Speicher-Trick: E-Autos und Boiler lösen Netzprobleme ganzer Stadt

Weil immer mehr Strom nicht dann fließt, wenn er gebraucht wird, muss das Netz flexibler werden. Statt teurer Infrastruktur setzt ein Forscherteam jetzt auf Geräte, die in jeder Stadt schon da sind: E-Autos und Warmwasserboiler - mit erstaunlichen Ergebnissen.
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Kein großer Batteriepark, sondern schlaue Vernetzung

Die Stromnetze in Deutschland geraten zunehmend unter Druck - durch den Zuwachs an Wärmepumpen, E-Autos und schwankender Einspeisung. Der Stromverbrauch steigt, die Spitzenlasten nehmen zu, und das Netz muss immer öfter schwankende Einspeisung und gleichzeitige Nachfrage ausgleichen.

Die Suche nach flexiblen Lösungen läuft. Doch während hierzulande viel über große Netztrassen und zentrale Speicherparks diskutiert wird, verfolgt Australiens Hauptstadt Canberra einen anderen Weg: Sie nutzt das, was ohnehin da ist - Batterien in Autos, Warmwasserboilern - und rechnet erstmals durch, welchen Anteil solche Geräte an Netzstabilität, Lastverschiebung und der Integration erneuerbarer Energien auf Stadtebene leisten können.


Dezentrale Energiespeicher (im Original Distributed energy storage, DES) wie E-Auto-Batterien oder Warmwasserboiler bieten ein großes, bisher kaum genutztes Potenzial, um den Stromverbrauch flexibel zu gestalten und erneuerbare Energien besser ins Netz einzubinden. Doch wie viel sie auf Stadtebene wirklich leisten können, wurde bislang kaum untersucht.
Bin Lu et al.
Das Modell kombiniert geografische Daten mit stündlichen Stromverbrauchs- und Bevölkerungsdaten auf Stadtteilebene und liefert damit einen der ersten systematischen Großstadt-Tests. Die Ergebnisse: E-Auto-Batterien könnten in der australischen Hauptstadt bis zu 43 kWh pro Kopf an Speicher bereithalten, Warmwasseranlagen weitere 2,6 kWh. Täglich wären so 3,8 kWh (Autos) und 1,5 kWh (Boiler) an Flexibilität nutzbar - das entspricht etwa einem Drittel des durchschnittlichen Stromverbrauchs. Flexibilität meint hier die Möglichkeit, den Stromverbrauch gezielt zu verschieben , etwa auf die Nacht.

Wie werden E-Autos zu Netzspeichern?
  • Laden, wenn Strom günstig und das Netz entlastet ist (z. B. nachts oder mittags bei viel Solarstrom)
  • Steuerbare Ladegeräte einsetzen für zeitlich flexibles Laden ("Smart Charging")
  • Ladepunkte dort schaffen, wo Autos lange stehen - etwa am Arbeitsplatz oder zu Hause
  • Bidirektionales Laden ermöglichen (Vehicle-to-Grid), um Strom auch zurückspeisen zu können
  • Digitale Steuerung und Tarifsignale nutzen, z. B. per App oder durch Netzbetreiber
  • Autos möglichst oft eingesteckt lassen, um das Speicherpotenzial nutzbar zu machen
  • Ladeleistung anpassen, um lokale Netzüberlastung zu vermeiden

Der entscheidende Vorteil aus Sicht der Forscher: Diese Speicher sind direkt im Verteilnetz verankert und befinden sich genau dort, wo der Strom auch gebraucht wird - etwa in Garagen und Küchen. Im Gegensatz zu zentralen Batteriespeichern muss der Strom nicht erst ins Netz zurückgespeist werden, sondern kann einfach zur passenden Zeit genutzt werden. Ob morgens beim Laden des Autos oder nachts beim Erhitzen von Wasser: Der Verbrauch lässt sich gezielt verschieben - und so die Netzlasten deutlich senken.

Im Modell wurden vier Strategien verglichen. Ungesteuertes Verhalten ("Baseline") führt zu einem Anstieg der Spitzenlast um 34 Prozent. Wird hingegen nachts geladen oder geheizt, steigt die Spitzenlast nur um 16 Prozent. Noch gezielter wirkt eine Verlagerung des Verbrauchs in die Mittagsstunden - etwa durch Ladeinfrastruktur an Arbeitsplätzen. Denn dort stehen tagsüber viele Fahrzeuge, und genau dann fällt auch der meiste Solarstrom an. Werden Autos also nicht erst abends zu Hause geladen, sondern schon mittags im Büro, lässt sich überschüssige Sonnenenergie direkt nutzen - und der Druck auf das Netz am Abend sinkt deutlich.

