XPeng im Interview: Das fehlt den deutschen Autobauern bis heute
Autonomes Fahren ist keine Zukunftsmusik mehr, sagt XPeng-Entwickler John Ma. Im Interview mit WinFuture.de spricht er über Level 4, sprechende Autos, Unterschiede zwischen deutschen und chinesischen Kunden - und was XPeng Deutschland voraus hat.
WinFuture.de: Früher haben wir Autos gekauft, um von A nach B zu kommen, heute wirken sie eher wie eine Erweiterung unserer Smartphones. Wie beeinflusst das die Entwicklung der Fahrzeugsysteme, auch im Hinblick auf das autonome Fahren?
Smart-Cockpit- und Autonomie-Experte John Ma
John Ma: Bei den Fahrzeugsystemen vollzieht sich ein sehr schneller Wandel, der zum Teil von den Smartphones geprägt ist. Früher dienten Smartphones hauptsächlich bestimmten Zwecken, etwa der Kommunikation oder dem Bezahlen. Aber ein Smartphone kann einen nirgendwohin bringen. Wer diese wunderbare physische Welt wirklich erleben möchte, braucht das Auto. Niemand kann ohne Auto leben, daher halte ich das Fahrzeug für ziemlich wichtig. Früher diente es jedoch - wie Sie sagten - lediglich dazu, von A nach B zu gelangen, also dem Transport oder Pendeln.
Doch das hat sich geändert. Die Menschen können im Auto viel mehr Freude und eine sehr angenehme Fahrt erleben. In den letzten Jahren haben alle unsere Fahrzeuge große Fortschritte bei KI-basierten Lösungen gemacht. So können Sie etwa per Sprachbefehl mit dem Fahrzeug sprechen, statt einen Knopf zu drücken - um das Fenster zu öffnen, die Navigation einzustellen, alles, was Sie tun möchten.
Außerdem mussten Sie das Fahrzeug früher rein manuell fahren; später gab es vielleicht noch eine adaptive Geschwindigkeitsregelung, bei der das Fahrzeug mithilfe einiger Sicherheitssysteme dem Vordermann folgte. Doch das reicht nicht. Wir wissen, dass unsere Kunden mehr wollen. Deshalb verfügen wir über unsere eigene Full-Stack-Technologie für fortschrittlichere intelligente Fahrlösungen.
Etwa VLA 2.0, eine fantastische Technologie. Wir nutzen ein großes Modell für die Echtzeit-Inferenz und -Empfehlung zur Straßenlage. Das Fahrzeug kann anderen Autos, den Fahrspurmarkierungen und den Anweisungen der Navigation folgen und auf dem Weg von A nach B die Spur wechseln. Alles läuft reibungslos, ohne nennenswerte Eingriffe des Fahrers.
Das ist also bereits Realität - keine Zukunftsmusik, sondern Teil unseres Alltags. Daher freue ich mich, diese Technologie und Lösungen unseren europäischen Kunden vorzustellen.
WinFuture.de: Sie sprechen von Europa und China: Als chinesische Marke kennen Sie Ihren Heimatmarkt und versuchen nun, den europäischen zu erschließen. Was sind die wesentlichen Unterschiede in Softwarenutzung und Vorlieben chinesischer und europäischer, insbesondere deutscher Kunden? Was erwarten die Menschen, und wo gibt es kulturelle Unterschiede?
John Ma: Bevor ich auf die Unterschiede eingehe, zunächst zu den Gemeinsamkeiten: Alle unsere Kunden wünschen hochwertige, technologisch fortschrittliche Fahrzeuge, und wir streben ein hervorragendes Fahrerlebnis an. Das ist uns allen gemeinsam.
Es gibt aber auch Unterschiede. Europäische Kunden legen etwa Wert darauf, dass das Fahrzeug leiser ist. In China erhält der Fahrer während der Fahrt manchmal sehr häufig Hinweise vom Fahrzeug, zum Beispiel: "Bitte achten Sie auf Fußgänger, achten Sie auf die Ampel". Europäische Kunden hingegen wünschen sich - nach meinem Verständnis, das vielleicht nicht ganz zutreffend ist -, dass das Fahrzeug leiser ist und dezent im Hintergrund eingreift, um den Fahrer zu unterstützen. Darin haben wir erhebliche Anstrengungen investiert. Zugleich müssen wir uns an Typgenehmigungsvorschriften und gesetzliche Bestimmungen halten, etwa zu Geschwindigkeitsbegrenzungswarnungen. Wir geben unser Bestes, diese einzuhalten und gleichzeitig das Nutzererlebnis zu verbessern.
