Senf dazu: WeChat vs. X, Musks Idee ist zum Scheitern verurteilt

    Nein, Twitter / X wird kein westliches WeChat

    Mit all dem, was wir jetzt wissen, kommen wir zu den Plänen von Elon Musk: Wenn er nicht damit beschäftigt ist Twitter komplett zu zerstören, träumt er davon, eine X-App zu schaffen, die ziemlich dem entspricht, was WeChat in China ist. Aber kann er das überhaupt?

    Ich glaube nicht, dass ihm das gelingen kann. Und das hat erst einmal nichts damit zu tun, dass er allein durch die Umbenennung von Twitter und durchs Verbrennen der Marke kristallklar beweist, was er alles nicht kann.

    Grund 1: Konkurrenz

    WeChat konnte auch deswegen in China so abheben, weil viele der Dienste, die wir in Europa oder den USA nutzen, in China verboten sind. Dort gibt es kein Google und kein Facebook, ebenso kein Twitter. In so einem Umfeld, in dem die eigene Regierung viele der internationalen Platzhirsche weggrätscht, kann viel leichter eine solche, von selbiger Regierung unterstützte Super-App wachsen.

    Tinder, PayPal, Facebook, Lieferando, WhatsApp und viele mehr, alle unter einem Dach? Nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ein Bezahl-Service, ein Lieferdienst oder ein Messenger kann vielleicht die unmittelbare Konkurrenz wegbeißen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Service wie "X" all das unter einem Dach vereinen kann. Dazu glaube ich, dass die Kartellämter und die Regierungen der EU und in den USA zu genau hinschauen, als dass dort so etwas entstehen könnte.

    Grund 2: Der Westen tickt anders als China

    Grundsätzlich ist es in China einfacher, dem Volk ein Unternehmen vorzusetzen. Wenn Xi Jinping sagt, "Ihr macht das jetzt so", dann machen das 1,5 Milliarden Chinesen eben so. In so einem Umfeld kann eine der Regierung wohlgesonnene (und auskunftsfreudige) Unternehmensleitung eher eine mächtige Super-App formen als in der EU. Allein beim Thema Datenschutz horchen die westlichen Regierungen ganz anders hin und ziehen rote Linien, die es in China so nicht gibt.

    Aber wir Menschen funktionieren hier auch einfach anders. Speziell in Deutschland sind wir übertrieben skeptisch und überlegen uns lieber zehnmal, ob wir wirklich etwas Neues probieren wollen. Mit dem Smartphone bezahlen, statt mit Bargeld? Nee, lieber nicht ... Wir sind aber unabhängig davon auch eine andere Welt gewohnt, als wir sie im Reich der Mitte vorfinden. Pluralistisch geprägt, mit freien Wahlen und Entscheidungen sind wir ein in der Masse viel vielfältigeres Volk, als es Chinesen sind. Da will man auch eher individuell seine App-Services zusammenstellen, als eine All-in-one-Lösung zu nutzen, die einen vielleicht nicht in allen Bereichen zufriedenstellt.

    Grund 3: Technische Voraussetzungen

    Mit dem technischen Vorsprung der letzten Jahrzehnte im Westen gehen nicht nur Vorteile einher. Das stellen wir sowohl in Asien als auch Afrika fest. Dort hat sich das Smartphone viel später durchgesetzt. Wieso dies eine Rolle spielt? Weil wir damals alle zuerst auf unseren Desktop-Rechnern und Notebooks ins Internet gegangen sind. In vielen weniger weit entwickelten Ländern überspringt man diesen Schritt einfach. Dort geht man also direkt per Smartphone online und ist dadurch auch viel empfänglicher für Apps, die unsere Bedürfnisse per Handy befriedigen.

    Das gilt übrigens auch fürs Bezahlen: Große Teile der Bevölkerung besaßen vor ein, zwei Jahrzehnten in China nicht einmal ein Bankkonto. Also überspringt man Bankkarten & Co. und zahlt heute direkt mobil.

