Borderlands 4 im Test: Neue Freiheit, tolles Gameplay, alte Probleme

Gameplay, Waffen und Beute

Das Beutesystem bildet das Herzstück jedes Borderlands-Spiels, und Teil 4 hält an der Tradition absurd vielfältiger Waffen und Loot fest. Sturmgewehre schießen Miniraketen und explodieren beim Nachladen, Scharfschützengewehre feuern wie Gatling-Guns, Granaten kreischen obszöne Dinge, während sie Säure auf Feinde versprühen. Die verschiedenen Waffenhersteller können jetzt für noch bizarrere Kombinationen gekreuzt werden.

Ein Kritikpunkt betrifft jedoch die frühe Spielphase. Die ersten Stunden werden von schwachen Pistolen dominiert, während andere Waffentypen kaum auftauchen. Erst nach mehreren Spielstunden, wenn die erste gute Maschinenpistole oder ein anderes höherwertiges Geschütz auftaucht, entfaltet das Waffensystem seinen Reiz. Diese langsame Anlaufphase wird durch die offene Weltstruktur verstärkt, da der Zufallsgenerator länger braucht, um in Schwung zu kommen.

Die neuen Waffenhersteller The Order und Ripper setzen auf Waffen, die vor dem Schuss aufgeladen werden müssen. Während aufgeladene Waffen funktionieren können, wenn sie verheerenden Schaden anrichten, kompensieren die neuen Typen die Verzögerung nicht ausreichend. Auch werden in der frühen Phase zu viele Automatik-Shotguns verteilt, die als Besonderheit für das späte Spiel reserviert bleiben sollten.


Dennoch bereichern die legendären Waffen das Spielerlebnis erheblich - Fundstücke, die das Spiel für einige Level völlig aus dem Gleichgewicht bringen können. Ein Beispiel ist ein Wurfmesser, das bei Aufprall ein schwarzes Loch erzeugt, mit einer derart kurzen Abklingzeit, dass Gegner permanent bewegungsunfähig gehalten werden können. Solche übermächtigen Items gehören aber freilich zur DNA der Serie.

Das Inventarsystem hingegen weist gravierende Schwächen auf. Ausgerüstete Gegenstände werden nicht zuerst aufgelistet und sind nur durch ein Häkchen markiert. Vergleiche erfordern einen separaten Tastendruck. Die Organisation erfolgt in einem Grid, wobei die Standardsortierung auf "nach Hersteller" eingestellt ist - möglicherweise der unwichtigste Filter. Borderlands 4Das Inventar ist ein unübersichtliches Chaos, das ausgerechnet bei einem Loot-Shooter problematisch ist Das Markieren von Gegenständen als Müll ist immer wieder (auch nach Wochen der Verfügbarkeit) buggy und markiert häufig Objekte mehrere Zeilen darüber. Klassenmodifikatoren zeigen nur Icons und Namen, nicht aber ihre tatsächlichen Auswirkungen, die erst nach Ausrüstung im Fertigkeitsbaum ersichtlich werden. Die Bewältigung der Inventarverwaltung gestaltet sich so umständlich, dass man häufig auf das Ausrüstungsmenü ausweicht, das zumindest direktere Vergleiche ermöglicht.

Technische Umsetzung, Probleme im Koop

Borderlands 4 lief zum Release bei vielen nicht optimal, unabhängig von der Hardware. Ruckeln, Framerate-Einbrüche, Textur-Streaming-Probleme bis zum kompletten Stillstand sowie Level-Skalierungsfehler, bei denen plötzlich übermächtige Gegner erscheinen, trüben das Spielerlebnis. Patches brachten zwar mittlerweile Verbesserungen, lösten die Probleme aber nicht vollständig.

Auf dem Mittelklasse-Rechner (mit Sechskern-CPU) des für diesen Test eingesetzten PCs lief das Spiel aber erstaunlich sauber, weshalb wir die (aber dennoch zahlreichen) Probleme selbst nicht ganz bestätigen können. Kurz gesagt: Glück gehabt. Alternativ erhaltet ihr das Spiel auch für Konsolen wie die Xbox Series X und PlayStation 5.