Ein weiteres Beispiel betrifft die Interaktion mit dem Audiosystem. Chinesische Kunden sprechen einfach mit dem Fahrzeug, sobald sie darin sitzen, und erledigen so sämtliche Interaktionen. In Europa ist das meiner Ansicht nach noch nicht sehr verbreitet. Es ist im Kommen, stellt aber noch keine große Anforderung dar.
Ich sehe jedoch Potenzial: Mit der Einführung unserer Produkte in Europa können wir den europäischen Kunden dank unserer Technologie, unserer Audio-Interaktion der nächsten Generation und KI-basierter Lösungen möglicherweise mehr Zufriedenheit bieten und vielleicht ihre potenziellen Anforderungen an solche neuartigen Erlebnisse erfüllen.
WinFuture.de: Ändert sich das durch KI? Wir interagieren immer häufiger mit sprachgesteuerten KIs oder LLMs wie ChatGPT oder Gemini. Ich stimme Ihnen nämlich voll zu: Ich persönlich mochte es früher nicht besonders, per Sprachbefehl mit meinem Auto oder Smartphone zu kommunizieren. Gewöhnen sich die Menschen nun daran?
John Ma: Ja, das ist ein Trend, und Sie sprechen einen sehr guten Punkt an. Die zunehmende Beliebtheit solcher Sprachassistenten hat tatsächlich potenzielle Anforderungen der Kunden an die Sprachsteuerung geweckt.
Wichtig ist eine sehr gute Technologie. Wenn Sie mit dem Fahrzeug sprechen, sollte es rechtzeitig, schnell und präzise reagieren. Sie möchten doch nicht mit einem "dummen" Fahrzeug sprechen, oder?
Entscheidend ist also, unsere Technologie so weiterzuentwickeln, dass sie ein sehr gutes Nutzererlebnis bietet. Ein weiterer Vorteil sind unsere Grundmodelle: Sie unterstützen multimodale Funktionen und ermöglichen so eine sehr gute Sprachsteuerung. Die Erfahrung wird der beim Sprechen mit dem Handy sehr ähnlich sein - nur dass wir das Fahrzeug bitten können, noch mehr zu tun, vielleicht irgendwohin zu fahren. Das wird fantastisch.
WinFuture.de: Ich habe den rasanten Aufstieg der chinesischen Hersteller verfolgt und gesehen, wie schnell sie sich verbessern - nicht nur bei der Hardware, sondern auch bei der Software. Was waren die wichtigsten Softwareentwicklungen der letzten Jahre, für die Branche oder für Sie persönlich?
John Ma: Ob persönlich oder mit Blick auf unseren aktuellen Ansatz: Unsere größte Errungenschaft der letzten Jahre ist VLA 2.0 - eine wirklich fantastische Leistung. Es nutzt ein großes Sprachmodell als Grundmodell. Durch Vor- und Nachtraining sowie Feinabstimmung passen wir es an das Verhalten menschlicher Fahrer an, sodass das Fahrverhalten sehr intelligent, flüssig und sicher wird. Das ist erstaunlich gut.
WinFuture.de: Wir gewöhnen uns langsam an Assistenten und Fahrassistenzsysteme, sprechen immer häufiger von Level 4 oder Level 5. Elon Musk verspricht seit einem Jahrzehnt oder länger: "Dieses Jahr kommt vollständige Autonomie." Also ganz ehrlich, ohne Beschönigung: Wann wird Autonomie der Stufe 5 möglich sein?
John Ma: Level 5 halte ich für etwas heikel, der Begriff ist zu weit gefasst. Mir wäre Level 4 lieber - darauf konzentriert sich die Branche derzeit. Für unsere XPeng-Dienste in Guangzhou steht Level 4 bereits kurz bevor. Wir freuen uns auch sehr darauf, diese Technologie in Europa einzuführen.
Durch Level-4-Robotaxis und autonomes Fahren können wir Daten, Erfahrungen und Lösungen sammeln und technologisch weiter vorankommen. Vielleicht erreichen wir in den nächsten zwei bis drei Jahren die Schwelle zu Stufe 5.
Eine umfassende Roadmap oder Meilensteine zu beschreiben, ist sehr schwierig. Als ich vor fast acht Jahren ins Unternehmen kam, hielten wir etwa navigationsbasiertes Fahren auf Level 2++ noch für schwierig. Wir entwickelten Lösungen auf Basis von HD-Karten und machten danach jedes Jahr große Fortschritte.
Wir sind von HD-Karten zu kartenlosen Lösungen übergegangen und haben auf LiDAR verzichtet; stattdessen nutzen wir eine kamerabasierte Bildverarbeitung. Dann kam das große Sprachmodell als Grundmodell. Alles entwickelt sich in rasantem Tempo.
