WWW-Erfinder über Web & KI:
Irgendwo sind wir falsch abgebogen

Tim Berners-Lee, der 'Vater des World Wide Web', warnt aus­drück­lich vor einer weiteren Monopolisierung des Internets durch große Konzerne und die Gefahren einer mangelnden Regulierung von Diensten aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz. In beiden Fällen sei es längst an der Zeit zu handeln.
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Hyperlinks und Internet kamen zum WWW zusammen

Mit Tim Berners-Lee hat sich einer der Gründerväter des modernen Internets in die aktuellen Debatten um eine zunehmende Zentralisierung und Kontrolle des Webs durch große Unternehmen und einige wenige Anbieter sowie die ausufernden Aktivitäten von KI-Anbietern eingemischt. Berners-Lee hatte einst die Grundlagen für das Entwickeln, was er heute als immer weniger offenes World Wide Web (WWW) betrachtet.

Das CERN, wo er Ende der 1980er-Jahre die Möglichkeit bekam, das WWW in seiner heutigen Form zu schaffen, habe sich 1993 auf sein Drängen entschieden, das geistige Eigentum hinter seiner Erfindung der Allgemeinheit und damit kostenlos zur Verfügung zu stellen. Heute müsse man sich fragen, ob das Web immer noch "frei" sei, wobei die Antwort wohl lautet: "Nein, nicht alles davon".

Web nicht mehr offen, sondern in Händen der Monopole

Es gebe heute eine Handvoll großer Plattformen, die die privaten Daten der Nutzer abgreifen, um sie mit kommerziellen Händlern oder sogar repressiven Regierungen zu teilen. Allgegenwärtige Algorithmen seien mit voller Absicht darauf ausgelegt, süchtig zu machen und schadeten so unter anderem der Gesundheit heranwachsender Menschen, erklärte er weiter. Der Handel mit persönlichen Daten sei sicherlich nicht Teil seiner Vision eines freien Webs gewesen, so Berners-Lee weiter.

Auf vielen Plattformen seien die Nutzer nicht länger Kunden, sondern selbst zu Produkten geworden. Ihre Daten würden, selbst wenn sie anonymisiert seien, an Abnehmer verkauft, die sei eigentlich nie erreichen sollten, die die User dann mit Inhalten und Werbung gezielt ansprechen können. Dies schließe auch wissentlich schädliche Inhalte ein, die zu Gewalt in der realen Welt, der Verbreitung von Falschinformationen und einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit führen. Obendrein versuche man damit auch, den sozialen Zusammenhalt zu untergraben.

Offene Standards als gerechtere Lösung

Heute habe man aber auch die technischen Möglichkeiten, um die Kraft des freien Webs wieder in die Hände des Individuums zu legen, so Berners-Lee in einem Artikel der britischen Tageszeitung The Guardian. Eine der Optionen sei ein von seinem Team am MIT und ihm selbst entwickelter, quelloffener Standard namens Solid. Die mit Solid laufenden Apps verfügen dabei nicht über die Daten der Nutzer, sondern müssen deren Nutzung beim Nutzer selbst anfragen, während dieser stets darüber entscheiden kann, ob er sie zur Verfügung stellt.

Die Selbstverwaltung der eigenen Informationen sei auch befreiend, schrieb Berners-Lee weiter. Es gebe keinen Grund, weshalb die biologischen Daten von Smartwatches, Kreditkarteninformationen, Kommentare bei Reddit, YouTube oder Facebook an allen möglichen Orten gespeichert werden müssten. Die Nutzer sollten stattdessen die von ihnen generierten Daten selbst verwalten und davon profitieren können.


Irgendwo zwischen Web 1.0 und 2.0 falsch abgebogen

Irgendwo zwischen seiner ursprünglichen Vision für das "Web 1.0" und der Entstehung von Social Media als Teil des "Web 2.0" seien die Menschen falsch abgebogen, so Berners-Lees These. Aktuell stehe man nun vor dem Scheideweg, an dem man sich entscheiden müsse, ob Künstliche Intelligenz (KI) verwendet werden soll, um der Gesellschaft Gutes zu tun oder ihr zu schaden. Um letzteres zu Verhindern müsse man dringend aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Die Gesetzgeber dieser Welt dürften nicht wieder in eine Situation geraten, in der sich das jahrzehntelange Katz-und-Maus-Spiel wiederholt, das es rund um Social-Media-Dienste gibt. Die Zeit für die Regulierung im KI-Bereich sei längst gekommen, man müsse also mit äußerster Eile handeln, damit KI im Rahmen von Gesetzen, Regulierungsmaßnahmen und Verhaltensregeln agiert, so Berners-Lee.

Man habe eigentlich im Rahmen der Entwicklung der vergangenen Jahre rund um Social Media gelernt, dass die Macht bei den Monopolen liegt, welche die persönlichen Daten der Nutzer sammeln und deren Vermarktung kontrollieren. Bei KI dürfe nicht das Gleiche passieren. Statt die KI-Entwicklung in die Hände der Monopole zu legen, müsse es eine zentrale, weltweit agierende Stelle ohne Profitzwang geben, die die Forschung rund um KI vorantreibt.

Abschließend erklärte Berners-Lee: "Ich habe das World Wide Web kostenlos zur Verfügung gestellt, weil ich dachte, dass es nur funktionieren würde, wenn es für alle funktioniert. Heute glaube ich, dass dies wahrer denn je ist. Regulierung und globale Governance sind technisch machbar, hängen jedoch vom politischen Willen ab. Wenn wir diesen aufbringen können, haben wir die Chance, das Internet wieder zu einem Werkzeug für Zusammenarbeit, Kreativität und Mitgefühl über kulturelle Grenzen hinweg zu machen. Wir können den Einzelnen wieder stärken und das Internet zurückgewinnen. Es ist noch nicht zu spät."

Zusammenfassung
  • Tim Berners-Lee warnt vor Internetmonopolen und unregulierter KI
  • Ursprüngliche Vision eines freien Webs wurde durch Datenhandel korrumpiert
  • Nutzer wurden von Kunden zu Produkten, deren Daten verkauft werden
  • Mit dem Standard 'Solid' könnten Nutzer ihre Daten selbst verwalten
  • Bei KI-Entwicklung müssen wir dringend aus Fehlern der Vergangenheit lernen
  • Statt KI-Monopolen fordert er zentrale, profitfreie Forschungseinrichtungen
  • Es ist noch nicht zu spät, das Internet als Werkzeug für alle zurückzugewinnen

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