Wissenschaftsskandal: In der Mathematik wird systematisch betrogen
Gefälschte Artikel, gekaufte Zitate und fragwürdige Rankings: Eine internationale Studie deckt systematischen Betrug in Mathematik-Publikationen auf. Doch die Autoren warnen - das Problem reicht weit tiefer als bisher sichtbar.
Der Kern des Problems liegt nicht in der Mathematik selbst, sondern in der Art, wie Forschung gemessen wird. Anstatt Inhalte und Erkenntnisse in den Mittelpunkt zu stellen, zählen zunehmend Indikatoren wie Zitierhäufigkeit oder der sogenannte "Impact Factor" einer Zeitschrift. Diese Kennzahlen werden von kommerziellen Anbietern wie Clarivate berechnet - und zwar intransparent und ohne Beteiligung der Fachgemeinschaft. Der Effekt: Universitäten und Forscher geraten in Abhängigkeit von Rankings, die über Gelder, Stellen und internationale Sichtbarkeit entscheiden.
"‚Fake Science‘ ist nicht nur lästig, sie ist eine Gefahr für Wissenschaft und Gesellschaft", warnt IMU-Generalsekretär Christoph Sorger. Die Folge sei ein Vertrauensverlust - innerhalb der Forschungsgemeinschaft ebenso wie in der Öffentlichkeit. Denn wer nicht mehr unterscheiden kann, welche Ergebnisse belastbar sind, verliert die Grundlage für verlässliche Weiterarbeit. DMV-Präsident Jürg Kramer sieht die nun veröffentlichten Empfehlungen daher als "Appell zu einem Systemwechsel".
Infobox: Empfehlungen aus der Studie
Siehe auch:
Schattenreich der Zahlen: Korruption in der Mathematik
Es klingt zunächst wie ein Paradox: Ausgerechnet in der Mathematik, der Disziplin, die für ihre Strenge und Eindeutigkeit bekannt ist, wurde ein Netzwerk systematischen Betrugs sichtbar. Eine internationale Forschergruppe um Ilka Agricola, Professorin an der Universität Marburg, hat im Auftrag der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV) und der International Mathematical Union (IMU) jahrelange Missstände untersucht - und dokumentiert, wie fragil die Mechanismen der wissenschaftlichen Publikationswelt geworden sind.Der Kern des Problems liegt nicht in der Mathematik selbst, sondern in der Art, wie Forschung gemessen wird. Anstatt Inhalte und Erkenntnisse in den Mittelpunkt zu stellen, zählen zunehmend Indikatoren wie Zitierhäufigkeit oder der sogenannte "Impact Factor" einer Zeitschrift. Diese Kennzahlen werden von kommerziellen Anbietern wie Clarivate berechnet - und zwar intransparent und ohne Beteiligung der Fachgemeinschaft. Der Effekt: Universitäten und Forscher geraten in Abhängigkeit von Rankings, die über Gelder, Stellen und internationale Sichtbarkeit entscheiden.
‚Fake Science‘ ist nicht nur lästig, sie ist eine Gefahr für Wissenschaft und GesellschaftDie Konsequenzen beschreibt die Studie drastisch. 2019 führte eine Datenbankauswertung von Clarivate zu dem Ergebnis, dass die Universität mit den meisten "Weltklasse-Mathematikern" eine Einrichtung in Taiwan sei - ironischerweise ohne eigenes Mathematikstudium. Parallel dazu wuchs eine Schattenwirtschaft: sogenannte Megajournale veröffentlichen gegen Bezahlung nahezu jeden Artikel, während Betrüger Zitate und Publikationen gegen Geld anbieten. Das Ergebnis sind Fluten an Beiträgen ohne wissenschaftlichen Gehalt, produziert allein zur Verbesserung von Kennzahlen.
"‚Fake Science‘ ist nicht nur lästig, sie ist eine Gefahr für Wissenschaft und Gesellschaft", warnt IMU-Generalsekretär Christoph Sorger. Die Folge sei ein Vertrauensverlust - innerhalb der Forschungsgemeinschaft ebenso wie in der Öffentlichkeit. Denn wer nicht mehr unterscheiden kann, welche Ergebnisse belastbar sind, verliert die Grundlage für verlässliche Weiterarbeit. DMV-Präsident Jürg Kramer sieht die nun veröffentlichten Empfehlungen daher als "Appell zu einem Systemwechsel".
Ausgerechnet
Die Studie, veröffentlicht auf arXiv und in den Notices of the American Mathematical Society, versteht sich nicht nur als Diagnose, sondern auch als Wegweiser. Sie fordert eine stärkere Verantwortung der wissenschaftlichen Gemeinschaft bei der Bewertung von Forschung, transparente Standards und die Abkehr von blindem Vertrauen in kommerzielle Kennziffern. Entscheidend ist nicht allein, Betrug zu erkennen - sondern die Strukturen zu verändern, die ihn möglich gemacht haben.Infobox: Empfehlungen aus der Studie
- Für Politik und Entscheidungsträger
- Ressourcen nach fachlicher Begutachtung statt nach Kennzahlen vergeben.
- Keine Abhängigkeit von kommerziellen Rankings (SJR, JCR).
- Seriöse Journale unterstützen, Predatory Journals ächten.
- Universitätsrankings nicht als Maßstab nutzen.
- Für Institutionen
- Berufungen und Beförderungen nicht an Publikationszahlen binden.
- Qualität der besten Arbeiten statt Menge bewerten.
- Forscher über Raubverlage und fragwürdige Praktiken aufklären.
- Promotionsauflagen nicht an reine Publikationszahlen koppeln.
- Für Einzelne
- Nicht in "Predatory Journals" veröffentlichen.
- Nur relevante Arbeiten zitieren, Publikationslisten nicht künstlich aufblähen.
- Journale und Editorial Boards kritisch prüfen.
- Kollegen auf problematische Beteiligungen hinweisen.
- Mit Transparenz und Integrität auftreten - auch bei eigenen Fehltritten.
Zusammenfassung
- Internationale Studie deckt systematischen Betrug in Mathematik-Fachpublikationen auf
- Bewertungssystem durch Impact Factor und Zitierhäufigkeit fördert wissenschaftliche Manipulation
- Kommerzielle Rankings wie von Clarivate führen zu fragwürdigen Bewertungen von Institutionen
- Bezahlte Veröffentlichungen in Megajournalen gefährden wissenschaftliche Integrität
- Studie fordert Abkehr von kommerziellen Kennziffern bei der Forschungsbewertung
- Statt Publikationsmenge sollte die Qualität der besten Arbeiten bewertet werden
- Empfehlungen zielen auf Systemwechsel und mehr Verantwortung der Wissenschaftsgemeinschaft
Siehe auch:
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