Sehr wichtig ist: Wir müssen ehrlich sein und die Umsetzung sowie die tatsächlichen Erfahrungen respektieren. Wir wollen einen Technologiesprung vollziehen, dabei aber mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben. Das ist der Schlüssel. Wir verfolgen einen sehr soliden technischen Ansatz für unsere L2++-NGP-Funktionen (Anmerkung: steht für Next Generation Pilot mit Autonomie-Level 2++) mit VLA 2.0 und nutzen dieselbe Infrastruktur und Technologie für unser L4. Mit mehr Erfahrung gelangen wir vielleicht künftig an die Schwelle zu L5, doch zuvor müssen wir unsere aktuellen Lösungen technisch sehr solide umsetzen.
WinFuture.de: Menschen, die sich damit nicht gut auskennen, fragen mich immer: Werden wir es noch erleben, dass wir im Auto nur Passagiere sind und arbeiten, Musik hören oder ein Videospiel spielen können? Glauben Sie, dass das kommt?
John Ma: Das wird definitiv kommen, ganz sicher. Früher mussten wir raten, heute haben wir einen technologischen Ansatz: immer größere Modelle mit mehr Parametern, mehr Daten, Skalierungsgesetze und eine immer leistungsfähigere Rechenleistung in den Geräten selbst - etwa unseren Turing-Chipsatz. Wir sind schon sehr nah dran.
Diese Grundlagen untermauern die Idee. Es ist also nicht nur eine Erwartung oder Vermutung, sondern etwas, das definitiv eintreten wird.
WinFuture.de: Wer schon einmal mit einem autonomen Auto gefahren ist, weiß, dass es sehr schwerfällt, loszulassen und dem Auto völlig zu vertrauen. Man muss zwar auf die Straße achten und bereit sein, das Steuer zu übernehmen - aber wie überzeugen Sie die Menschen, dass sie keine Angst haben müssen und sich entspannen können?
John Ma: Eine sehr gute Frage. Wir haben ein Experiment durchgeführt: Mitfahrer bedeckten sich die Augen, sodass sie nicht wussten, ob das Fahrzeug autonom oder manuell gesteuert wurde - und die meisten konnten nicht sagen, wer am Steuer saß.
Ein guter Ansatz ist also, sich einfach ins Fahrzeug zu setzen und zu beobachten. Wenn Sie etwa eine XPeng-Filiale besuchen und zusehen, wie unser Assistent das Fahrzeug steuert oder es selbstständig fährt, können Sie beobachten, wie erfahrene Fahrer mit dem VLA-Ansatz interagieren. Als Beifahrer stellen Sie dann fest, ob das Fahrverhalten Ihren Erwartungen entspricht. Das kann schrittweise geschehen.
Die gute Nachricht: Unsere aktuelle VLA-2.0-Technologie wirkt sehr natürlich und ähnelt stark dem menschlichen Fahrverhalten. Sie wurde mit einer riesigen Datenmenge trainiert. Sobald Sie einsteigen, das Pedal betätigen und losfahren, merken Sie: "Oh, überraschend gut. Das entspricht meinen Erwartungen." Nach einigen Kilometern Eingewöhnung erkennen Sie, dass das System vertrauenswürdig ist.
Für mich gehört das tägliche Fahren dieser autonomen Smart-Driving-Fahrzeuge zum Beruf. Ich habe mir in China auch unser Flaggschiff G9 mit dem neuesten VLA-Modell gekauft. Auf dem täglichen Weg zur Arbeit und zurück bin ich sehr entspannt, höre Musik und beobachte in aller Ruhe die Straße. Ich bin sehr beschäftigt, aber meine Pendelzeit schätze ich sehr.
Die Fahrt ist für Berufstätige sehr wichtig. Wir möchten sie angenehmer gestalten, und Sie können Ihrem Fahrzeug zu 100 Prozent vertrauen. Nach den geltenden Vorschriften müssen Sie jedoch weiterhin aufpassen. Wir können garantieren, dass unsere Software und unser Modell nahezu 100 Prozent sicher sind, aber absolute Sicherheit gibt es nicht. Daher müssen die Menschen - zumindest vorerst - weiterhin die Straße im Blick behalten und das Lenkrad berühren, um jederzeit übernehmen zu können. Dennoch ist es sehr sicher und entspannend.
