Es ist zu spät: Auch 1,5-Grad-Ziel wird für überflutete Städte sorgen

Selbst wenn das internationale Ziel erreicht wird, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu be­gren­zen, wird der Meeresspiegel letztlich um mehrere Meter an­stei­gen. Eine Massenmigration wäre die Folge.
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Eisschilde werden schmelzen

Das 1,5-Grad-Ziel, das 2015 im Pariser Klimaabkommen von nahezu 200 Ländern beschlossen wurde, wird vielfach als "sicheres" Limit angesehen. Das ist aber ohnehin falsch - denn die Marke besagt nur, dass das Risiko für das Überschreiten bestimmter Kipppunkte nicht zu groß wird. Insbesondere die Eisschilde und Gletscher werden aber wohl trotzdem größtenteils abschmelzen. Davor warnen Klimawissenschaftler in einer aktuellen Studie, die im Fachjournal Communications Earth and Environment erschienen ist.

"Das Einhalten des 1,5-Grad-Ziels wäre ein bedeutender Erfolg, aber es wird das Abschmelzen der Eisschilde und den Meeresspiegelanstieg nicht aufhalten", erklärte Glaziologe Professor Chris Stokes von der Universität Durham, der das neue Paper gemeinsam mit Kollegen veröffentlichte.


Grundlage der Einschätzung ist eine umfassende Auswertung vergangener Klimaentwicklungen, aktueller Beobachtungen sowie Modellrechnungen zur zukünftigen Reaktion der Eisschilde. Bereits heute zeigen sich laut der Studie gravierende Veränderungen in Grönland und der Westantarktis. Zwar gilt die Ostantarktis derzeit noch als relativ stabil, doch die Trends sind beunruhigend: Zwischen 1992 und 2024 stieg der Meeresspiegel durch das Abschmelzen von Grönland und der Westantarktis um rund 25 Millimeter - mit zunehmender Geschwindigkeit.

Besonders besorgniserregend ist der mögliche Eintritt sogenannter Kipppunkte: Werden bestimmte Schwellenwerte überschritten, könnte sich das Abschmelzen unumkehrbar beschleunigen. Wann genau diese Punkte erreicht werden, ist jedoch schwer vorherzusagen.

Verzögerter Effekt

Ein Blick in die Erdgeschichte zeigt, wie drastisch die Folgen sein können: Vor rund 125.000 Jahren, als die Temperaturen ähnlich hoch waren wie heute, lag der Meeresspiegel bereits mehrere Meter über dem heutigen Niveau. Vor drei Millionen Jahren - bei vergleichbaren CO₂-Werten wie derzeit - waren es sogar 10 bis 20 Meter. Da die Effekte erst mit längerer Verzögerung eintreten, kann es nach der enorm schnellen Anreicherung von Treibhausgasen in der Atmosphäre binnen der letzten 150 Jahre also bereits zu spät sein, das Endergebnis noch zu verhindern.

Und das hätte dramatische Folgen: Weltweit leben etwa 230 Millionen Menschen in Regionen, die weniger als einen Meter über dem aktuellen Meeresspiegel liegen. Im 10-Meter-Bereich leben etwa eine Milliarde Leute. Weltweit müssten also zahlreiche Städte zukünftig aufgegeben werden. Die Forscher gehen davon aus, dass selbst der aktuell prognostizierte, noch relativ moderate Meeresspiegelanstieg für das spätere 21. Jahrhundert auch wohlhabende Länder überfordern dürfte.

Trotz der düsteren Prognose warnen die Forscher davor, den Kampf gegen die Klimakrise nun einfach aufzugeben. Denn am Ende zähle jeder Bruchteil eines Grades, den man verhindern kann, da die Folgen so immer noch besser zu handhaben sind, als wenn der aktuelle Kurs in Richtung 2,5 bis 2,9 Grad beibehalten wird.

Zusammenfassung
  • Selbst bei Erreichen des 1,5-Grad-Ziels werden Eisschilde schmelzen
  • Der Meeresspiegel wird langfristig um mehrere Meter ansteigen
  • Studien belegen bereits gravierende Veränderungen in Grönland und Antarktis
  • Historisch führten ähnliche Klimabedingungen zu 10-20 Meter höherem Meeresspiegel
  • Etwa 230 Millionen Menschen leben in gefährdeten Küstenregionen
  • Zahlreiche Küstenstädte müssten in Zukunft aufgegeben werden
  • Jeder verhinderte Bruchteil eines Grades mindert die Auswirkungen

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