Senf dazu: Wie sich Microsoft mit Recall nach Strich und Faden blamiert

Microsoft hat es wieder versemmelt. Die neuen Copilot+ PCs auf ARM-Basis und deren angebliches Killer-Feature Recall ent­wi­ckeln sich zu ei­nem Reinfall. Und dies liegt nicht an feh­len­dem En­ga­ge­ment von Qual­comm als Chiplieferant und den PC-Her­stel­lern, sondern an Microsoft.
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Microsoft

Recall-Desaster bleibt wie immer ohne Konsequenzen

Wer die Shit-Show rund um Recall in den letzten Wochen mitverfolgt hat, dürfte sich wundern, dass das PR-Desaster, was sich zu einer massiven Blamage entwickelt hat, nicht längst personelle Konsequenzen zur Folge hatte. Mittlerweile ist klar, dass auch die Copilot-Taste, die man per Vorschrift für die PC-Hersteller inzwischen als Standard bei neuen Windows-PCs gemacht hat, nur noch ein vorläufig nutzloser Witz ist.

Wie absurd die aktuelle Situation ist, zeigt sich derzeit in mehrerer Hinsicht. Einerseits hatte Microsoft seine PC-Partner im Vorfeld der seit 18. Juni 2024 zumindest theoretisch gegebenen breiten Verfügbarkeit der ersten "Copilot+"-PCs dazu gezwungen, die sonst durchaus übliche Bereitstellung von Testgeräten vor dem Marktstart weitestgehend zu unterlassen.

Windows 11 Recall ausprobiert: das neue 'Killer-Feature' im Hands-On

Dadurch können sich die Käufer der ersten neuen ARM-basierten Notebooks diverser Hersteller nur sehr begrenzt ein Bild von der mit einigem Aufwand beworbenen Hardware machen, bevor sie die oft weit über 1000 oder gar 1500 Euro ausgeben, um sich in eine neue Welt voller möglicher Probleme wegen inkompatibler Software und nicht laufenden Spielen vorzuwagen.

Angesichts der jetzt erfolgten Verschiebung der Einführung von Windows Recall und dem damit erfolgten Wegfall von Microsofts wichtigstem Marketing-Instrument für "Copilot+"-PCs, scheint die Geheimhaltungstaktik rund um die neuen ARM-PCs noch sinnfreier, als sie es ohnehin schon war. Gleichzeitig zeigt sich anhand von Recall auch noch, wie paradox Microsofts Geheimhaltungstaktik bei der Entwicklung eines neuen Features mit derartiger Tragkraft war.

Recall-Entwicklung erfolgte ohne öffentliche Tests

So hatte man Recall bis zu seiner Vorstellung im Stillen entwickelt, wobei nur wenige Gerüchte rund um eine Art "KI-Explorer" die Runde machten, mit dem alle Inhalte auf dem PC eines Nutzers im Nachhinein per KI-Tool zu durchsuchen sein würden. Dass ein solches Tool umfangreiche Bedenken bezüglich der Privatsphäre der Nutzer zur Folge haben könnte, wurde dabei gekonnt ignoriert, sodass die heftige Reaktion der Öffentlichkeit darauf, dass Microsoft ganz selbstverständlich alle Aktivitäten der Nutzer abspeichern würde - und dabei scheinbar wenig Wert auf eine sichere Speicherung legte - im Grunde vorprogrammiert war.

Natürlich kann man argumentieren, dass die für den Zugriff auf die Recall-Snapshots nötigen Admin-Rechte ohnehin eine vollständige Kompromittierung des Hostsystems voraussetzen würden, doch hätte Microsoft trotzdem wohl besser zumindest in eine halbwegs brauchbare Verschlüsselung der Snapshot-Daten investieren und damit auf eine gewisse Art "guten Willen" demonstrieren können, wenn es um den Schutz der Privatsphäre der Recall-User geht.

Kein Testen von Recall ohne neuen ARM-PC

Nun will Microsoft sein neues Flaggschiff-Feature Recall also noch einmal ausführlich testen. Dabei sollen die Windows Insider helfen, also jene mehr oder weniger große Gruppe von Freiwilligen, die man bei der Einführung der neuen Funktionalität so geflissentlich übergangen hatte. Dabei kommt es zu einer paradoxen Lage, die die Erprobung von Recall wohl nicht unbedingt leichter machen wird. Denn bisher hat Microsoft dafür gesorgt, dass Windows Recall nur von Geräten unterstützt wird, die mit den neuen Snapdragon X-Prozessoren von Qualcomm ausgerüstet sind.


Voraussetzung dafür, dass man eine für die Snapdragon-basierten neuen ARM-PCs zunächst als exklusiv geplante Funktion ausprobieren kann, ist also der Kauf eines solchen Geräts, dessen angebliches Killer-Feature nach dem Schnellstart zur Computex innerhalb weniger Tage zurückgezogen worden ist. Die mit großem Aufwand und allerhand Paranoia von Microsoft geführte Marketing-Kampagne um die Copilot+-PCs ist nun also einfach an der Realität gescheitert.

Welchen Anreiz es nun geben soll, sich für mindestens 1199 Euro einen neuen ARM-basierten Windows-PC mit Snapdragon-Plattform zuzulegen, ist angesichts gerade dieses Desasters mehr als fraglich. Angesichts hoher Preise und den diversen anderen Herausforderungen, die den anfänglichen Erfolg der neuen ARM-PCs ohnehin schon bremsen dürften, sind Aussichten für eine schnelle Lösung des Problems wohl alles andere als gut.

Vielleicht können es ja die neuen Prozessoren von AMD und Intel richten, die in den nächsten Wochen und Monaten auf den Markt kommen und dann ebenfalls mit genug NPU-Leistung aufwarten, um die unsinnigen Anforderungen von Microsoft für die Verfügbarkeit von Recall zu erfüllen. Diese sind dann auch ganz normal x64-kompatibel und dürften aufgrund ihrer weiteren Neuerungen auch bei einer größeren Zahl von potenziellen PC-Kunden in deren Systemen landen. Damit dürfte dann als positiver Nebeneffekt die Zahl der Systeme steigen, auf denen Recall ausprobiert werden kann.
Zusammenfassung
  • Microsofts macht Copilot+ PCs auf ARM-Basis zu einem Reinfall
  • Das angebliche Killer-Feature Recall entwickelt sich zur massiven Blamage
  • Fehlende Testgeräte vor Marktstart erschweren Käufern die Entscheidungsfindung
  • Hohe Preise und inkompatible Software schrecken potenzielle Käufer ab
  • Geheimhaltungstaktik von Microsoft macht die Situation noch absurder
  • Datenschutzbedenken rund um Recall wurden von Microsoft ignoriert
  • Windows Insider sollen nun helfen, Recall ausführlich zu testen

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