WinFuture.de: Vor nicht allzu langer Zeit hieß es über chinesische Hersteller vor allem eines: "Die sind billig." Inzwischen scheint ein Meinungsumschwung stattzufinden. Beobachten Sie in Europa, dass die Menschen erkennen, dass es bei chinesischen Autos und Software nicht nur um den Preis, sondern auch um die Ausstattung geht?
John Ma: Ja, diesen Trend sehe ich durchaus. Im Juli hatten wir in München eine Produktvorstellung für G6 und G9 mit fast 2000 Gästen. Einige kamen aus China, überwiegend aber aus Europa oder anderen Ländern. Sie waren nicht nur wegen des Preises dort, sondern wollten sehen, was wir im Bereich physische KI und neue Technologien leisten und welche neuen Funktionen wir bieten.
Vielleicht ist einigen Kunden noch nicht bewusst, dass wir technologisch hervorragende Arbeit leisten, aber durch Interviews wie dieses können wir vermitteln, dass wir nicht nur über den Preis konkurrieren. Wir bieten großartige Funktionen und sehr fortschrittliche Technologien und investieren viel Mühe, um uns an die Anforderungen europäischer Kunden anzupassen.
WinFuture.de: Zum Schluss: Was hält Sie aus Sicht der Softwareentwicklung und als Nutzer nachts wach - im positiven wie im negativen Sinne? Was begeistert Sie, und was ist nach wie vor eine harte Nuss?
John Ma: Die größte Schwierigkeit ist, das Problem zu verstehen. Um ein Problem zu lösen, müssen wir wissen, worin es besteht. Obwohl unser Produkt hervorragend ist, erhalten wir Beschwerden von Kunden, und manche sind nicht sehr klar formuliert. Wir versuchen dann, Kontakt aufzunehmen, um zu verstehen, worum es geht, und eine Lösung zu finden.
Am schwierigsten ist es, wenn wir den Kunden nicht erreichen. Wir erhalten negatives Feedback, wissen aber nicht, was schiefgelaufen ist. Ich versuche, das Problem in einer ähnlichen Situation nachzuvollziehen, doch manchmal gelingt mir das nicht.
Ist das Problem klar, tue ich mein Bestes, um es zu beheben. Ist es sehr schwierig, können wir offen mit dem Kunden sprechen: "Es tut uns leid, das Problem mag bestimmte Ursachen haben, ist aber nicht sicherheitsrelevant. Die Nutzererfahrung entspricht vielleicht noch nicht zu 100 Prozent den Erwartungen, aber wir berücksichtigen das in unserer künftigen Roadmap."
Europa ist ein sehr großer Markt, unsere Kunden sprechen verschiedene Sprachen und haben unterschiedliche Gewohnheiten - daher ist es manchmal schwierig, ein Problem genau zu lokalisieren.
WinFuture.de: Spontan noch eine letzte Frage: Was hat XPeng, was deutsche Autohersteller nicht haben?
John Ma: Ich würde nicht sagen, dass es das in Deutschland nicht gibt. Unsere deutschen Kunden sind vielleicht die qualifiziertesten, und Deutschland verfügt über brillante ingenieurtechnische Ansätze, gerade in der Automobilindustrie.
Es gibt jedoch Unterschiede. Wir nutzen KI, um Probleme direkt zu lösen - etwa mit VLA 2.0, unserem auf großen Modellen basierenden Grundmodell für unsere Fahrzeuge, fliegenden Autos und humanoiden Roboter. Das ist sehr fortschrittlich. Derzeit sehe ich in Deutschland nichts Vergleichbares; wir leisten branchenweit Pionierarbeit.
Zumindest derzeit haben wir einen Vorteil, aber den wollen wir nicht hinter verschlossenen Türen behalten. Wir möchten unseren Ansatz teilen und diese Produkte integrieren, um deutschen Kunden ein sehr gutes Erlebnis zu bieten.
Würdet ihr einem Auto das Steuer komplett überlassen, oder fehlt euch dafür noch das Vertrauen? Und traut ihr chinesischen Herstellern wie XPeng zu, deutsche Autobauer technologisch zu überholen? Teilt eure Meinung in den Kommentaren!
Siehe auch:
XPeng auf der Überholspur, Deutschland schon dahinter?
John Ma leitet bei XPeng die internationale Forschung und Entwicklung für Smart Cockpit und ADAS (Advanced Driver Assistance Systems) und ist Experte für autonomes Fahren. Wir haben ihn auf der IFA getroffen und mit ihm über selbstfahrende Autos, die Eigenheiten des europäischen und chinesischen Automarktes und den Wandel von Fahrzeugen zu fahrenden Hightech-Geräten gesprochen.WinFuture.de: Früher haben wir Autos gekauft, um von A nach B zu kommen, heute wirken sie eher wie eine Erweiterung unserer Smartphones. Wie beeinflusst das die Entwicklung der Fahrzeugsysteme, auch im Hinblick auf das autonome Fahren?
