Chatkontrolle: Eure Messenger-Daten landen teilweise bei Palantir

Die im Rahmen der EU-Regelung zur Chatkontrolle gesammelten Daten werden auch mit Software des US-Unternehmens Palantir ausgewertet. Denn Unternehmen arbeiten hierbei mit einer US-Organisation zusammen, bei der solche Systeme laufen.
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WinFuture / KI-generiert
  • US-Behörde NCMEC gleicht europäische Messenger-Daten mit Palantir-Tools ab
  • Große US-Plattformen scannen private Nachrichten nach Missbrauchsmaterial
  • Hinweise auf Verdachtsfälle werden gesetzlich verpflichtend weitergeleitet
  • Meldestelle CyberTipline verzeichnete 2025 etwa 21 Millionen Verdachtsfälle
  • Experte Preneel warnt vor unklarer Speicherdauer und hohen Fehlerquoten
  • Juristen bezweifeln die DSGVO-Konformität des Transfers privater Daten

Angebunden ans NCMEC

Die US-Organisation National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC) hat gegenüber der schwedischen Zeitung Dagens ETC bestätigt, dass auch Datenabgleiche der Messenger-Kommunikation europäischer Nutzer von Palantir-Systemen durchgeführt werden. Die Zusammenarbeit wirft Fragen zum Datenschutz, zur Transparenz und zur möglichen Weiterverarbeitung privater Bilder und Nachrichten europäischer Bürger auf.

Seit 2021 dürfen Technologiekonzerne auf Grundlage einer befristeten EU-Ausnahmeregelung freiwillig private Nachrichten auf mutmaßliches Material sexuellen Kindesmissbrauchs untersuchen. Google, Microsoft, Meta und Snap nutzen diese Möglichkeit. Während die EU-Staaten und das Europäische Parlament weiterhin über eine dauerhafte Regelung streiten, wurde die ausgelaufene Übergangslösung im Juli verlängert.

Kooperationspflicht für US-Firmen

Werden verdächtige Inhalte entdeckt, können entsprechende Meldungen an das NCMEC in den USA gehen. Nach US-amerikanischem Recht müssen Unternehmen entsprechende Verdachtsfälle an die Organisation weiterleiten. Das NCMEC verwendet nach eigenen Angaben die Datenanalyseplattform Foundry von Palantir, um die eingehenden Hinweise auszuwerten und Zusammenhänge zwischen verschiedenen Datensätzen zu erkennen.

Die Organisation begründet die Zusammenarbeit mit Palantir mit der enormen Datenmenge: Allein 2025 erhielt ihre Meldestelle CyberTipline rund 21 Millionen Hinweise auf möglichen sexuellen Kindesmissbrauch. Palantir habe Software und technische Unterstützung bereitgestellt. Die Programme liefen in der eigenen IT-Umgebung des NCMEC, und Palantir selbst habe keinen Zugriff auf die Daten, betont die Organisation. Allerdings können die Analysesysteme des Anbieters gar nicht komplett ohne dessen Mitarbeiter betrieben werden.


Der belgische IT-Sicherheitsexperte Bart Preneel sieht trotz der NCMEC-Erklärung Anlass zur Sorge. Es sei unklar, was mit privaten Bildern europäischer Nutzer geschehe, nachdem sie an das NCMEC übermittelt worden seien. Die Organisation speichere Daten laut ihrer Datenschutzrichtlinie so lange, wie dies erforderlich sei, ohne eine konkrete maximale Aufbewahrungsdauer zu nennen.

Auch die Zuverlässigkeit der eingesetzten Erkennungstechnologien ist umstritten. Die EU-Kommission hatte eine äußerst geringe Quote falscher Treffer angeführt. Preneel widerspricht dieser Darstellung. Untersuchungen seines Teams mit einer Testdatenbank von Prominentenfotos hätten deutlich höhere Fehlerraten ergeben. Besonders Gesichtsbilder könnten demnach fälschlich als verdächtig eingestuft werden. Dadurch könnten auch private Familienfotos oder einvernehmlich geteilte Nacktbilder in entsprechende Meldungen geraten.

Wohl kaum DSGVO-konform

Die Juristin Laura Drechsler bezweifelt zudem, dass die Übermittlung personenbezogener Daten an das NCMEC in jedem Fall mit dem europäischen Datenschutzrecht vereinbar ist. Die Organisation steht nicht auf der EU-Liste der für solche Datenübertragungen anerkannten US-Empfänger.

Die Nutzung von Palantir-Software zur Analyse von Daten europäischer Bürger wird von vielen Fachleuten als besonders problematisch angesehen. Denn bei dem Anbieter handelt es sich nicht nur um eines von vielen US-Tech-Unternehmen. An der Spitze der Firma stehen Personen, die der pluralistischen Demokratie offen ablehnend gegenüberstehen.

Siehe auch:
Christian Kahle

Redakteur für Forschung, Energie und Raumfahrt

Begleitet die IT-Branche seit dem Dotcom-Boom, Informatik studierte er in Berlin. Sein Spektrum reicht von Quantencomputern über Solarstrom bis zur Raumfahrt.

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