Vier Gründe, weshalb der Smart-Home-Standard Matter scheitern könnte

... und ein Grund, warum es doch noch klappen könnte. Matter sollte das Allheilmittel für alle Smart-Home-Unverträglichkeiten werden. Doch es ist still geworden um den Standard, und die Kinderschuhe werden allmählich zu Betonklötzen am Bein. Aber woran hakt es überhaupt?
Smart Home, Beleuchtung, Heizung, Thermostat, Matter, heizen, Signify, Sprachassistenten, Steckdosen, Smart-Home-Standard
Signify
Ja, Matter ist ein komplett neuer Standard, und das bedeutet natürlich immer Reibereien. Ich kann mich noch an mein erstes Bluetooth-Handy erinnern und was für eine Qual das war, unter Windows 98 über einen Bluetooth-USB-Dongle eine Internetverbindung mit dem Symbian-Smartphone zu teilen. Aber hey, IRC auf dem Klo fühlte sich 2002 wie eine Revolution an.

Zurück zu Matter, das sich auch wie eine Revolution anfühlte - abseits der Kinderkrankheiten zum Start. Aber ganz wie Bluetooth verfolgt Matter den Gedanken: Es gibt einen einzigen Standard, über den alle Geräte im smarten Zuhause miteinander sprechen.


Ihr braucht also keine Bridges mehr für irgendwelche Philips-Hue-Lampen und müsst nicht mehr auf Interkompatibilität von Fenster- und Temperatursensoren achten, sondern könnt einfach fleißig loskaufen, solange das Logo von Matters Unterbau-Standard "Thread" auf der Produktverpackung klebt.


Es gibt vier substanzielle Schwächen von Matter, die leider auf absehbare Zeit nicht besser werden.

1. Matter ist eingeschränkt gegenüber dem Original

Matter ist theoretisch extrem vielfältig, krankt aber am gleichen Problem wie Apple HomeKit. Es wird nur ein Bruchteil der eigentlich remote steuerbaren Features unterstützt, die ein Gerät eigentlich mitbringt. WLAN-Steckdosen beispielsweise habt Ihr binnen Sekunden mit HomeKit verbunden und könnt diese ein- und ausschalten. Aber den aktuellen Stromverbrauch auslesen oder gar Automationen anhand des Stromverbrauchs erstellen? Klappt nur mit der App des Herstellers.

Auch Matter kann per Standardisierung derzeit keinen Energieverbrauch von Geräten übermitteln - im Jahr 2023, wo Energie ein wichtigeres Thema ist denn je!

Dieses Problem werden Matter (und auch HomeKit) wohl noch sehr, sehr lange mit sich herumschleppen. Über Bluetooth, WLAN & Co. sowie ihre eigenen Apps können sich die Hersteller Features für ihre Produkte ausdenken, wie sie lustig sind. Über Matter sind aber nur exakt die Features unterstützt, die im Standard spezifiziert sind - und hier kommen wir gleich zum nächsten Problem. Aqara Smart HomeViele Smart-Home-Produkte von Aqara können mit dem Matter-Ökosystem, denn der Hersteller updatet seine Zigbee-Hubs auf Matter-Kompatibilität

2. Der Matter-Standard kommt nicht voran

Matter 1.0 wurde im vergangenen November gelauncht - mit Support für smarte Lampen, Lichtschalter, Steckdosen, Türschlösser, Thermostate, Klimaanlagen, Rollos und Jalousien, Bewegungs- und Kontaktsensoren sowie Medienspeicher. Ganz oben auf der Update-Roadmap standen damals weitere Haushaltsgeräte wie Saugroboter, Kühlschränke und Waschmaschinen.

Apropos Updates: Auf der Veranstaltung versprach die Connectivity Standards Alliance (CSA) hinter dem Standard, man werde zweimal im Jahr eine neue Version des Standards veröffentlichen. Nun kam tatsächlich Matter 1.1 im vergangenen Mai, allerdings ohne eine einzige neue Geräteklasse, sondern nur mit Bugfixes; von Saugrobotern & Co. keine Spur.

Auf der Webseite der CSA verspricht man zwar die nachfolgende, wirklich illustre Liste an Produktkategorien:

Umgebungserfassung, Geräte, dynamische Beleuchtung, Kameras, Aufladen von Elektrofahrzeugen, Energiemanagement, Heimrouter und Zugangspunkte, Staubsaugerroboter, Rauchmelder und CO₂, Fernsehgeräte und Wassermanagement

Doch aktuell ist davon noch nichts zu sehen. Und wenn das Update auf Matter 1.2 nicht eher ein Update auf Matter 2.0 wird, dann sieht es finster aus für den Standard. Bislang sind nicht einmal so elementare Dinge wie Video für Kameras, Türklingeln & Co. im Standard verankert.