Smart-Cockpit- und Autonomie-Experte John Ma
John Ma: Bei den Fahrzeugsystemen vollzieht sich ein sehr schneller Wandel, der zum Teil von den Smartphones geprägt ist. Früher dienten Smartphones hauptsächlich bestimmten Zwecken, etwa der Kommunikation oder dem Bezahlen. Aber ein Smartphone kann einen nirgendwohin bringen. Wer diese wunderbare physische Welt wirklich erleben möchte, braucht das Auto. Niemand kann ohne Auto leben, daher halte ich das Fahrzeug für ziemlich wichtig. Früher diente es jedoch - wie Sie sagten - lediglich dazu, von A nach B zu gelangen, also dem Transport oder Pendeln.
Doch das hat sich geändert. Die Menschen können im Auto viel mehr Freude und eine sehr angenehme Fahrt erleben. In den letzten Jahren haben alle unsere Fahrzeuge große Fortschritte bei KI-basierten Lösungen gemacht. So können Sie etwa per Sprachbefehl mit dem Fahrzeug sprechen, statt einen Knopf zu drücken - um das Fenster zu öffnen, die Navigation einzustellen, alles, was Sie tun möchten.
Außerdem mussten Sie das Fahrzeug früher rein manuell fahren; später gab es vielleicht noch eine adaptive Geschwindigkeitsregelung, bei der das Fahrzeug mithilfe einiger Sicherheitssysteme dem Vordermann folgte. Doch das reicht nicht. Wir wissen, dass unsere Kunden mehr wollen. Deshalb verfügen wir über unsere eigene Full-Stack-Technologie für fortschrittlichere intelligente Fahrlösungen.
Etwa VLA 2.0, eine fantastische Technologie. Wir nutzen ein großes Modell für die Echtzeit-Inferenz und -Empfehlung zur Straßenlage. Das Fahrzeug kann anderen Autos, den Fahrspurmarkierungen und den Anweisungen der Navigation folgen und auf dem Weg von A nach B die Spur wechseln. Alles läuft reibungslos, ohne nennenswerte Eingriffe des Fahrers.
Das ist also bereits Realität - keine Zukunftsmusik, sondern Teil unseres Alltags. Daher freue ich mich, diese Technologie und Lösungen unseren europäischen Kunden vorzustellen.
WinFuture.de: Sie sprechen von Europa und China: Als chinesische Marke kennen Sie Ihren Heimatmarkt und versuchen nun, den europäischen zu erschließen. Was sind die wesentlichen Unterschiede in Softwarenutzung und Vorlieben chinesischer und europäischer, insbesondere deutscher Kunden? Was erwarten die Menschen, und wo gibt es kulturelle Unterschiede?
John Ma: Bevor ich auf die Unterschiede eingehe, zunächst zu den Gemeinsamkeiten: Alle unsere Kunden wünschen hochwertige, technologisch fortschrittliche Fahrzeuge, und wir streben ein hervorragendes Fahrerlebnis an. Das ist uns allen gemeinsam.
Es gibt aber auch Unterschiede. Europäische Kunden legen etwa Wert darauf, dass das Fahrzeug leiser ist. In China erhält der Fahrer während der Fahrt manchmal sehr häufig Hinweise vom Fahrzeug, zum Beispiel: "Bitte achten Sie auf Fußgänger, achten Sie auf die Ampel". Europäische Kunden hingegen wünschen sich - nach meinem Verständnis, das vielleicht nicht ganz zutreffend ist -, dass das Fahrzeug leiser ist und dezent im Hintergrund eingreift, um den Fahrer zu unterstützen. Darin haben wir erhebliche Anstrengungen investiert. Zugleich müssen wir uns an Typgenehmigungsvorschriften und gesetzliche Bestimmungen halten, etwa zu Geschwindigkeitsbegrenzungswarnungen. Wir geben unser Bestes, diese einzuhalten und gleichzeitig das Nutzererlebnis zu verbessern.
Blick auf die Testfahrt mit Xpengs autonomem System VLA 2.0
Ein weiteres Beispiel betrifft die Interaktion mit dem Audiosystem. Chinesische Kunden sprechen einfach mit dem Fahrzeug, sobald sie darin sitzen, und erledigen so sämtliche Interaktionen. In Europa ist das meiner Ansicht nach noch nicht sehr verbreitet. Es ist im Kommen, stellt aber noch keine große Anforderung dar.
