Kann dieser Plan aufgehen? OpenAI investiert wie ein Staatshaushalt

Das Verhältnis zwischen geplanten Investitionen und aktuellen Einnahmen driftet bei OpenAI extrem auseinander. Wichtige Teile der Tech-Branche binden sich mit riskanten Wetten an den Aufstieg des Branchenprimus.
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Beispiellose Großverträge

OpenAI hat im September und Oktober 2025 drei Großverträge mit Chipherstellern geschlossen, die zusammen rund 26 Gigawatt Rechenzentrumskapazität umfassen - Infrastruktur, deren Aufbau bis circa 2030 geplant ist. Die Dimension ist beispiellos für ein Unternehmen dieser Größe und Finanzstruktur, die Kosten übersteigen so manchen Staatshaushalt. Die Frage ist schon lange nicht mehr, ob das ambitioniert ist, sondern ob diese Wette wirklich aufgehen kann.

Am weitesten geht die neueste Vereinbarung mit Nvidia. Laut Reuters will der Grafikkartenriese bis zu 100 Milliarden US-Dollar in OpenAI investieren - allerdings nicht als klassische Beteiligung, sondern als Teil eines "Kreislaufs": Nvidia steckt Geld in OpenAI, OpenAI kauft im Gegenzug Nvidia-Hardware, und Nvidia profitiert als Lieferant und Aktionär zugleich. Allerdings: Stimmrechte werden wohl nicht erworben - so eine Person aus dem Umfeld von OpenAI. Ein solches Modell - Experten sprechen von "circular financing" - gilt in der Finanzwelt als hochriskant, weil Investition und Umsatz sich gegenseitig bedingen.


AMD hat OpenAI eine Option (Warrant) auf bis zu zehn Prozent der Unternehmensanteile zu einem symbolischen Preis eingeräumt - etwa 160 Millionen Aktien. Im Gegenzug verpflichtet sich OpenAI, AMD-Chips für rund sechs Gigawatt Rechenleistung zu beziehen. Die Option ist kein sofortiger Anteilskauf, sondern ein Kaufrecht, das OpenAI bei Bedarf ausüben kann. Für AMD ist das ungewöhnlich: Normalerweise sichern sich Chipkäufer keine Beteiligungen, sondern bezahlen für Ware. Hier versucht offenbar ein Hersteller, vom Glanz des Kunden zu profitieren - und gleichzeitig im Kampf um Anteile an der erhofften KI-Zukunft einen festen Absatzkanal zu schaffen.

Und zu guter Letzt der Deal mit Broadcom, das gemeinsam mit OpenAI maßgeschneiderte KI-Beschleunigerchips entwickelt - spezialisierte Prozessoren, die langfristig die Abhängigkeit von Nvidia verringern sollen - während andere Strukturen die Abhängigkeit erhöhen. Hier spielt OpenAI also eine Art doppeltes Spiel. Das Projekt umfasst rund zehn Gigawatt Kapazität über vier Jahre, erste Auslieferung ab der zweiten Hälfte 2026. Die Partnerschaft gilt als technisches Experiment: ein relativ junges, unprofitables Softwareunternehmen, das tief in die Halbleiterentwicklung einsteigt, um die eigene Zukunft abzusichern.

Die finanzielle Realität

Doch nicht nur der Preis, sondern auch die Lücke zur aktuellen Realität in den Finanzbüchern des Unternehmens ist gewaltig. OpenAI erwirtschaftet derzeit etwa 13 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz (Stand Mitte 2025) - mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Gleichzeitig liegt der geschätzte Cashburn bei etwa 8,5 Milliarden US-Dollar für 2025 und wird wohl weiter steigen. Analysten gehen aktuell davon aus, dass OpenAI 2029 profitabel werden könnte - frühestens. Die Kosten für die jetzt vereinbarten Chip-Deals übersteigen die aktuellen und absehbaren Einnahmen damit bei weitem. Deshalb behilft man sich mit Finanzierungs-Konstruktionen, die das Risiko mitbringen, den gesamten Markt zu erschüttern.

