Knautschzone 2.0 mit Twist:
Viel leistungsfähiger dank Verdreh-Trick

Ein Material, das auf Stoß reagiert wie ein Muskel - und seine Steifigkeit anpasst. Ein Forscherteam hat eine neue Klasse sogenannter "Twisting Metamaterials" entwickelt, die sich beim Aufprall aktiv verdrehen und so Energie gezielt ableiten.

Intelligente Edelstahlgitter schützen besser als Stahl

Wenn ein Auto bei einem Crash zusammenstaucht, läuft im besten Fall alles nach Plan: Knautschzonen sind so berechnet, dass sie sich genau einmal verformen. Doch was wäre, wenn sich ein Stoßfänger selbst entscheiden könnte, wie stark er nachgibt - je nachdem, ob es sich um einen leichten Parkrempler oder einen Frontalaufprall handelt? Genau diese Idee steht hinter den "Adaptive Twisting Metamaterials", die Mattia Utzeri und sein Team in Advanced Materials vorstellen.

Der Ansatz: winzige, verdrehte Gitterstrukturen aus Edelstahl - sogenannte Gyroid-Zellen. Sie bestehen aus miteinander verflochtenen Wänden, die ein räumliches Netz aus Hohlräumen bilden, ähnlich einem regelmäßigen Korallengeflecht. Solche Gitter sind leicht, aber stabil und werden oft mit 3D-Druck gefertigt. Hier reagieren sie nicht nur auf Druck, sondern auch auf Drehkräfte. Wird ihre Rotation blockiert, bleiben sie steif wie massives Metall; lässt man sie sich frei verdrehen, geben sie kontrolliert nach. So entsteht eine Materialklasse, deren Widerstandskraft sich allein durch die mechanische Umgebung steuern lässt.


Um dieses Verhalten zu verstehen, greifen die Forscher auf ein erweitertes physikalisches Modell zurück: die Cosserat-Kontinuum-Mechanik. Sie beschreibt Materialien, die sich nicht nur verschieben, sondern auch an jedem Punkt leicht verdrehen können - eine feinere Version der klassischen Elastizitätslehre. So kann berechnet werden, wie sich ein Gitter beim Zusammendrücken gleichzeitig verwindet, ähnlich wie ein Schwamm, der sich beim Drücken leicht dreht. Eine zentrale Kennzahl dabei ist die sogenannte Torque-Ratio (M). Sie gibt an, wie stark das Material gleichzeitig gedrückt und verdreht wird - je nachdem, ob es blockiert, frei drehbar oder überdreht ist. In diesem Bereich zwischen "gesperrt" und "frei" liegt der Schlüssel zur Anpassungsfähigkeit.

Erste Tests vielversprechend

In den Tests mit fein gedruckten Edelstahlgittern zeigte sich die Idee auf eindrucksvoll einfache Weise. Wird das Gitter beim Zusammendrücken festgehalten, bleibt es starr - es verhält sich wie ein kompakter Metallblock, der die einwirkende Kraft nahezu vollständig aufnimmt. Darf sich die Struktur dagegen frei verdrehen, verändert sich ihr Verhalten: Sie wird weicher, lenkt den Stoß um und verteilt die Energie über ihre verdrillten Bahnen.

So kann ein und dasselbe Stück Material zwei Rollen übernehmen - je nach Situation: Schutzschild oder Stoßdämpfer. Das Entscheidende daran: Diese Anpassung wird nicht elektronisch gesteuert, sondern steckt in der Geometrie selbst. Die winzigen Gitter sind so aufgebaut, dass sie sich bei Druck leicht ineinander verdrehen und damit wie ein mechanisches Ventil für Kraft wirken.

Leicht genial

Obwohl sie zu neun Zehnteln aus Luft bestehen, besitzen sie die Stabilität eines massiven Stahls - und können im Ernstfall sogar mehr Aufprallenergie aufnehmen als Materialien, die man aus Helmen oder Stoßfängern kennt. Das Geheimnis liegt in der Kombination aus Leichtigkeit und Bewegung: Ein System, das nicht einfach nachgibt, sondern Energie umlenkt.

Die Vision ist klar: Stoßfänger, Helme oder Drohnengehäuse könnten künftig mit solchen adaptiven Gittern ausgerüstet werden. Durch gezielte Torsion ließe sich Energie speichern, umleiten oder in Rotation verwandeln - etwa über Brems- oder Schwungradmechanismen. So entstehen Schutzsysteme, die nicht nur reagieren, sondern mitdenken

Was ist eine Knautschzone?
Eine Knautschzone ist ein Bereich eines Fahrzeugs, der sich bei einer Kollision gezielt verformt und dabei Energie durch Verformungsarbeit absorbiert. Sie geht auf ein Patent des Ingenieurs Béla Barényi von 1951 zurück.