Und was braucht es für die Umsetzung?
  • Haushalte benötigen steuerbare Ladepunkte (z. B. smarte Wallboxen mit Zeitsteuerung)
  • Bidirektionales Laden (Vehicle-to-Grid) erfordert spezielle Hardware und Kommunikationsprotokolle
  • Standards wie ISO 15118 (internationaler Standard, der die bidirektionale Kommunikation zwischen Elektrofahrzeugen (EVs) und Ladestationen regelt) sorgen für einheitliche Kommunikation zwischen Fahrzeugen, Ladepunkten und Netz
  • Digitale Stromzähler (Smart Meter) sind Voraussetzung für zeit- und netzabhängige Tarife
  • Warmwasserboiler sollten steuerbar sein - etwa über Smart-Home-Anbindung oder Netzimpulse
  • Netzbetreiber brauchen Zugriff auf aggregierte Verbrauchsdaten und Steueroptionen für Lastverschiebung
  • Politisch braucht es Anreize und klare Regeln für Eingriffe in private Lade- und Heizprozesse

Neue Stadtteile, große Chance

In der räumlichen Analyse der Speicherverteilung zeigt sich wenig überraschend: Vor allem wachstumsstarke Stadtteile bieten künftig viel Speicherkapazität, während Altbezirke konstant bleiben. Auch für deutsche Städte bedeutet das: Wer neue Wohngebiete plant, sollte nach Meinung der Forscher nicht nur Solardächer und Wärmepumpen denken - sondern auch Ladepunkte und steuerbare Boiler als Teil der Netzinfrastruktur.

Die Studie "Stadtweite Integration dezentraler Energiespeicherressourcen für eine vollständige elektrische Energiezukunft" wurde in Renewable Energy veröffentlicht. Canberra dient hier nicht als Modellstadt für perfekte Bedingungen - sondern als realistisches Szenario, wie bestehende Geräte mit intelligenter Steuerung zur Netzstabilisierung beitragen können.

Was sind Batteriespeicher?
Batteriespeicher sind Systeme, die überschüssige elektrische Energie speichern und bei Bedarf wieder abgeben können. Sie dienen als zentrale Bausteine für ein stabiles Stromnetz im Zuge der Energiewende und helfen, Schwankungen bei der Einspeisung erneuerbarer Energien auszugleichen.

In Deutschland boomen derzeit besonders Großbatteriespeicher, die Hunderte Megawatt Leistung bieten können. Allein beim Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz lagen im Frühjahr 2025 Anschlussanfragen für 90 Gigawatt an Batteriespeichern vor - deutlich mehr als die Leistung der ehemaligen Atomkraftwerke.
Wie funktionieren Energiespeicher?
Energiespeicher nehmen überschüssige Energie auf, bevor sie ins Netz eingespeist wird, und entlasten dadurch aktiv das Stromnetz. Die gespeicherte Energie kann dann bedarfsgerecht wieder eingespeist werden - etwa in Zeiten hoher Netzlast oder geringer Erzeugung aus erneuerbaren Quellen.

Je nach Technologie werden unterschiedliche physikalische oder chemische Prozesse genutzt. Bei Lithium-Ionen-Batterien wandern Lithium-Ionen zwischen Anode und Kathode, während bei Redox-Flow-Batterien zwei flüssige Elektrolyte in separaten Tanks gespeichert werden und die Energie in chemischen Verbindungen speichern.
Welche Speichertypen gibt es?
Es existieren verschiedene Arten von Energiespeichern, die sich nach Speicherkapazität, Reaktionszeit und Einsatzbereich unterscheiden. Lithium-Ionen-Batterien dominieren aktuell den Markt mit einem Wirkungsgrad von 90 bis 95 Prozent und hoher Energiedichte.

