Hass und Beleidigungen sind die wahre Cancel Culture im Netz

Insbesondere reaktionäre Kreise beklagen gern eine angebliche Cancel Culture. Eine aktuelle Untersuchung stützt nun allerdings die gegenteilige Annahme, dass gerade das Verhalten dieser Klientel Menschen von einer offenen Kommunikation im Netz abhält.
Gewalt, Hass, Hetze, Mobbing, Hate Speech

Sachlichkeit nicht vorhanden

Im demokratischen Diskurs werden teilweise auch harte Auseinandersetzungen geführt. Das ist durchaus wichtig - solange es eben bei sachlichen Debatten bleibt. Insbesondere in den Social Networks schlägt dies aber schnell in persönliche Angriffe, Beleidigungen und Schlimmeres um. Und das hat durchaus Folgen für das Nutzungsverhalten der Betroffenen.

Besonders häufig werden junge Frauen zum Ziel wüster Attacken. Hauptsächlich dann, wenn sie durch fachlich kompetente Beiträge auffallen, fühlen sich erstaunlich oft männliche Nutzer regelrecht provoziert. Die Folgen reichen bis hin zu massiven verbalen sexuellen Übergriffen, wie die Studie des Kompetenznetzwerkes gegen Hass im Netz herausarbeitet.


Aber auch nichtweiße und queere Menschen werden überproportional häufig und heftig angegangen. Und das hat Konsequenzen für den vermeintlich so freien Wettstreit der Ideen im Netz. Mehr als die Hälfte der User, die von solchen Angriffen betroffen sind, gab an, sich seltener politisch zu äußern - aus Angst vor erneuten gewalttätigen Reaktionen. Viele beteiligen sich seltener an Diskussionen und gaben auch an, bewusst vorsichtige Formulierungen zu verwenden, um sich zu schützen.

Rückzug ist üblich

Die Folgerungen der Nutzer, die entsprechende Erfahrungen gemacht haben, dürften insbesondere den Betreibern der Plattformen nicht gerade schmecken. 86 Prozent gaben an, dass die Social Media-Unternehmen mehr Verantwortung übernehmen müssten, um übergriffige Nutzer in die Schranken zu weisen. 79 Prozent sind auch der Ansicht, dass die Plattformbetreiber finanziell an der Verarbeitung der gesellschaftlichen Folgen beteiligt werden sollten.

Inzwischen gibt es zwar weitergehende gesetzliche Regelungen, die dem Kampf gegen ein solches Verhalten dienen sollen. Allerdings sind diese zumeist ein recht stumpfes Schwert. Die Meldeverfahren sind schlicht zu kompliziert und aufwendig. Und auch die Moderation der Plattformbetreiber hilft kaum weiter. Wer beispielsweise in den Facebook-Kommentaren beleidigt wird, dürfte in aller Regel die Erfahrung machen, dass man teils Tage später in Kenntnis gesetzt wird, dass der Beitrag dann doch nicht gegen die Gemeinschaftsstandards verstößt und stehen bleibt.

Zusammenfassung
  • Studie: Reaktionäre Kreise fördern Online-Zurückhaltung
  • Harte Auseinandersetzungen in sozialen Netzwerken oft unsachlich
  • Junge Frauen online häufig Ziel von Angriffen und Belästigung
  • Nichtweiße und queere User erleben überproportional viel Hass
  • Opfer von Online-Attacken äußern sich aus Angst seltener politisch
  • 86% fordern mehr Verantwortung der Social Media-Unternehmen
  • Gesetze gegen Online-Hass oft ineffektiv und Verfahren kompliziert

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