3. Den Großen fehlt das Interesse, den Kleinen Geld

Stellt Euch vor, Ihr wärt Xiaomi, Samsung oder Bosch und hättet bereits ein recht umfangreiches Smart-Home-Ökosystem am Start. Hättet Ihr dann Lust, dass jedes dahergelaufene Start-Up Eure teuren Lichtschalter durch eine bessere und günstigere Lösung verdrängt? Vermutlich nicht. Leider haben wir hier keine zitierfähigen Aussagen von den Herstellern, aber das Credo in vielen Gesprächen mit den "Großen" war: Wir sind in keiner Position, wo wir den Matter-Standard vorantreiben müssen. Apple WWDC 2023Audio & Home auf der WWDC 2023 - seht Ihr hier irgendwo Matter? Auf der anderen Seite stehen die kleinen Hersteller, etwa das Münchner Unternehmen Eve, das kürzlich von ABB geschluckt wurde. Hier ist zwar der Wille da, und die Firmen setzen teilweise alles auf die Matter-Karte. Doch hier gibt es keine gigantischen Werbebudgets, um den Standard voranzutreiben und letztendlich auch die Großen unter Zugzwang zu setzen.

Klar bleiben da noch Apple, Amazon und Google, die selbst wenige Smart-Home-Devices herstellen, über die Assistenten aber dennoch fest ins Smart-Home-Ökosystem eingebunden sind. Hier herrschen allerdings gerade wichtigere Themen vor; Stichwort: KI. Auf der WWDC-2023-Keynote erwähnte beispielsweise auch Apple Matter nicht ein einziges Mal.

Was bleibt im Endeffekt? Ein Henne-Ei-Problem, in dem die einen nicht wollen, beziehungsweise müssen - und die anderen nicht können.

4. Matter-Zertifizierung zu aufwendig für kleine Hersteller

Hier kommt auch gleich der nächste Punkt ins Spiel: Wer Matter-Produkte entwickeln will, braucht eine mindestens 7.000 US-Dollar pro Jahr teure CSA-Mitgliedschaft und muss pro Produkt noch einmal etwa 9.000 bis 13.000 Dollar zahlen. Klar sind das Peanuts für Xiaomi & Co., aber für kleine Start-ups ist das ähnlich abschreckend wie die Container-Lotterie.

Hinzu kommt, dass die Hardware für Matter-Produkte aufwendig und nicht leicht zu beschaffen ist. Ein kleiner Smart-Home-Hersteller berichtete, dass man hart kämpfen musste, um überhaupt an ausreichend Chips zu kommen, um in ausreichender Menge Matter-kompatible Produkte ausliefern zu können. Unklar ist auch noch, welche Spezifikationen zukünftige Matter-Versionen haben werden.

Nur zum Vergleich: Für das AOSP-Projekt gibt es weitreichende Spezifikationen im Voraus, welche Systemanforderungen die Updates auf Android 15, 16, 17 und so weiter haben werden. Nur so ist es den Herstellern überhaupt möglich, mehrjährige Update-Garantien zu geben.

Wie geht es weiter?

Schlussendlich bleibt aber trotzdem noch Hoffnung. Wer die Anfänge von Bluetooth miterlebt hat, kennt die Startschwierigkeiten von neuen Standards. Und am Ende tut die CSA womöglich sogar gut daran, mit Matter erst einmal unter dem Radar zu fliegen, bis die technischen Probleme behoben sind. Wie beispielsweise TheVerge berichtet, ist das Setup der Komponenten mit diversen QR-Codes immer noch der Horror.

Und wer möchte schon eine problemschwangeres System an die breite Öffentlichkeit ausrollen? Da ist es besser, mit einer kleinen und notorisch Computerfrust-resistenteren Gruppe von Early Adoptern als Beta-Tester den Standard zu polieren und dann erst in die Breite zu gehen. Schließlich hat die CSA mangels Matter-Konkurrenten keinen großen Druck - anders als etwa unter anderem Sony und Panasonic, die vor etwa 20 Jahren den großen Kampf um Blu-ray vs HD-DVD gegen Toshiba & Co. ausfochten.

Zusammenfassung
  • Matter: Neuer Standard für Smart Home, kämpft mit Kinderkrankheiten.
  • Technische Schwächen wie fehlender Energieverbrauch und Videosupport.
  • Umfangreiche Updates versprochen, aber noch nicht eingetroffen.
  • Entwicklung teuer und Hardware schwer zu beschaffen.
  • Große Hersteller zögern, kleine Start-ups können nicht investieren.
  • Early Adopters als Beta-Tester, aber noch kein Druck.
  • Hoffnung, dass Probleme gelöst werden und Standard erfolgreich wird.

Siehe auch:


Dieser Inhalt kommt von unserem Partner Nextpit und ist am 01. August 2023 unter dem Titel "4 Gründe, warum der Smart-Home-Standard Matter scheitert ..." erschienen. Hat er Euch gefallen? Dann schaut doch bei unseren lieben Kollegen von Nextpit vorbei und findet weitere großartige Inhalte wie diesen!
Jetzt einen Kommentar schreiben


Alle Kommentare zu dieser News anzeigen
Tipp einsenden
❤ WinFuture unterstützen
Sie wollen online einkaufen? Dann nutzen Sie bitte einen der folgenden Links, um WinFuture zu unterstützen: Vielen Dank!