Weitere wichtige Technologien sind Natrium-Ionen-Batterien (günstiger, aber geringere Energiedichte), Redox-Flow-Batterien (skalierbar, aber komplexer Aufbau), Pumpspeicherkraftwerke (für große Energiemengen) und Schwungmassenspeicher. Zudem werden Wasserstoffspeicher für die Langzeitspeicherung erforscht.
Wofür brauchen wir Speicher?
Energiespeicher sind für die Energiewende unverzichtbar, da sie die volatile Einspeisung aus erneuerbaren Energien ausgleichen. Wind- und Solarenergie unterliegen wetter- und tageszeitbedingten Schwankungen, während der Strombedarf relativ konstant bleibt.

Batteriespeicher ermöglichen es, überschüssigen Strom aus Zeiten hoher Erzeugung für Phasen mit geringer Erzeugung zu speichern. So stabilisieren diese das Stromnetz, erhöhen die Versorgungssicherheit und senken durch effiziente Nutzung erneuerbarer Energien langfristig die Strompreise.
Wie gut sind Heimspeicher?
Heimspeicher für Photovoltaikanlagen haben sich in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt und ermöglichen Privathaushalten, ihren Eigenverbrauch zu optimieren. Die Technik ist ausgereift und zuverlässig, mit Wirkungsgraden von bis zu 95 Prozent bei modernen Systemen.

Die Marktführer in Deutschland sind laut Daten von 2024 BYD mit 21,6 Prozent Marktanteil, gefolgt von Huawei (12,4 Prozent) und Sungrow (11,5 Prozent). Deutsche Hersteller wie Sonnen (4,7 Prozent), E3/DC (4,3 Prozent) und Varta (1,3 Prozent) spielen ebenfalls eine wichtige Rolle auf dem Markt.
Was kostet ein Batteriespeicher?
Die Kosten für Batteriespeicher sind in den letzten Jahren erheblich gesunken. Laut der Internationalen Energieagentur sind Lithium-Ionen-Akkus seit 2015 um fast 70 Prozent im Preis gefallen, was sowohl privaten Haushalten als auch Unternehmen zugutekommt.

Für Heimspeicher müssen Privathaushalte je nach Kapazität und Hersteller aktuell zwischen 5.000 und 15.000 Euro investieren. Großspeicher für Industrieanwendungen kosten je nach Leistung und Technologie mehrere Millionen Euro, wobei sich durch fallende Batteriepreise und politische Anreize attraktive Geschäftsmodelle entwickeln.
Lohnt sich ein Batteriespeicher?
Die Wirtschaftlichkeit eines Batteriespeichers hängt von verschiedenen Faktoren ab: Strompreis, Einspeisevergütung, Eigenverbrauchsanteil, Anschaffungskosten und Lebensdauer. Bei steigenden Strompreisen und sinkenden Speicherkosten wird die Investition zunehmend attraktiver.

Für Privathaushalte mit Photovoltaikanlage beträgt die Amortisationszeit derzeit etwa 8-12 Jahre. Durch Förderungen oder weiter steigende Strompreise kann sich diese Zeit verkürzen. Neben wirtschaftlichen Aspekten spielen auch der Wunsch nach Unabhängigkeit und der Beitrag zur Energiewende eine wichtige Rolle bei der Entscheidung.
Was bringt die Zukunft?
Die Zukunft der Energiespeicherung liegt in der Weiterentwicklung bestehender und neuer Technologien. Natrium-Ionen-Batterien gewinnen als kostengünstige Alternative zu Lithium-Ionen-Batterien an Bedeutung, während Redox-Flow-Batterien für Großspeicher interessant werden.

Auch die Integration von Elektrofahrzeugen als mobile Speicher (Vehicle-to-Grid) zeigt großes Potenzial: 20 Millionen E-Autos könnten theoretisch 1.200 GWh Speicherkapazität bieten. Zudem arbeiten Forscher an hybriden Energiespeichern und KI-optimierten Speicherlösungen, um die Effizienz von Energiesystemen weiter zu verbessern.
Zusammenfassung
  • E-Autos und Warmwasserboiler können als dezentrale Energiespeicher dienen
  • Australische Studie zeigt hohes Flexibilitätspotenzial auf Stadtebene
  • Bis zu 43 kWh Speicherkapazität pro Kopf durch E-Auto-Batterien möglich
  • Intelligentes Laden und Heizen kann Netzspitzenlasten um bis zu 18 Prozent senken
  • Ladepunkte am Arbeitsplatz ermöglichen direkte Nutzung von Solarenergie
  • Gezielte Verbrauchsverschiebung entspricht einem Drittel des Strombedarfs
  • Für die Umsetzung werden Smart Meter und steuerbare Ladepunkte benötigt

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