Die Nvidia-Investition funktioniert progressiv: Pro eingebautem Gigawatt fließt Kapital. Das bindet die Finanzierung direkt an den Infrastrukturaufbau, macht OpenAI jedoch auch abhängig vom kontinuierlichen Deployment - während man sich mit der Entwicklung mit Broadcom gleichzeitig so gut es geht von dieser Partnerschaft zu lösen versucht. Bei AMD erhält OpenAI keine direkte Finanzierung, sondern Zugang zu Eigenkapital - eine Art Tauschgeschäft: Hardware gegen Unternehmensanteile.

Kritiker warnen vor dem Risiko: Falls OpenAIs Geschäftsmodell nicht wie geplant skaliert, könnten Investoren auf stark gefallenen Anteilen sitzen bleiben, während Chiphersteller auf offenen Forderungen und ungenutzten Produktionskapazitäten sitzen. Befürworter verweisen auf OpenAIs rasante Umsatzentwicklung und Marktposition als Betreiber von ChatGPT - und sehen das als Argument, dass das Wachstumspotenzial die Verpflichtungen bedienen können wird. Infografik Künstliche Intelligenz: KI-Investitionen sinken, generative KI explodiertKünstliche Intelligenz: KI-Investitionen sinken, Generative KI explodiert

Was auf dem Spiel steht

Wenn der Plan aufgeht, kontrolliert OpenAI nicht nur führende KI-Modelle, sondern auch große Teile der zugrundeliegenden Infrastruktur - eine vertikale Integration, die das Unternehmen unabhängiger von Cloud-Anbietern macht und langfristig Margen verbessert. Nvidia, AMD und Broadcom profitieren dabei als Lieferanten und Investoren gleichermaßen - gehen aber auch mit ins Risiko.

Wenn er scheitert, droht ein Schock: Investoren müssten Abschreibungen vornehmen, Chiphersteller säßen auf ungenutzten Produktionskapazitäten, und das Vertrauen in hochspekulative KI-Infrastruktur-Projekte könnte massiv erschüttert werden. Der Tech-Sektor, die Halbleiterindustrie und Teile der globalen Kapitalmärkte würden dies bei den anvisierten Dimensionen deutlich spüren - eine Belastungsprobe mit potenzieller Wirkung über den Sektor hinaus.

Einordnung

Man muss klar sagen: Auch Amazon investierte über Jahre Milliarden in AWS-Infrastruktur, Google und Microsoft bauen konstant Rechenzentren im hohen Milliardenbereich und werden alles daran setzen, hier nicht vom "Neuling" abgehängt zu werden. Was OpenAI aber sehr deutlich von diesen alten Großkonzernen unterscheidet: ein beispielloses Tempo und die Tatsache, dass es sich nach allen aktuell verfügbaren Informationen und Extrapolationen noch sehr lange nicht im stabilen Profitmodus befindet.

Die Ankündigungen sind real, die Verträge existieren. Wie viel davon tatsächlich gebaut wird, wie die Finanzierung im Detail funktioniert und ob OpenAI die Einnahmen generieren kann, um diese Infrastruktur zu rechtfertigen - das wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Es ist eine Wette auf die Zukunft der KI - groß, riskant und symptomatisch für eine Branche, die zwischen gigantischer Vision und realer Finanzierungslücke balanciert.

Was ist OpenAI?
OpenAI ist ein amerikanisches KI-Unternehmen mit Hauptsitz in San Francisco, das 2015 gegründet wurde. Es entwickelt "sichere und nützliche" künstliche allgemeine Intelligenz (AGI) und ist führend im aktuellen KI-Boom.

Das Unternehmen ist bekannt für die GPT-Familie von Large Language Models, die DALL-E-Serie für Text-zu-Bild-Generierung und das Text-zu-Video-Modell Sora. ChatGPT wurde im November 2022 veröffentlicht und katalysierte das breite Interesse an generativer KI.

OpenAI hat eine komplexe Unternehmensstruktur mit einer Non-Profit-Organisation als Kontrollorgan und mehreren gewinnorientierten Tochtergesellschaften. Microsoft hat über 13 Milliarden Dollar investiert und stellt Azure-Cloud-Computing-Ressourcen bereit.
Wie entwickelte sich OpenAI von Non-Profit zu For-Profit?
OpenAI wurde ursprünglich 2015 als Non-Profit-Organisation gegründet, um sicherzustellen, dass AGI "der gesamten Menschheit zugute kommt" statt "privatem Gewinn". 2019 erfolgte der Übergang zu einem "capped-profit"-Modell mit Gewinnbegrenzung auf das 100-fache jeder Investition.