    Ein weiterer Punkt, der direkt mit Technologien zu tun hat: Ich glaube auch, dass sich Google und Apple nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen lassen, mit einer App, die das Potenzial hätte, Google Play und den Apple AppStore überflüssig zu machen.

    Grund 4: Elon Musk

    Den wichtigsten Grund habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Elon Musk scheint mir in diesen Tagen der größte Garant dafür zu sein, dass eine Super-App wie WeChat nicht funktionieren kann. Ist er ein Visionär und Vordenker? Okay, er mag vielleicht gelegentlich Visionen haben, aber das mit der Denkerei gelingt ihm zuletzt immer seltener.

    Wenn ein Narzisst, Egoist und ein ungehobeltes großes Kind in Personalunion versucht, gegen jede Expertenmeinung ein Unternehmen umzubauen, scheint mir das zum Scheitern verurteilt. "Twittern" ist wie "Googeln" längst ein übliches Wort im Sprachgebrauch. Aber wie den Twitter-Vogel hat Elon Musk auch den "Tweet" und den "Retweet" abgeschossen und aus der Geschichte getilgt - stattdessen heißt es nun "Post" und "Repost" ... sehr originell, Elon. Twitter wird zu XDen Twitter-Vogel hat Elon Musk bereits gekillt. Killt er auch den Rest von Twitter? Elon Musk ist überzeugt, dass ihm der Kauf von Twitter für schlappe 44 Milliarden etwa "drei bis fünf" Jahre bei der Entwicklung der "Everything"-App eingespart hat. Ich glaube aber, dass er seitdem so viele gute Leute im Unternehmen, Werbekunden und Nutzer verjagt hat, dass er diese drei bis fünf Jahre alleine schon braucht, um auch nur einen Teil davon wieder einzufangen.

    Würdet Ihr derzeit mit einer App bezahlen wollen, die von diesem Mann auf den Weg gebracht wurde? (Nein, bitte bringt jetzt nicht das PayPal-Beispiel - er hat sich da eingekauft, nicht etwa PayPal erfunden). Selbst in seinen erfolgreichen Unternehmen wie Tesla oder SpaceX glaube ich, dass sie nicht WEGEN ihm, sondern TROTZ ihm erfolgreich sind. Wann immer er sich durchsetzt, wird es abstrus - nehmt die merkwürdigen Namen von SpaceX-Raketen oder dieses Tesla-Monstrum namens Cybertruck.

    Selbst wenn die ersten drei Gründe nicht greifen würden: Allein das Mitwirken von Elon Musk wird dafür sorgen, dass aus Twitter / X keine westliche Super-App wie WeChat wird.

    Könnt Ihr meiner Argumentation folgen? Oder seht Ihr das komplett anders? Sobald Ihr Euch von diesem etwas lang geratenen Text erholt habt, diskutiert gerne mit uns unten in den Kommentaren.

    Zusammenfassung
    • Musk will Twitter zu X-App umbauen, Vorbild WeChat
    • WeChat's Erfolg: Chinas Umfeld, Super-App Modell
    • WeChat: Chinas Allzweck-Super-App mit 1,3 Mrd. Nutzern
    • WeChat vielfältig: Messenger, Bezahlen, Spiele, mehr
    • Meinung: Musk wird mit der X-App scheitern
    • X-App hat wenig Chancen: Musks Führung, Vision
    • Musks Beteiligung in Erfolgsfirmen umstritten

    Siehe auch:


    Dieser Inhalt kommt von unserem Partner Nextpit und ist am 09. August 2023 unter dem Titel "WeChat vs. Twitter: Warum Musks Idee zum Scheitern verurteilt ist" erschienen. Hat er Euch gefallen? Dann schaut doch bei unseren lieben Kollegen von Nextpit vorbei und findet weitere großartige Inhalte wie diesen!
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