Bewusstes Risiko: Team bringt Roboterautos Trick von guten Fahrern bei

Was brauchen autonome Fahrzeuge, um souverän zu agieren? Neben immer mehr Rechenleistung und unzähligen Sensoren glaubt ein Team aus Hongkong, den entscheidenden Trick gefunden zu haben: ein "Gefühl" für Risiko im richtigen Moment.
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Intelligentes Risiko: So werden autonome Autos besser

Die Entwicklung autonomer Fahrsysteme wird weltweit von Tech-Konzernen, Start-ups und Automobilherstellern vorangetrieben. Die Ansätze sind verschieden - vom reinen Regelwerk über KI-gestützte Entscheidungsmodelle bis hin zu Deep-Learning-Verfahren. Doch eines eint sie bislang: Sie agieren meist starr, folgen formalen Regeln und reagieren wenig flexibel auf komplexe Alltagssituationen.

Ein neuer Forschungsansatz setzt genau dort an: Wenn autonome Systeme lernen, Risiken wie ein erfahrener Mensch einzuschätzen, fahren sie nicht nur sicherer, sondern auch effizienter. Ein Team der Hongkong University of Science and Technology (HKUST) hat dafür ein Modell entwickelt, das nach Aussage der Forscher nicht einfach Regeln abbildet - sondern menschliches Denken. Die Idee: Damit die Systeme fahren wie ein Mensch, muss sie auch entscheiden wie ein Mensch: Wann lohnt es sich, ein kleineres Risiko in Kauf zu nehmen, um eine größere Gefahr zu vermeiden? Oder wann ergibt es Sinn, zu warten, wenn klassische AV-Systeme nur eine freie Bahn sehen?


Klassische autonome Systeme kalkulieren hier vorwiegend nur binäre Risikoverhältnisse zwischen zwei Verkehrsteilnehmern. Doch in komplexen Situationen - etwa an einer belebten Kreuzung - genügt das nicht. Menschen gewichten hier intuitiv: Erst wird der Schutz von Fußgängern sichergestellt, danach folgt die Rücksicht auf andere Fahrzeuge. Und noch viel wichtiger: Diese Regeln sind je nach Ort und Situation anders. Diese Fähigkeit, Gefahr im dynamischen sozialen Kontext einzuordnen, nennen Fachleute "soziale Sensitivität".

Um genau dies maschinell abzubilden, kombinierte das interdisziplinäre HKUST-Team um Prof. Yang Hai Erkenntnisse aus Neurowissenschaften, Ethik und Verkehrsingenieurwesen. Das System basiert auf drei zentralen Elementen: einer individuellen Risikobewertung aller Beteiligten, einer ethisch gewichteten Risikokarte und dem sogenannten Behavioral Belief Encoding - also der Fähigkeit, die eigene Wirkung im Verkehr vorauszudenken.

Laut der im Fachjournal PNAS veröffentlichten Studie schneiden AVs mit diesem System nicht nur sicherer ab - sie erledigen ihre Fahrmanöver auch durchschnittlich 13,9 Prozent schneller. Das zeigt: Ein feineres Gespür für Risiko kann nicht nur schützen, sondern auch Tempo machen. Insgesamt sank das Verkehrsrisiko um 26,3 Prozent, bei besonders gefährdeten Gruppen wie Fußgängern und Radfahrern sogar um 51,7 Prozent. Risiko-System für autonome Autos (HKUST)Der vorgeschlagene Ansatz für 'sozial sensible autonome Fahrzeuge' (HKUST) Wie die Zahlen ermittelt wurden:
  • Datengrundlage: 2.000 realitätsnahe Verkehrsszenarien in einer Simulationsumgebung
  • Vergleich: Neues Modell vs. herkömmliche AV-Systeme mit starren Regelwerken
  • Risikobewertung: Getrennte Analyse von
    • Gesamtverkehrsrisiko
    • Risiko für Fußgänger und Radfahrer
    • Eigenrisiko des AV
  • Effizienzmaß: Durchschnittliche Zeit zur Durchführung typischer Fahrmanöver

"Unsere Architektur erlaubt es, AVs an lokale Regeln und soziale Normen anzupassen", erklärt Prof. Yang. "In manchen Ländern hat der Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmer Vorrang, in anderen zählt die Effizienz mehr. Auch unterschiedliche Rechtsauffassungen zu Unfallverantwortung lassen sich so berücksichtigen."