Diese Struktur sollte es ermöglichen, Risikokapital anzuziehen und Mitarbeitern Unternehmensanteile zu gewähren, um mit Google Brain, DeepMind und Facebook konkurrieren zu können. Die Non-Profit-Organisation behält die Kontrolle über die gewinnorientierten Tochtergesellschaften.

Ende 2024 kündigte OpenAI Pläne an, die gewinnorientierte Tochtergesellschaft in eine Delaware Public Benefit Corporation umzuwandeln und von der Non-Profit-Kontrolle zu lösen. Dieser Plan stößt auf Kritik ehemaliger Mitarbeiter und rechtliche Herausforderungen.
Was geschah bei Sam Altmans Entlassung und Rückkehr 2023?
Am 17. November 2023 entließ OpenAIs Vorstand CEO Sam Altman wegen mangelnden Vertrauens. Mira Murati übernahm als Interims-CEO, während Präsident Greg Brockman als Vorstandsvorsitzender abgesetzt wurde und zurücktrat.

Investoren wie Microsoft und Thrive Capital setzten den Vorstand unter Druck, Altman zurückzuholen. 738 von 770 OpenAI-Mitarbeitern unterzeichneten einen offenen Brief und drohten zu Microsoft zu wechseln, falls Altman nicht wieder eingestellt würde.

Nach intensiven Verhandlungen kehrten Altman und Brockman am 21. November 2023 in ihre Positionen zurück. Der Vorstand wurde mit neuen Mitgliedern wie Bret Taylor als Vorsitzendem und Lawrence Summers rekonstruiert.
Welche wichtigsten KI-Modelle hat OpenAI entwickelt?
Die GPT-Serie begann 2018 mit GPT-1, gefolgt von GPT-2 (2019), GPT-3 (2020), GPT-3.5 und GPT-4 (2023). GPT-4o und die o1-Serie ("Strawberry") mit verbessertem Reasoning wurden 2024 veröffentlicht.

DALL-E (2021) war ein Durchbruch bei der Text-zu-Bild-Generierung, basierend auf einer GPT-3-Variante. Sora (2024) ermöglicht Text-zu-Video-Generierung und Whisper ist ein fortschrittliches Spracherkennungssystem.

ChatGPT, basierend auf GPT-3.5, wurde im Dezember 2022 veröffentlicht und erreichte über 100 Millionen Nutzer in nur zwei Monaten - damals die am schnellsten wachsende Verbraucher-Software-Anwendung der Geschichte.
Mit welchen rechtlichen Herausforderungen ist OpenAI konfrontiert?
OpenAI steht wegen Urheberrechtsverletzungen vor Gericht: Autoren wie Sarah Silverman, George R. R. Martin und John Grisham verklagen das Unternehmen wegen der Nutzung ihrer Werke zum Training von KI-Modellen ohne Erlaubnis.

Die New York Times klagte Ende 2023, gefolgt von weiteren Medienunternehmen wie The Mercury News, Chicago Tribune und kanadischen Nachrichtenorganisationen. OpenAI hat einige Trainingsdatensätze zerstört, die über 100.000 urheberrechtlich geschützte Bücher enthielten.

Die FTC untersucht seit Juli 2023, ob OpenAIs Datenschutz- und Privatsphäre-Praktiken Verbrauchern schaden. Auch GDPR-Beschwerden in Europa und Elon Musks Klage wegen Abweichung von der ursprünglichen Mission beschäftigen das Unternehmen rechtlich.
Zusammenfassung
  • OpenAI schließt milliardenschwere Chip-Deals für 26 Gigawatt Rechenkapazität
  • Finanzierungsmodell mit Nvidia gilt als hochriskantes 'circular financing'
  • AMD bietet OpenAI Kaufoption auf 160 Millionen Aktien für Chip-Bezug
  • Broadcom entwickelt mit OpenAI maßgeschneiderte KI-Beschleunigerchips
  • Bei 13 Milliarden Dollar Jahresumsatz verbrennt OpenAI aktuell 8,5 Milliarden
  • Risiken bei Scheitern: Investorenverluste und ungenutzte Produktionskapazitäten
  • OpenAI unterscheidet sich durch beispielloses Tempo ohne stabilen Profitmodus

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