Das erste Fahrzeug nach diesem Konzept war der Mercedes-Benz W 111 ("Heckflosse") von 1959. Die Karosserie wird in drei "Boxen" eingeteilt: weicher Vorbau, gestaltfeste Fahrgastzelle und weiches Heck.

Ziel ist es, die auf die Insassen einwirkende Beschleunigung zu verringern, indem die kinetische Energie des Fahrzeugs kontrolliert in Verformungsenergie umgewandelt wird.
Wie funktioniert das physikalische Prinzip?
Die Physik der Knautschzone basiert auf der Energieerhaltung: Die kinetische Energie (½mv²) wird in Verformungsarbeit umgewandelt. Je länger der Deformationsweg, desto geringer die Beschleunigung auf die Insassen.

Die Beschleunigung berechnet sich als a = -v²/(2s), wobei v die Geschwindigkeit und s die Länge der Knautschzone ist. Eine doppelt so lange Knautschzone halbiert die Verzögerung.

Früher wurden Fahrzeuge möglichst steif konstruiert, was bei Kollisionen zu enormen Verzögerungen führte. Die Knautschzone verteilt diese Kräfte über einen längeren Zeitraum und Weg.
Wie sind moderne Knautschzonen aufgebaut?
Die Fahrzeugfront gliedert sich in drei Bereiche: Elastische Elemente für Parkrempler, Crashtubes/Crashboxen für mittlere Kollisionen bis 20 km/h und den steifen Überlebensraum.

Crashtubes sind hohle Stahlprofile, die Energie durch "Aufrollen" des Profils absorbieren. Querträger als Hohlprofile nehmen den Großteil der Energie auf, während der Motor praktisch unverformbar bleibt.

Längsträger sorgen bei ungleichmäßiger Krafteinleitung (Offset-Crash) für gleichmäßige Verteilung auch auf die stoßabgewandte Seite. Die Konstruktion ist gezielt auf verschiedene Crashszenarien ausgelegt.
Welche Herausforderungen gibt es bei verschiedenen Aufprallrichtungen?
Frontalaufprall: Höchste Relativgeschwindigkeiten, aber großer Deformationsweg verfügbar. Motor absorbiert keine Energie, daher sind Querträger und Längsträger entscheidend.

Seitenaufprall: Kritischste Aufprallform mit sehr geringem Deformationsweg und hauptsächlich Biegebeanspruchung. Seitenairbags wirken als innere Deformationszone zwischen Passagier und Seitenwand.

Heckaufprall: Relativ unproblematisch durch geringe Relativgeschwindigkeiten und großen freien Deformationsweg. Kraftstofftank wird möglichst weit vorn und unten positioniert.
Was bedeutet Kompatibilität bei Knautschzonen?
Kompatibilität zielt darauf ab, auch bei ungleichen Unfallgegnern (schwere Limousine gegen Kleinwagen) das Verletzungsrisiko für alle Beteiligten niedrig zu halten.

Grundsatz: Je größer und schwerer das Fahrzeug, desto weicher die Deformationszonen. Das schwerere Fahrzeug absorbiert den größeren Teil der kinetischen Energie beider Fahrzeuge.

Ein berühmter Crashtest Mitte der 1990er Jahre zwischen Mercedes S-Klasse und Opel Corsa zeigte die Problematik auf: Die S-Klasse blieb fast unverformt, während der Corsa komplett zusammenbrach. Dies führte zu Anpassungen der Fahrzeugkonstruktionen.
Zusammenfassung
  • Forscherteam entwickelt 'Twisting Metamaterials' für bessere Stoßabsorption
  • Verdrehbare Edelstahl-Gitterstrukturen passen ihre Steifigkeit automatisch an
  • Material verhält sich unterschiedlich je nachdem ob Rotation blockiert wird
  • Cosserat-Kontinuum-Mechanik erklärt das Verdrehungsverhalten der Struktur
  • Trotz 90 Prozent Luftanteil besitzt das Material die Stabilität von Stahl
  • Adaptive Gitter könnten in Stoßfängern, Helmen oder Drohnen eingesetzt werden
  • Energie kann durch gezielte Torsion gespeichert oder umgeleitet werden

Siehe auch:


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