Risiko als Sicherheitsfaktor

Tatsächlich kann genau diese Anpassungsfähigkeit entscheidend sein, damit autonome Fahrzeuge sich besser in den Verkehrsfluss einfügen - etwa weil sie typische Verhaltensweisen vor Ort besser verstehen und nachvollziehen können. Frühere Studien zeigen außerdem: Wenn AVs lokale Gepflogenheiten mitdenken, reagieren sie für menschliche Fahrer berechenbarer, verursachen weniger Störungen im Verkehrsfluss und tragen zu einem ruhigeren Zusammenspiel im Straßenverkehr bei.

Die Arbeit entstand unter Mitwirkung mehrerer Institutionen, darunter die University of Washington und Tsinghua University. Derzeit arbeitet das Team an einem großangelegten, internationalen Datensatz sozialer Fahrmuster und bereitet erste Praxistests vor - ein nächster Schritt auf dem Weg zu Fahrzeugen, die nicht nur einfach Verkehr berechnen, sondern verstehen.

Wie weit ist autonomes Fahren in DE?
Deutschland hat bereits 2021 ein Gesetz zum autonomen Fahren verabschiedet, das als weltweit erstes umfassendes Regelwerk gilt und den Einsatz autonomer Fahrzeuge bis Level 4 grundsätzlich ermöglicht. Dennoch sind vollautonome Fahrzeuge im Alltag bisher nicht angekommen.

In der Praxis sind derzeit vor allem Fahrzeuge mit Assistenzsystemen der Level 1 und 2 auf deutschen Straßen unterwegs. Einige Hersteller wie Mercedes bieten bereits Level-4-Funktionen für bestimmte Situationen an.

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland trotz fortschrittlicher Gesetzgebung hinter den USA und China zurück, wo bereits Robotertaxi-Dienste im regulären Betrieb sind. Experten gehen davon aus, dass Level-5-Autonomie frühestens ab 2040 flächendeckend erreicht werden könnte.
Was bedeuten die 5 Level genau?
Level 0 bezeichnet vollständig manuelles Fahren ohne Assistenzsysteme, während Level 1 "assistiertes Fahren" mit einfachen Helfern wie Tempomat oder Spurhalteassistent umfasst. Der Fahrer muss bei beiden Stufen stets konzentriert sein.

Bei Level 2 (teilautomatisiert) übernimmt das Fahrzeug Lenken und Geschwindigkeit in bestimmten Situationen, Level 3 (hochautomatisiert) erlaubt dem Fahrer, sich zeitweise vom Verkehr abzuwenden, muss aber bei Aufforderung wieder übernehmen können.

Level 4 (voll automatisiert) bedeutet, dass das Fahrzeug in definierten Bereichen komplett autonom fährt und der Mensch nicht eingreifen muss. Bei Level 5 (autonom) gibt es keine Einschränkungen mehr - das Auto fährt überall selbstständig, ohne dass ein Fahrer notwendig ist.
Wann kommt Level 5 in Deutschland?
Vollständig autonomes Fahren (Level 5) wird nach Einschätzung von Experten in Deutschland frühestens ab 2040 flächendeckend verfügbar sein. Die technologischen und rechtlichen Herausforderungen sind komplexer als ursprünglich angenommen.

Noch vor einigen Jahren gab sich die Automobilindustrie deutlich optimistischer und prognostizierte, dass bis 2035 bereits jede dritte Fahrt in einem autonomen Fahrzeug stattfinden würde. Diese Prognosen wurden mittlerweile nach hinten korrigiert.

Ein wichtiger Faktor ist auch die Langlebigkeit von Autos - sie sind durchschnittlich bis zu 20 Jahre im Einsatz, was die Marktdurchdringung neuer Technologien verlangsamt. Vollautonome Fahrzeuge werden daher zunächst in Nischen wie Shuttlediensten oder im gewerblichen Bereich eingesetzt werden.
Welcher Autobauer führt aktuell?
Im internationalen Vergleich haben US-Unternehmen wie Waymo (Google-Schwester) derzeit die Nase vorn und betreiben bereits kommerzielle Robotaxi-Dienste mit über 250 Fahrzeugen in San Francisco. Auch chinesische Anbieter wie Baidu machen große Fortschritte.

Unter den deutschen Herstellern arbeiten besonders Mercedes und BMW intensiv an autonomen Funktionen. Mercedes hat als erster Hersteller ein Level-3-System für den Stau auf Autobahnen bis 60 km/h zugelassen bekommen und plant für 2025 eine Freigabe bis 95 km/h.

