienfertigung in Fabriken statt individueller Konstruktion auf Baustellen könnten Kosten und Bauzeiten drastisch sinken - so zumindest die Theorie.
SMR werden als Lösung für die Energiewende diskutiert: Sie könnten erneuerbare Energien ergänzen, abgelegene Regionen versorgen oder industrielle Prozesswärme liefern. Kritiker bezweifeln jedoch Wirtschaftlichkeit und Sicherheit.
Welche Vorteile sollen SMR bieten?
Geringere Investitionskosten durch kleinere Anlagengröße und Serienfertigung machen SMR für mehr Betreiber finanzierbar. Statt Milliarden in ein Großkraftwerk zu investieren, können mehrere Module nach Bedarf hinzugefügt werden.
Passive Sicherheitssysteme nutzen Naturgesetze statt aktiver Pumpen: Bei Störfällen kühlt sich der Reaktor durch Konvektion oder Wärmestrahlung selbst, ohne Strom oder menschliches Eingreifen. Das soll das Risiko schwerer Unfälle minimieren.
Flexibilität ist ein weiterer Vorteil: SMR können in Regionen ohne Stromnetz betrieben werden, Industrieanlagen mit Prozesswärme versorgen oder Meerwasser entsalzen. Auch der Austausch einzelner Module zur Wartung soll einfacher sein.
Passive Sicherheitssysteme nutzen Naturgesetze statt aktiver Pumpen: Bei Störfällen kühlt sich der Reaktor durch Konvektion oder Wärmestrahlung selbst, ohne Strom oder menschliches Eingreifen. Das soll das Risiko schwerer Unfälle minimieren.
Flexibilität ist ein weiterer Vorteil: SMR können in Regionen ohne Stromnetz betrieben werden, Industrieanlagen mit Prozesswärme versorgen oder Meerwasser entsalzen. Auch der Austausch einzelner Module zur Wartung soll einfacher sein.
Welche Technologien und Konzepte existieren?
Leichtwasserreaktoren sind die am weitesten entwickelten SMR-Designs und nutzen bewährte Technologie konventioneller Kraftwerke in verkleinerter Form. NuScale aus den USA erhielt 2020 als erstes Design eine Genehmigung der Aufsichtsbehörden.
Hochtemperaturreaktoren verwenden Helium als Kühlmittel und erreichen höhere Temperaturen, was sie für industrielle Anwendungen attraktiv macht. Sie gelten als inhärent sicher, da Kernschmelzen physikalisch ausgeschlossen sein soll.
Weitere Konzepte umfassen Flüssigsalzreaktoren, schnelle Brutreaktoren zur Nutzung von Atommüll und sogar schwimmende SMR auf Schiffen. Russland betreibt bereits ein schwimmendes Kernkraftwerk namens "Akademik Lomonossow" in der Arktis.
Hochtemperaturreaktoren verwenden Helium als Kühlmittel und erreichen höhere Temperaturen, was sie für industrielle Anwendungen attraktiv macht. Sie gelten als inhärent sicher, da Kernschmelzen physikalisch ausgeschlossen sein soll.
Weitere Konzepte umfassen Flüssigsalzreaktoren, schnelle Brutreaktoren zur Nutzung von Atommüll und sogar schwimmende SMR auf Schiffen. Russland betreibt bereits ein schwimmendes Kernkraftwerk namens "Akademik Lomonossow" in der Arktis.
Was sind die Probleme und Kritikpunkte?
Wirtschaftlichkeit ist fraglich: Bisherige Projekte überschreiten Budgets massiv. NuScales Vorzeigeprojekt in Idaho wurde 2023 abgesagt, nachdem die Kosten von 3 auf 9 Milliarden Dollar explodierten. Skaleneffekte großer Reaktoren gehen bei SMR verloren.
Atommüll entsteht weiterhin - bei SMR sogar mehr radioaktiver Abfall pro erzeugter Energieeinheit als bei Großreaktoren, da das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen ungünstiger ist. Die Endlagerfrage bleibt ungelöst.
Proliferationsrisiken steigen: Mehr, kleinere Reaktoren an verschiedenen Standorten erschweren Kontrolle und Sicherung. Auch die Versuchung, angereichertes Uran für Waffenprogramme abzuzweigen, könnte wachsen. Umweltverbände warnen vor einer "Renaissance der Atomkraft durch die Hintertür".
Atommüll entsteht weiterhin - bei SMR sogar mehr radioaktiver Abfall pro erzeugter Energieeinheit als bei Großreaktoren, da das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen ungünstiger ist. Die Endlagerfrage bleibt ungelöst.
Proliferationsrisiken steigen: Mehr, kleinere Reaktoren an verschiedenen Standorten erschweren Kontrolle und Sicherung. Auch die Versuchung, angereichertes Uran für Waffenprogramme abzuzweigen, könnte wachsen. Umweltverbände warnen vor einer "Renaissance der Atomkraft durch die Hintertür".
Wie ist der Stand der Entwicklung weltweit?
China ist führend bei der Umsetzung: Mehrere SMR-Designs sind im Bau oder bereits in Betrieb, darunter Hochtemperaturreaktoren für industrielle Wärmeversorgung. Russland betreibt schwimmende Reaktoren und exportiert das Konzept.
In den USA, Kanada und Großbritannien laufen Genehmigungsverfahren für verschiedene Designs. Die EU-Kommission fördert SMR-Forschung im Rahmen ihrer Taxonomie für nachhaltige Investitionen - was auf heftige Kritik stößt.
Deutschland hat sich gegen neue Kernkraft entschieden und 2023 die letzten Reaktoren abgeschaltet. Dennoch forschen deutsche Unternehmen an SMR-Technologie für den Export. Weltweit sind über 70 verschiedene SMR-Konzepte in Entwicklung, doch nur wenige erreichen die Marktreife.
In den USA, Kanada und Großbritannien laufen Genehmigungsverfahren für verschiedene Designs. Die EU-Kommission fördert SMR-Forschung im Rahmen ihrer Taxonomie für nachhaltige Investitionen - was auf heftige Kritik stößt.
Deutschland hat sich gegen neue Kernkraft entschieden und 2023 die letzten Reaktoren abgeschaltet. Dennoch forschen deutsche Unternehmen an SMR-Technologie für den Export. Weltweit sind über 70 verschiedene SMR-Konzepte in Entwicklung, doch nur wenige erreichen die Marktreife.
Zusammenfassung
- US-Forscher arbeiten an der Wiederverwertung von Atommüll in Mikroreaktoren
- Das Projekt MATRICY nutzt schwere Spaltstoffe wie Plutonium als neuen Brennstoff
- Durch die Technologie könnte unbrauchbares Restmaterial um 93 Prozent reduziert werden
- Recycelte Stoffe liefern vier- bis siebenmal mehr Energie als herkömmliches Uran
- Kompakte, mobile Reaktoren könnten abgelegene Regionen mit Strom versorgen
- Die verwendeten TRISO-Brennstoffe mit keramischer Umhüllung gelten als besonders sicher
- Auch für Ausstiegsländer wie Deutschland könnte die Technologie relevant werden
Siehe auch:
- Söder fordert Mini-Atomkraftwerke für den Aufschwung der Wirtschaft
- Alte Atomkraftwerke für KI: Microsoft hat schon, nun will auch Google
- Nuklearreaktor: Amazon zeigt erste Bilder seines Atomkraftwerks
- Stromfresser KI: Standort für Googles erstes Atomkraftwerk steht fest
- Der Schwarm: Quallen legen französisches Atomkraftwerk lahm
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