Elon Musk, "weißer Genozid", Rassismus:
Innenansichten aus Südafrika

Elon Musk und Südafrika sind in aller Munde, doch die wenigsten kennen das Land tatsächlich. WinFuture.de-Gründer Sebastian Kuhbach lebt dort teilweise und liefert im Interview interessante Einblicke auf Musk und Land, aber auch Alltag und Probleme.
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Es kommt nicht oft vor, dass man seinen eigenen Chef interviewt und vor allem, dass das keine billige Eigen-PR wird. Das ist in diesem Fall aber so, denn wir führen hier ein Gespräch mit jemandem aus der Tech-Welt, der enge Verbindungen zu Südafrika hat und dort auch teilweise - in Johannesburg - lebt.

Anlass ist natürlich ein Südafrikaner, der die Schlagzeilen dieser Tage dominiert: Elon Musk. Ein Gespräch mit Sebastian Kuhbach (41), Gründer und Inhaber von WinFuture.de, über Elon Musk, Südafrika sowie Alltag und Rassismus.

WinFuture.de: Auch wenn das keine klassische erste Frage ist, da es kein klassisches Presse-Interview ist, erzähl uns bitte zunächst etwas über dich und was dich mit Südafrika verbindet.

Sebastian Kuhbach: Seit ungefähr 2019 lebe ich mit meiner Partnerin, die selbst schwarze Südafrikanerin ist, abwechselnd in Südafrika und in Deutschland. Wir sind inzwischen verheiratet und haben zwei gemeinsame Kinder im Alter von zwei und vier Jahren. Dieser Lebensstil hat vor allem familiäre Gründe - beide von uns haben Familie auf beiden Seiten, mit der wir gerne Zeit verbringen möchten. Zudem denken wir, dass es für unsere Kinder bereichernd ist, in zwei Kulturen aufzuwachsen. Logistisch ist es nicht immer einfach, beides zu managen, aber wir haben uns darauf eingestellt und unsern Weg gefunden.
Interview mit Sebastian KuhbachFortunate und Sebastian Kuhbach
WinFuture.de: Der derzeit berühmteste Südafrikaner ist Elon Musk, auch wenn er mittlerweile eher als US-Amerikaner wahrgenommen wird. Wie sehen ihn die Südafrikaner? Mit Stolz oder doch eher Scham?

Kuhbach: Die meisten Südafrikaner, die ich kenne - unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit - können über Elon Musk eigentlich nur den Kopf schütteln. Viele sind tatsächlich eher peinlich berührt, dass so ein Populist, der auch der PayPal-Mafia zugerechnet wird, ausgerechnet aus Südafrika stammt. Sie würden sich wünschen, dass ihr Land nicht mit seinen Aussagen in Verbindung gebracht wird.

WinFuture.de: Musks KI-Chatbot Grok verbreitete diese Woche das rassistische Narrativ des "weißen Genozids" - was ist daran aus deiner Sicht wahr?

Kuhbach: Das ist Unsinn, es gibt in Südafrika definitiv keinen weißen Genozid. Was es gibt, ist ein Kriminalitätsproblem, das sich jedoch über alle Bevölkerungsgruppen erstreckt.

WinFuture.de: Vor kurzem sind in den USA Flüchtlinge aufgenommen worden, weil diese angeblich in Südafrika verfolgt werden. Was ist daran wahr?

Kuhbach: Ich persönlich glaube und bin sogar überzeugt, dass da nichts dran ist. Weiße haben hier in Südafrika nach wie vor die meiste wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht, obwohl sie eine kleine Bevölkerungsgruppe darstellen. Ja, es gibt Kriminalität, und es gibt auch eine gewisse Kriminalität gegen Weiße. Aber das ist nicht besonders ausgeprägt und auch nicht in nennenswerten Zahlen vorhanden, wie die BBC kürzlich berichtet hat.

In einer Reportage zum Thema dieses angeblichen Genozids hieß es, dass Südafrika zwar keine nach ethnischer Zugehörigkeit aufgeschlüsselten Kriminalitätsstatistiken veröffentlicht, aber laut den aktuellsten Zahlen zwischen Oktober und Dezember 2024 knapp 7000 Menschen ermordet wurden. Davon wurden 12 bei Überfällen auf Farmen, die im Mittelpunkt dieses Genozid-Narrativs stehen, getötet. Von den zwölf Opfern war aber nur einer ein Farmer und fünf waren Farmbewohner. Vier waren hingegen Angestellte, die vermutlich schwarz waren.

WinFuture.de: Hast du persönlich negative Erfahrungen mit Rassismus an Weißen gemacht?

Kuhbach: Nein, ganz im Gegenteil. Manchmal schäme ich mich fast ein wenig, weiß zu sein, wenn man in die Townships fährt und sieht, wie die Menschen dort leben. Aber die Leute sind immer freundlich und nett, auch wenn man weit und breit der einzige Weiße ist. Da ich mit einer Schwarzen verheiratet bin und hier Familie habe, habe ich viel Kontakt zu sowohl Weißen als auch Schwarzen, darunter auch viele, die in Townships leben. Das Gegenteil von Rassismus ist der Fall: Man wird super freundlich empfangen. Die Menschen in den Townships freuen sich, wenn Weiße kommen und einfach das Leben mit ihnen teilen.


WinFuture.de: Wie ist es umgekehrt, deine Frau ist ja schwarz.