Multiplayer-spezifische Probleme umfassen laut Berichten von Spielern Lags und Desyncs für Nicht-Hosts, Gegner die immun gegen Schaden werden oder sich teleportieren, sowie Quest-Fortschritte, die für Nicht-Host-Spieler nicht korrekt getrackt werden. Verkaufsautomaten boten in Koop-Sitzungen teilweise keinerlei Waren an. Die Häufung technischer Probleme führte zeitweise dazu, das viele das Solospiel bevorzugten, um Frust zu vermeiden. In einzelnen Fällen blockierten defekte Quest-Schritte den Zugang zum Endgame-Content vollständig.

Nebenaktivitäten und Endgame

Die offene Welt ist mit Nebenquests, zeitlich begrenzten Aktivitäten, Sammelobjekten und Rätseln gefüllt. Die Qualität dieser Inhalte lässt sich ambivalent bewerten. Einige Nebenmissionen fallen charmant und skurril aus - etwa ein Paar, dessen Farmtiere angeblich von Aliens entführt werden, oder ein empfindsamer Felsen, der fliegen möchte. Diese Quests beleben die Welt, ohne in nervige Übertriebenheit zu verfallen.


Andererseits wirken viele Nebenquests als zeitfüllende Pflichtaufgaben und arten in typischen Grind aus. Da das Level-System erzwingt, Nebenaufgaben zu absolvieren, um nicht gegenüber Story-Gegnern unterlegen zu sein, werden sie zur Notwendigkeit statt zur Bereicherung. Gegner, die vier oder mehr Level über dem Spieler liegen, sind kaum zu besiegen, was ebenfalls regelmäßiges Grinding erzwingt. Der stellenweise fehlende Humor in diesen Aktivitäten - traditionell ein Markenzeichen der Serie - fällt vielfach ebenfalls negativ auf (aber nein, die Toilettenwitze vermissen wir nicht).


Das Endgame bietet drei wöchentliche Aktivitäten: eine erschwerte Story-Mission mit kniffligen Modifikatoren, wiederholbare Bosskämpfe für Beute, und einen versteckten Verkaufsautomaten, der legendäre Ausrüstung garantiert. Während diese Inhalte zum Launch nicht besonders umfangreich oder zeitintensiv sind, verspricht die angekündigte Post-Launch-Roadmap regelmäßige Erweiterungen.

Unser Fazit zu Borderlands 4

Borderlands 4 präsentiert sich als ambitionierter Versuch, eine etablierte Formel durch strukturelle Neuerungen zu modernisieren. Die Umstellung auf eine echte offene Welt funktioniert im Kern gut und schafft einen besonders starken Spielfluss, wenn Shooter-Mechanik, Loot-Jagd und Erkundung ineinandergreifen. Das Charaktersystem erreicht einen neuen Höhepunkt an Tiefe und Vielseitigkeit, die erweiterten Bewegungsmechaniken bereichern das Kampfgeschehen spürbar.

Gleichzeitig kämpft das Spiel mit technischen Problemen, die zum Launch deutlich präsent sind und insbesondere das Multiplayer-Erlebnis beeinträchtigen. Die Weltgestaltung mit ihren unsichtbaren Wänden und künstlichen Einschränkungen steht im Widerspruch zu den Erwartungen an eine offene Spielwelt. Das Inventarsystem bedarf einer tiefgreifenden Überarbeitung, denn dessen Unzulänglichkeiten nerven ausgerechnet bei einem Loot-zentrierten Spiel gewaltig.

Der erwachsenere Spiel raubt Borderlands zwar etwas von der Einzigartigkeit, aber ganz ehrlich: Die überzogene und infantile Albernheit des Vorgängers vermissen wir nicht im Geringsten.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist Borderlands 4 nicht das Spiel, das Gearbox-Chef und Social-Media-Großmaul Randy Pitchford gerne hätte. Und dennoch: Es ist eine gute und vielleicht sogar sehr gute Basis. Langjährige Fans können und werden zugreifen und wenn die Entwickler nach dem Launch noch etwas Arbeit hineinstecken, dann hat Borderlands 4 Potenzial zu einem erstklassigen Spiel. Aber der Weg bis dahin ist noch weit. Weit, aber nicht unerreichbar. Siehe auch:
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