Ich sehe jedoch Potenzial: Mit der Einführung unserer Produkte in Europa können wir den europäischen Kunden dank unserer Technologie, unserer Audio-Interaktion der nächsten Generation und KI-basierter Lösungen möglicherweise mehr Zufriedenheit bieten und vielleicht ihre potenziellen Anforderungen an solche neuartigen Erlebnisse erfüllen.
WinFuture.de: Ändert sich das durch KI? Wir interagieren immer häufiger mit sprachgesteuerten KIs oder LLMs wie ChatGPT oder Gemini. Ich stimme Ihnen nämlich voll zu: Ich persönlich mochte es früher nicht besonders, per Sprachbefehl mit meinem Auto oder Smartphone zu kommunizieren. Gewöhnen sich die Menschen nun daran?
John Ma: Ja, das ist ein Trend, und Sie sprechen einen sehr guten Punkt an. Die zunehmende Beliebtheit solcher Sprachassistenten hat tatsächlich potenzielle Anforderungen der Kunden an die Sprachsteuerung geweckt.
Wichtig ist eine sehr gute Technologie. Wenn Sie mit dem Fahrzeug sprechen, sollte es rechtzeitig, schnell und präzise reagieren. Sie möchten doch nicht mit einem "dummen" Fahrzeug sprechen, oder?
Entscheidend ist also, unsere Technologie so weiterzuentwickeln, dass sie ein sehr gutes Nutzererlebnis bietet. Ein weiterer Vorteil sind unsere Grundmodelle: Sie unterstützen multimodale Funktionen und ermöglichen so eine sehr gute Sprachsteuerung. Die Erfahrung wird der beim Sprechen mit dem Handy sehr ähnlich sein - nur dass wir das Fahrzeug bitten können, noch mehr zu tun, vielleicht irgendwohin zu fahren. Das wird fantastisch.
WinFuture.de: Ich habe den rasanten Aufstieg der chinesischen Hersteller verfolgt und gesehen, wie schnell sie sich verbessern - nicht nur bei der Hardware, sondern auch bei der Software. Was waren die wichtigsten Softwareentwicklungen der letzten Jahre, für die Branche oder für Sie persönlich?
John Ma: Ob persönlich oder mit Blick auf unseren aktuellen Ansatz: Unsere größte Errungenschaft der letzten Jahre ist VLA 2.0 - eine wirklich fantastische Leistung. Es nutzt ein großes Sprachmodell als Grundmodell. Durch Vor- und Nachtraining sowie Feinabstimmung passen wir es an das Verhalten menschlicher Fahrer an, sodass das Fahrverhalten sehr intelligent, flüssig und sicher wird. Das ist erstaunlich gut.
WinFuture.de: Wir gewöhnen uns langsam an Assistenten und Fahrassistenzsysteme, sprechen immer häufiger von Level 4 oder Level 5. Elon Musk verspricht seit einem Jahrzehnt oder länger: "Dieses Jahr kommt vollständige Autonomie." Also ganz ehrlich, ohne Beschönigung: Wann wird Autonomie der Stufe 5 möglich sein?
John Ma: Level 5 halte ich für etwas heikel, der Begriff ist zu weit gefasst. Mir wäre Level 4 lieber - darauf konzentriert sich die Branche derzeit. Für unsere XPeng-Dienste in Guangzhou steht Level 4 bereits kurz bevor. Wir freuen uns auch sehr darauf, diese Technologie in Europa einzuführen.
Durch Level-4-Robotaxis und autonomes Fahren können wir Daten, Erfahrungen und Lösungen sammeln und technologisch weiter vorankommen. Vielleicht erreichen wir in den nächsten zwei bis drei Jahren die Schwelle zu Stufe 5.
Eine umfassende Roadmap oder Meilensteine zu beschreiben, ist sehr schwierig. Als ich vor fast acht Jahren ins Unternehmen kam, hielten wir etwa navigationsbasiertes Fahren auf Level 2++ noch für schwierig. Wir entwickelten Lösungen auf Basis von HD-Karten und machten danach jedes Jahr große Fortschritte.
Wir sind von HD-Karten zu kartenlosen Lösungen übergegangen und haben auf LiDAR verzichtet; stattdessen nutzen wir eine kamerabasierte Bildverarbeitung. Dann kam das große Sprachmodell als Grundmodell. Alles entwickelt sich in rasantem Tempo.
