Datenkrise: Wir wissen nicht mehr genau, wie viele Menschen es gibt

In offiziellen Statistiken fehlen inzwischen Millionen Menschen - und mit ihnen die Daten, die über Schulen, Krankenhäuser und Notfallpläne entscheiden. Forscher zeigen, dass ganze Bevölkerungsgruppen schlicht nicht mehr erfasst werden.
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Big-Data-Paradox: Millionen Menschen nicht erfasst

Seit der Antike gelten Volkszählungen, Zensus genannt, als mächtiges Werkzeug staatlicher Organisation. Sie helfen zu verstehen, wie sich eine Gesellschaft zusammensetzt - und ermöglichen, Ressourcen dorthin zu lenken, wo sie gebraucht werden. Doch dieser zentrale Mechanismus gerät weltweit ins Stocken. Forschende der University of Southampton und Columbia University sprechen in Science von einer stillen, aber akuten "statistischen Krise". Wer nicht gezählt wird, wird oft übersehen - politisch wie finanziell. Die Folgen können tiefgreifend sein.

Im Zeitraum 2015 bis 2024 haben 24 Länder zwar eine Volkszählung durchgeführt, aber ihre Ergebnisse nicht veröffentlicht. Diese Länder repräsentieren zusammen rund ein Viertel der Weltbevölkerung. In Afrika wurde laut UN zuletzt etwa jeder dritte Mensch gar nicht erst gezählt. Südafrika meldete 2022 eine Untererfassung von bis zu 31 %. Und in den USA verfehlte der Zensus 2020 die Erfassung von rund 2,9 Millionen Menschen mit lateinamerikanischem Hintergrund.


Die Ursachen sind vielfältig: Die Corona-Pandemie unterbrach klassische Hausbesuche, verzögerte Auswertungen und führte zu Budgetkürzungen. Gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. In vielen Ländern befürchten Menschen, dass ihre Daten für Überwachung, Abschiebung oder automatisierte Entscheidungen genutzt werden könnten - oder schlicht verloren gehen.

Ein weiteres Problem ist die internationale Finanzierung: Die US-Regierung kappte im Februar 2025 ihre Unterstützung für das Demographic and Health Surveys (DHS)-Programm, das über Jahrzehnte hinweg in über 90 Ländern wichtige Datenlücken schloss. Auch andere Geberländer wie Großbritannien, Frankreich und die Niederlande verlagern Mittel aus der Entwicklungszusammenarbeit in sicherheitspolitische Bereiche - mit Folgen auch für die Arbeit von UN-Organisationen.

Daten-Teufelskreis

Die Studie um Dr. Jessica Espey (Southampton) und Dr. Dana Thomson (Columbia) warnt vor einem statistischen Teufelskreis: Wer nicht erfasst wird, erhält auch keine politischen oder sozialen Leistungen - und fehlt damit bei der nächsten Planung erst recht. Doch wie kann man dieses sich selbst verstärkende Problem angehen? Auch dafür geben die Forscher Antworten.

Moderne Technologien könnten helfen: KI-gestützte Auswertungen von Satellitenbildern machen es möglich, aus Gebäudestrukturen Rückschlüsse auf Siedlungsdichte zu ziehen. Das WorldPop-Projekt, das Prof. Andrew Tatem an der University of Southampton leitet, unterstützt damit bereits Länder wie die Demokratische Republik Kongo bei der datenbasierten Planung - auch ohne vollständige Volkszählung. Wir hatten jüngst auch über andere Ansätze berichtet.

Die Forscher sind sich aber einig: technologische Lösungen allein reichen nicht. "Wir leben in einer Zeit scheinbar unbegrenzter Daten - doch ausgerechnet die wichtigsten demografischen Informationen werden zunehmend lückenhaft", sagt Dana Thomson. Vertrauen, Transparenz und politischer Wille seien entscheidend, um wieder ein vollständiges Bild der Bevölkerung zu gewinnen.

Und Andrew Tatem ergänzt: "In Zeiten wachsender Herausforderungen - von Klimawandel bis sozialer Ungleichheit - sind verlässliche Bevölkerungsdaten kein Luxus, sondern grundlegende Infrastruktur für gesunde, widerstandsfähige und funktionierende Gesellschaften."

Wie oft findet eine Volkszählung statt?
Volkszählungen werden in Deutschland gemäß EU-Verordnung seit 2011 im Zehnjahresrhythmus durchgeführt. Nach dem Zensus 2022 (der wegen der Corona-Pandemie vom ursprünglichen Termin 2021 verschoben wurde) ist die nächste reguläre Volkszählung für das Jahr 2031 vorgesehen.

Dieser regelmäßige Turnus soll sicherstellen, dass die Bevölkerungs- und Wohnungsdaten aktuell bleiben und eine verlässliche Grundlage für politische und wirtschaftliche Entscheidungen bilden. Vor dieser EU-weiten Regelung wurden Volkszählungen in Deutschland in unregelmäßigeren Abständen durchgeführt.
Wozu dienen die Zensusdaten heute?
Die Daten aus Volkszählungen bilden die fundamentale Basis für zahlreiche politische und wirtschaftliche Entscheidungen. Sie beeinflussen direkt die Verteilung finanzieller Mittel im Länderfinanzausgleich, die Zuteilung von EU-Fördermitteln und die Einteilung von Wahlkreisen.