Zulieferer wie ZF haben kürzlich die Genehmigung erhalten, Level-4-Fahrzeuge deutschlandweit zu testen, was die Entwicklung vorantreiben könnte. Volkswagen plant, ab 2026 einen autonom fahrenden ID-Buzz für den Mobilitätsdienst Moia anzubieten.
Ist Selbstfahren in DE schon legal?
Ja, Deutschland hat im Mai 2021 als weltweit erstes Land ein umfassendes Gesetz für autonomes Fahren verabschiedet, das grundsätzlich den Einsatz von autonomen Fahrzeugen bis zum Level 4 im öffentlichen Straßenverkehr ermöglicht.

Das Gesetz gilt als Übergangslösung, bis auf internationaler Ebene harmonisierte Vorschriften vorliegen. Deutschland verfolgt das Ziel, eine Führungsrolle beim autonomen Fahren einzunehmen und hat deshalb frühzeitig den rechtlichen Rahmen geschaffen.
Wer haftet bei einem Unfall?
Bei Fahrzeugen mit Assistenzsystemen (Level 1-2) liegt die Verantwortung grundsätzlich beim Fahrer, da dieser jederzeit die Kontrolle behalten muss. Bei Level 3 trägt der Fahrer nur dann die Verantwortung, wenn er Hinweise des Systems ignoriert.

Für Level 4 und 5 wurde im Gesetz zum autonomen Fahren eine "Technische Aufsicht" als Verantwortlicher definiert, die nicht zwingend im Fahrzeug sitzen muss. Bei Unfällen können laut Straßenverkehrsgesetz drei Parteien haften: die technische Aufsicht, der Halter oder der Hersteller.

Die Haftungsfrage ist ein zentraler Aspekt bei der weiteren Regulierung des autonomen Fahrens und wird international intensiv diskutiert. Versicherungen und Automobilhersteller arbeiten bereits an entsprechenden Modellen zur Risikobewertung und Schadensregulierung.
Welche Vorteile bringt autonomes Fahren?
Durch autonomes Fahren soll die Verkehrssicherheit deutlich erhöht werden, da menschliche Fehler als Hauptursache für Unfälle minimiert werden. Studien prognostizieren eine signifikante Reduzierung der Unfallzahlen bei breitem Einsatz dieser Technologie.

Für Nutzer bedeutet autonomes Fahren mehr Komfort und gewonnene Zeit, die produktiv oder zur Erholung genutzt werden kann. Auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität erhalten neue Möglichkeiten zur selbstständigen Fortbewegung, was die gesellschaftliche Teilhabe fördert.

Autonome Fahrzeuge können zudem effizienter und vorausschauender fahren, was Kraftstoffverbrauch und Emissionen reduziert. Im öffentlichen Nahverkehr und in der Logistik könnten sie helfen, den Fachkräftemangel zu kompensieren und neue, bedarfsgerechte Mobilitätskonzepte zu ermöglichen.
Ist mein Auto schon teilautonom?
Die meisten modernen Fahrzeuge verfügen bereits über Assistenzsysteme der Level 1 und 2, wie adaptive Tempomaten, Spurhalteassistenten oder Einparkhilfen. Diese Funktionen unterstützen den Fahrer, übernehmen aber nicht die vollständige Kontrolle.

Level-3-Systeme, bei denen sich der Fahrer unter bestimmten Bedingungen vom Verkehrsgeschehen abwenden darf, sind aktuell nur in wenigen Oberklassefahrzeugen verfügbar, beispielsweise im Mercedes Drive Pilot für Autobahnstaus bis 60 km/h oder im BMW i5 mit bestimmten Überholmanövern.

Um herauszufinden, welche Autonomiestufe Ihr Fahrzeug erreicht, sollten Sie die Bedienungsanleitung konsultieren oder direkt beim Hersteller nachfragen. Beachten Sie dabei, dass Marketing-Bezeichnungen wie "Autopilot" nicht immer den tatsächlichen Autonomiegrad widerspiegeln.
Zusammenfassung
  • Forscher aus Hongkong entwickeln Modell für risikosensitive Roboterautos
  • Autonome Fahrzeuge mit menschenähnlicher Risikoabwägung agieren effizienter
  • Neue Technologie berücksichtigt soziale Sensitivität im Straßenverkehr
  • System reduziert Verkehrsrisiko um 26,3 Prozent und spart 13,9 Prozent Zeit
  • Besonderer Schutz für Fußgänger und Radfahrer mit 51,7 Prozent weniger Risiko
  • Anpassungsfähigkeit an lokale Verkehrsnormen verbessert Integration der AVs

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