Sehr wichtig ist: Wir müssen ehrlich sein und die Umsetzung sowie die tatsächlichen Erfahrungen respektieren. Wir wollen einen Technologiesprung vollziehen, dabei aber mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben. Das ist der Schlüssel. Wir verfolgen einen sehr soliden technischen Ansatz für unsere L2++-NGP-Funktionen (Anmerkung: steht für Next Generation Pilot mit Autonomie-Level 2++) mit VLA 2.0 und nutzen dieselbe Infrastruktur und Technologie für unser L4. Mit mehr Erfahrung gelangen wir vielleicht künftig an die Schwelle zu L5, doch zuvor müssen wir unsere aktuellen Lösungen technisch sehr solide umsetzen.
XPeng nimmt Robotik-Produktionslinie offiziell in Betrieb
WinFuture.de: Menschen, die sich damit nicht gut auskennen, fragen mich immer: Werden wir es noch erleben, dass wir im Auto nur Passagiere sind und arbeiten, Musik hören oder ein Videospiel spielen können? Glauben Sie, dass das kommt?
John Ma: Das wird definitiv kommen, ganz sicher. Früher mussten wir raten, heute haben wir einen technologischen Ansatz: immer größere Modelle mit mehr Parametern, mehr Daten, Skalierungsgesetze und eine immer leistungsfähigere Rechenleistung in den Geräten selbst - etwa unseren Turing-Chipsatz. Wir sind schon sehr nah dran.
Diese Grundlagen untermauern die Idee. Es ist also nicht nur eine Erwartung oder Vermutung, sondern etwas, das definitiv eintreten wird.
WinFuture.de: Wer schon einmal mit einem autonomen Auto gefahren ist, weiß, dass es sehr schwerfällt, loszulassen und dem Auto völlig zu vertrauen. Man muss zwar auf die Straße achten und bereit sein, das Steuer zu übernehmen - aber wie überzeugen Sie die Menschen, dass sie keine Angst haben müssen und sich entspannen können?
John Ma: Eine sehr gute Frage. Wir haben ein Experiment durchgeführt: Mitfahrer bedeckten sich die Augen, sodass sie nicht wussten, ob das Fahrzeug autonom oder manuell gesteuert wurde - und die meisten konnten nicht sagen, wer am Steuer saß.
Ein guter Ansatz ist also, sich einfach ins Fahrzeug zu setzen und zu beobachten. Wenn Sie etwa eine XPeng-Filiale besuchen und zusehen, wie unser Assistent das Fahrzeug steuert oder es selbstständig fährt, können Sie beobachten, wie erfahrene Fahrer mit dem VLA-Ansatz interagieren. Als Beifahrer stellen Sie dann fest, ob das Fahrverhalten Ihren Erwartungen entspricht. Das kann schrittweise geschehen.
Die gute Nachricht: Unsere aktuelle VLA-2.0-Technologie wirkt sehr natürlich und ähnelt stark dem menschlichen Fahrverhalten. Sie wurde mit einer riesigen Datenmenge trainiert. Sobald Sie einsteigen, das Pedal betätigen und losfahren, merken Sie: "Oh, überraschend gut. Das entspricht meinen Erwartungen." Nach einigen Kilometern Eingewöhnung erkennen Sie, dass das System vertrauenswürdig ist.
Für mich gehört das tägliche Fahren dieser autonomen Smart-Driving-Fahrzeuge zum Beruf. Ich habe mir in China auch unser Flaggschiff G9 mit dem neuesten VLA-Modell gekauft. Auf dem täglichen Weg zur Arbeit und zurück bin ich sehr entspannt, höre Musik und beobachte in aller Ruhe die Straße. Ich bin sehr beschäftigt, aber meine Pendelzeit schätze ich sehr.
Die Fahrt ist für Berufstätige sehr wichtig. Wir möchten sie angenehmer gestalten, und Sie können Ihrem Fahrzeug zu 100 Prozent vertrauen. Nach den geltenden Vorschriften müssen Sie jedoch weiterhin aufpassen. Wir können garantieren, dass unsere Software und unser Modell nahezu 100 Prozent sicher sind, aber absolute Sicherheit gibt es nicht. Daher müssen die Menschen - zumindest vorerst - weiterhin die Straße im Blick behalten und das Lenkrad berühren, um jederzeit übernehmen zu können. Dennoch ist es sehr sicher und entspannend.
WinFuture.de: Vor nicht allzu langer Zeit hieß es über chinesische Hersteller vor allem eines: "Die sind billig." Inzwischen scheint ein Meinungsumschwung stattzufinden. Beobachten Sie in Europa, dass die Menschen erkennen, dass es bei chinesischen Autos und Software nicht nur um den Preis, sondern auch um die Ausstattung geht?
