Evolution: Forscher sehen, wie Waschbären sich selbst domestizieren
Der Waschbär, mit seinen geschickten, fast kindlichen Händen und der charakteristischen schwarzen Maske breitet sich seit einiger Zeit auch in Städten aus. Forscher konnten nun zeigen, dass die Tiere sich quasi selbst domestizieren.
Biologin Raffaela Lesch von der University of Arkansas at Little Rock, Co-Autorin der Studie, betont: "Überall, wo wir Menschen hingehen, produzieren wir Müll." Dieser Müll biete für Wildtiere eine unerschöpfliche Nahrungsquelle. Um diese zu nutzen, müssen die Tiere jedoch eine Balance finden: Sie müssen mutig genug sein, menschlichen Abfall zu durchwühlen, aber nicht so aggressiv, dass sie für Menschen zur Bedrohung werden. "Man muss sich gut genug verhalten, wenn man nah am Menschen lebt", erklärt Lesch. "Dieser Selektionsdruck ist ziemlich intensiv."
Ähnliche Prozesse waren bereits bei Vorläufern von Hunden zu beobachten, die menschliche Müllhalden durchsuchten, oder bei Katzen, die von Mäusen rund um Abfälle angezogen wurden. Über Generationen hinweg konnten jene Individuen besser überleben und sich fortpflanzen, deren Angst- oder Fluchtreaktion von Natur aus reduziert war.
Die Zähmung wird seit Langem mit einer Reihe von körperlichen Merkmalen in Verbindung gebracht. Dieses Phänomen hat bereits Charles Darwin im 19. Jahrhundert beschrieben. Dazu gehören etwa kürzere Schnauzen, kleinere Köpfe, Schlappohren oder helle Fellflecken, bekannt als das Domestizierungssyndrom. Wissenschaftler vermuten, dass diese Merkmale auf einen gemeinsamen Ursprung im Embryo zurückgehen: die sogenannten Neuralleistenzellen. Mutationen in diesen Zellen, die für die Entwicklung vieler Zelltypen wichtig sind, könnten demnach zu einer verminderten Furchtsamkeit führen - ein entscheidender Überlebensvorteil in unmittelbarer Nähe des Menschen.
Diese Beobachtung deckt sich mit Befunden an Stadtfüchsen und Mäusen. Adam Wilkins von der Humboldt-Universität zu Berlin, der die Neuralleisten-Hypothese als Erster aufstellte und nicht an der neuen Studie beteiligt war, kommentiert, die Ergebnisse deuteten darauf hin, "dass Wildtiere, die anfangen, Zeit in der Nähe von Menschen zu verbringen, etwas weniger ängstlich werden und womöglich bereits physische Anzeichen des Domestizierungssyndroms zeigen".
Nun will Lesch ihre Forschung vertiefen und etwa die Genetik sowie die Stresshormone von Stadt- und Land-Waschbären vergleichen. "Ich würde gerne herausfinden, ob unsere 'Müll-Pandas' im Hinterhof wirklich freundlicher sind als jene auf dem Land", schließt die Forscherin.
Siehe auch:
Veränderungen auch ohne Zucht
Die Untersuchung stellt die bisherige Vorstellung infrage, dass Domestizierung hauptsächlich durch den Menschen, also durch Gefangennahme und gezielte Zucht, initiiert wird. Stattdessen argumentieren die Studienautoren, dass der Prozess viel früher beginnt: mit der Gewöhnung an die menschliche Umgebung, berichtet Scientific American.Biologin Raffaela Lesch von der University of Arkansas at Little Rock, Co-Autorin der Studie, betont: "Überall, wo wir Menschen hingehen, produzieren wir Müll." Dieser Müll biete für Wildtiere eine unerschöpfliche Nahrungsquelle. Um diese zu nutzen, müssen die Tiere jedoch eine Balance finden: Sie müssen mutig genug sein, menschlichen Abfall zu durchwühlen, aber nicht so aggressiv, dass sie für Menschen zur Bedrohung werden. "Man muss sich gut genug verhalten, wenn man nah am Menschen lebt", erklärt Lesch. "Dieser Selektionsdruck ist ziemlich intensiv."
Ähnliche Prozesse waren bereits bei Vorläufern von Hunden zu beobachten, die menschliche Müllhalden durchsuchten, oder bei Katzen, die von Mäusen rund um Abfälle angezogen wurden. Über Generationen hinweg konnten jene Individuen besser überleben und sich fortpflanzen, deren Angst- oder Fluchtreaktion von Natur aus reduziert war.
Die Zähmung wird seit Langem mit einer Reihe von körperlichen Merkmalen in Verbindung gebracht. Dieses Phänomen hat bereits Charles Darwin im 19. Jahrhundert beschrieben. Dazu gehören etwa kürzere Schnauzen, kleinere Köpfe, Schlappohren oder helle Fellflecken, bekannt als das Domestizierungssyndrom. Wissenschaftler vermuten, dass diese Merkmale auf einen gemeinsamen Ursprung im Embryo zurückgehen: die sogenannten Neuralleistenzellen. Mutationen in diesen Zellen, die für die Entwicklung vieler Zelltypen wichtig sind, könnten demnach zu einer verminderten Furchtsamkeit führen - ein entscheidender Überlebensvorteil in unmittelbarer Nähe des Menschen.
Kürzere Schnauzen
Um diese Hypothese in der freien Wildbahn zu testen, sammelten Lesch und ihr Team fast 20.000 Fotos von Waschbären aus der Community-Wissenschaftsplattform iNaturalist und verglichen Tiere aus städtischen und ländlichen Regionen. Das Ergebnis war eindeutig: Die Schnauzen der Waschbären in urbanen Gebieten waren im Durchschnitt 3,5 Prozent kürzer als die ihrer ländlichen Artgenossen.Diese Beobachtung deckt sich mit Befunden an Stadtfüchsen und Mäusen. Adam Wilkins von der Humboldt-Universität zu Berlin, der die Neuralleisten-Hypothese als Erster aufstellte und nicht an der neuen Studie beteiligt war, kommentiert, die Ergebnisse deuteten darauf hin, "dass Wildtiere, die anfangen, Zeit in der Nähe von Menschen zu verbringen, etwas weniger ängstlich werden und womöglich bereits physische Anzeichen des Domestizierungssyndroms zeigen".
Nun will Lesch ihre Forschung vertiefen und etwa die Genetik sowie die Stresshormone von Stadt- und Land-Waschbären vergleichen. "Ich würde gerne herausfinden, ob unsere 'Müll-Pandas' im Hinterhof wirklich freundlicher sind als jene auf dem Land", schließt die Forscherin.
Zusammenfassung
- Waschbären in Städten zeigen Anzeichen von Selbstdomestizierung
- Stadtwaschbären entwickeln 3,5 Prozent kürzere Schnauzen als Landwaschbären
- Menschlicher Müll bietet Nahrungsquelle und erzeugt Selektionsdruck
- Tiere müssen mutig aber nicht aggressiv sein, um nah am Menschen zu leben
- Forscher sammelten fast 20.000 Fotos zur Analyse von Stadt- und Landtieren
- Ähnliche Anpassungsprozesse wurden auch bei Vorläufern von Hunden beobachtet
- Neuralleistenzellen könnten für reduzierte Furchtsamkeit verantwortlich sein
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Christian Kahle
Redakteur bei WinFuture
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