Kuhbach: Ja, ein oder zwei Male haben wir schon abfällige Bemerkungen über uns beide von Weißen bekommen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das Südafrikaner waren. Wir haben es überhört und sind einfach weitergegangen. Das war auch in der Anfangszeit, also schon einige Jahre her, nicht kürzlich. Aber ich kann die Frage leider nicht ganz verneinen.

WinFuture.de: Wie lebt es sich in Südafrika - auch im Kontext der Folgen der Apartheid und sicherlich auch wirtschaftlicher Probleme der schwarzen Bevölkerung?

Kuhbach: Ich kann natürlich nur aus meiner persönlichen Erfahrung berichten und nicht für ganz Südafrika sprechen - die Realitäten sind hier sehr unterschiedlich. Aus meiner Perspektive lebt es sich in Südafrika gut, vor allem wegen der herzlichen und freundlichen Menschen. Das angenehme Wetter trägt sicherlich auch zur Lebensqualität bei, und wenn man sein Einkommen in Euros bezieht, kann man einen komfortablen Lebensstil führen, da die Preise im Vergleich zu Deutschland niedriger sind. Was mich am meisten beeindruckt, ist die Offenheit der Menschen - man kann mit jedem ins Gespräch kommen.

WinFuture.de: Das ist aber sicherlich ein privilegierte Sichtweise, oder?

Kuhbach: Ja, klar. Denn natürlich muss man gleichzeitig anerkennen, dass viele Südafrikaner in bitterer Armut leben. Gesundheitsprobleme wie HIV und teilweise auch Tuberkulose stellen große Herausforderungen dar, mit denen das Land zu kämpfen hat.

Die südafrikanische Gesellschaft ist sehr jung und voller Menschen mit viel Motivation, die etwas erreichen möchten - sei es als Angestellte oder als Selbstständige. Es gibt hier einen bemerkenswerten Unternehmergeist. Ich kenne eine junge Frau, die als Programmiererin bei Amazon gearbeitet hat, dann eine Zeit lang für uns (WinFuture) tätig war und mittlerweile ihr eigenes Start-up Educase mit Unterstützung von Amazon gründen konnte.

WinFuture.de: Spürt man die Last der Vergangenheit noch?

Kuhbach: Kann man sicherlich in vielen Aspekten durchaus sagen, auch wenn das nicht immer eine Sache von Schwarz und Weiß ist, sondern eher Arm und Reich. Der Lebensstandard hängt etwa stark davon ab, wo man lebt. Es gibt viele sogenannte "Estates" - bewachte Wohnkomplexe, die teils beachtliche Größen annehmen können. Diese bieten Sicherheit, sind aber für den Großteil der Bevölkerung nicht zugänglich. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist beträchtlich und hängt also eng mit dem Erbe der Apartheid zusammen

WinFuture.de: Und die andere Seite?

Kuhbach: Viele Schwarze leben nach wie vor in Townships, die während der Apartheid bewusst weit außerhalb der Städte angelegt wurden, um die Bevölkerung geografisch und wirtschaftlich zu isolieren. Diese strukturelle Benachteiligung ist bis heute spürbar. Wer in einem Township wohnt und in der Stadt arbeitet, nimmt oft Anfahrtswege von zweieinhalb Stunden in Kauf, da es kaum öffentlichen Nahverkehr gibt und sich viele kein eigenes Auto leisten können. Man ist auf Sammeltaxis angewiesen - größere Toyota-Busse, die als inoffizielles Transportsystem fungieren.

Es gibt jedoch auch positive Entwicklungen: Die jüngere Generation, die die Apartheid nicht mehr selbst erlebt hat, findet zunehmend ihren Weg. Bildung wird hier aufrichtig geschätzt und von der Regierung gefördert - sie wird als Schlüssel zur Überwindung der Armut angesehen. Viele junge Menschen können studieren, da Schulen und Universitäten sowie das Gesundheitssystem kostenlos zugänglich sind.

WinFuture.de: Kann sich das zeitnah ändern?

Kuhbach: Es wird besser, aber die Lohnungleichheit bleibt ein Problem. Viele arbeiten zum Mindestlohn, unterstützen aber dennoch ihre Familien - ein Phänomen, das hier als "Black-Tax" bekannt ist. Trotz dieser Erfolgsgeschichten bleibt die Arbeitslosigkeit ein drängendes Problem, besonders für junge Menschen. Anfang 2022 lag die Jugendarbeitslosigkeit (15-35 Jahre) bei alarmierenden zwei Dritteln, vor allem in den abgelegenen Townships, wo Arbeitsmöglichkeiten rar sind. Südafrika ist ein Land voller Kontraste und Widersprüche, aber auch voller Potenzial und Lebensfreude.

Zusammenfassung
  • Sebastian Kuhbach teilt als Resident seine Einblicke zu Südafrika und Musk
  • Südafrikaner reagieren laut Kuhbach mehrheitlich peinlich berührt auf Musk
  • These des weißen Genozids wird klar als haltloses Narrativ zurückgewiesen
  • Weiße besitzen weiterhin überproportionale wirtschaftliche und soziale Macht
  • Die Apartheid-Folgen zeigen sich in der extremen Kluft zwischen Arm und Reich
  • Townships leiden unter struktureller Benachteiligung und schlechter Infrastruktur
  • Jugendarbeitslosigkeit von zwei Dritteln stellt eines der drängendsten Probleme dar

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