Zudem dienen sie als Grundlage für die kommunale Infrastrukturplanung: Wo müssen Schulen, Kindergärten oder Senioreneinrichtungen gebaut werden? Wie entwickelt sich der Wohnungsmarkt? Für Unternehmen und Forschungseinrichtungen sind die anonymisierten Daten ebenfalls wertvoll für Marktanalysen und demografische Studien.
Wie hat sich die Methodik verändert?
Die Methodik der Volkszählung hat sich grundlegend gewandelt: Von der klassischen Totalerhebung, bei der jeder Haushalt befragt wurde, hin zum modernen registergestützten Zensus. Dabei werden primär bereits vorhandene Verwaltungsdaten genutzt und nur ergänzend Stichprobenbefragungen durchgeführt.

Diese Entwicklung reduziert nicht nur Kosten, sondern auch die Belastung der Bevölkerung. Die digitale Transformation ermöglicht zudem effizientere Datenverarbeitung und -analyse. Im Gegensatz zu früheren Papierfragebögen können heute auch Online-Erhebungsverfahren eingesetzt werden.
Wie steht es um den Datenschutz?
Der Datenschutz bei Volkszählungen basiert auf dem wegweisenden "Volkszählungsurteil" des Bundesverfassungsgerichts von 1983, das das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung etablierte. Die Erhebung und Verarbeitung der Daten unterliegen strengen gesetzlichen Regelungen.

Die statistischen Ämter dürfen die erhobenen Daten nicht an andere Behörden weitergeben und müssen sie nach der Auswertung anonymisieren. Dennoch bleibt die Balance zwischen statistischem Erkenntnisinteresse und Datenschutz eine Herausforderung, besonders im Zeitalter von Big Data und fortschreitender Digitalisierung.
Volkszählung international - Unterschiede?
Die Methoden der Volkszählung variieren international erheblich. Während einige Länder wie Dänemark, Finnland oder die Niederlande vollständig auf Registerdaten setzen, führen andere wie die USA oder Großbritannien noch traditionelle Befragungen aller Haushalte durch.

Japan nutzt ein Hybridsystem, ähnlich wie Deutschland. In skandinavischen Ländern existieren zentrale Bevölkerungsregister, die kontinuierlich aktualisiert werden und klassische Volkszählungen überflüssig machen. Die EU-Vorgaben erlauben diese unterschiedlichen Ansätze, solange vergleichbare Ergebnisse geliefert werden.
Was war das "Volkszählungsurteil"?
Das "Volkszählungsurteil" vom 15. Dezember 1983 gilt als Grundstein des modernen Datenschutzrechts in Deutschland. Das Bundesverfassungsgericht stoppte die geplante Volkszählung und leitete aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht das neue Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung ab.

Dieses Urteil entstand vor dem Hintergrund massiver öffentlicher Proteste gegen die damalige Volkszählung. Es hat die Datenschutzgesetzgebung nachhaltig geprägt und bildet bis heute - trotz der inzwischen geltenden Europäischen Datenschutzgrundverordnung - einen wichtigen Bezugspunkt in der Rechtsprechung zu Datenschutzfragen.
Welche historischen Volkszählungen gab es?
Die Geschichte der Volkszählungen in Deutschland reicht bis 1816 zurück, als im Königreich Preußen die erste Zählung stattfand. Der Deutsche Zollverein führte zwischen 1834 und 1867 regelmäßig alle drei Jahre Zählungen durch, um die "Zollabrechnungsbevölkerung" zu ermitteln.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden in der Bundesrepublik Volkszählungen in den Jahren 1950, 1956, 1961, 1970 und 1987 statt, in der DDR 1950, 1964, 1971 und 1981. Der Zensus 2011 markierte die erste gesamtdeutsche Volkszählung nach der Wiedervereinigung, gefolgt vom Zensus 2022.
Wie entwickelt sich die Volkszählung?
Die Zukunft der Volkszählung dürfte zunehmend digital und datengestützt sein. Experten diskutieren bereits Konzepte für einen "kontinuierlichen Zensus", bei dem Daten laufend aktualisiert werden, statt punktuelle Erhebungen durchzuführen.

Big-Data-Analysen und künstliche Intelligenz könnten künftig eine größere Rolle spielen, um demografische Trends präziser und zeitnaher zu erfassen. Gleichzeitig bleiben Datenschutz und Datenqualität zentrale Herausforderungen. Die Weiterentwicklung von Registerstrukturen und deren Vernetzung dürfte die klassische Volkszählung langfristig verändern.
Zusammenfassung
  • Weltweit wachsende Erfassungslücken in Volkszählungen und Statistiken
  • Etwa ein Viertel der Weltbevölkerung wurde zwar gezählt, aber nicht erfasst
  • Pandemie, Budgetkürzungen und wachsendes Misstrauen sind Hauptursachen
  • Sinkende internationale Finanzierung verschärft die Datenproblematik
  • Nichterfassung führt zu einem Teufelskreis fehlender politischer Leistungen
  • KI und Satellitenbilder könnten helfen, Datenlücken zu schließen
  • Verlässliche Bevölkerungsdaten sind grundlegende Infrastruktur für Gesellschaften

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