John Ma: Ja, diesen Trend sehe ich durchaus. Im Juli hatten wir in München eine Produktvorstellung für G6 und G9 mit fast 2000 Gästen. Einige kamen aus China, überwiegend aber aus Europa oder anderen Ländern. Sie waren nicht nur wegen des Preises dort, sondern wollten sehen, was wir im Bereich physische KI und neue Technologien leisten und welche neuen Funktionen wir bieten.
Vielleicht ist einigen Kunden noch nicht bewusst, dass wir technologisch hervorragende Arbeit leisten, aber durch Interviews wie dieses können wir vermitteln, dass wir nicht nur über den Preis konkurrieren. Wir bieten großartige Funktionen und sehr fortschrittliche Technologien und investieren viel Mühe, um uns an die Anforderungen europäischer Kunden anzupassen.
WinFuture.de: Zum Schluss: Was hält Sie aus Sicht der Softwareentwicklung und als Nutzer nachts wach - im positiven wie im negativen Sinne? Was begeistert Sie, und was ist nach wie vor eine harte Nuss?
John Ma: Die größte Schwierigkeit ist, das Problem zu verstehen. Um ein Problem zu lösen, müssen wir wissen, worin es besteht. Obwohl unser Produkt hervorragend ist, erhalten wir Beschwerden von Kunden, und manche sind nicht sehr klar formuliert. Wir versuchen dann, Kontakt aufzunehmen, um zu verstehen, worum es geht, und eine Lösung zu finden.
Am schwierigsten ist es, wenn wir den Kunden nicht erreichen. Wir erhalten negatives Feedback, wissen aber nicht, was schiefgelaufen ist. Ich versuche, das Problem in einer ähnlichen Situation nachzuvollziehen, doch manchmal gelingt mir das nicht.
Ist das Problem klar, tue ich mein Bestes, um es zu beheben. Ist es sehr schwierig, können wir offen mit dem Kunden sprechen: "Es tut uns leid, das Problem mag bestimmte Ursachen haben, ist aber nicht sicherheitsrelevant. Die Nutzererfahrung entspricht vielleicht noch nicht zu 100 Prozent den Erwartungen, aber wir berücksichtigen das in unserer künftigen Roadmap."
Das fliegende Auto von Xpeng hebt ab - und wir waren dabei
Europa ist ein sehr großer Markt, unsere Kunden sprechen verschiedene Sprachen und haben unterschiedliche Gewohnheiten - daher ist es manchmal schwierig, ein Problem genau zu lokalisieren.
WinFuture.de: Spontan noch eine letzte Frage: Was hat XPeng, was deutsche Autohersteller nicht haben?
John Ma: Ich würde nicht sagen, dass es das in Deutschland nicht gibt. Unsere deutschen Kunden sind vielleicht die qualifiziertesten, und Deutschland verfügt über brillante ingenieurtechnische Ansätze, gerade in der Automobilindustrie.
Es gibt jedoch Unterschiede. Wir nutzen KI, um Probleme direkt zu lösen - etwa mit VLA 2.0, unserem auf großen Modellen basierenden Grundmodell für unsere Fahrzeuge, fliegenden Autos und humanoiden Roboter. Das ist sehr fortschrittlich. Derzeit sehe ich in Deutschland nichts Vergleichbares; wir leisten branchenweit Pionierarbeit.
Zumindest derzeit haben wir einen Vorteil, aber den wollen wir nicht hinter verschlossenen Türen behalten. Wir möchten unseren Ansatz teilen und diese Produkte integrieren, um deutschen Kunden ein sehr gutes Erlebnis zu bieten.
Würdet ihr einem Auto das Steuer komplett überlassen, oder fehlt euch dafür noch das Vertrauen? Und traut ihr chinesischen Herstellern wie XPeng zu, deutsche Autobauer technologisch zu überholen? Teilt eure Meinung in den Kommentaren!
Zusammenfassung
- XPeng setzt beim autonomen Fahren voll auf KI und große Sprachmodelle
- Die Technologie VLA 2.0 soll Fahrten besonders natürlich wirken lassen
- Europäische Kunden bevorzugen im Cockpit leisere und dezentere Systeme
- Volle Fahrzeugautonomie der Stufe 4 steht bei XPeng bereits kurz bevor
- Chinesische Autos punkten heute zunehmend mit moderner Softwaretechnik
- Eigene Chipsätze und mehr Parameter bringen echte Fahrerlosigkeit näher
Siehe auch:
- Xpeng startet Produktion des humanoiden Roboters Iron
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- Xpengs fliegendes Auto: Wir haben es aus nächster Nähe fliegen sehen
- Xpeng: Chinesischer Hersteller will 'fliegende Autos' 2027 in Serie bauen
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