Wenn Rechenzentren plötzlich den Stecker ziehen:
Risiko fürs Stromnetz

Rechenzentren gelten als Rückgrat der digitalen Wirtschaft - von Windows-Cloud-Diensten über Google-Search bis hin zu modernen Bezahlsystemen. Doch was passiert, wenn genau diese Giganten plötzlich als Stromkunden verschwinden?
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40 Rechenzentren gingen gleichzeitig vom Netz

Dem ist das "Wall Street Journal" (Artikel hinter Paywall) nachgegangen. Demnach sind genau solche Situationen in den USA längst Realität geworden - mit Folgen, die Betreiber und Aufsichtsbehörden zunehmend nervös machen.

Das WSJ schildert mehrere Vorfälle im US-Bundesstaat Virginia, die als Warnsignal für die gesamte Branche gelten. Im Februar 2025 schalteten rund 40 Rechenzentren gleichzeitig vom öffentlichen Netz auf ihre eigenen Notstromaggregate um, nachdem eine Hochspannungsleitung ausgefallen war. Zusammen verbrauchten diese Anlagen so viel Strom wie mehr als eine Million Haushalte.


Für den Netzbetreiber PJM Interconnection bedeutete der abrupte Lastabfall: Innerhalb kürzester Zeit musste die Einspeisung zurückgefahren werden, um Schutzeinrichtungen nicht auszulösen und Schäden am System zu verhindern.

Ein ähnliches Szenario hatte sich bereits im Juli 2024 ereignet, als etwa 70 Rechenzentren nach einem Fehler im Übertragungsnetz gleichzeitig offline gingen. In beiden Fällen lag die wegfallende Last unter 2.000 Megawatt - für PJM noch beherrschbar, aber groß genug, um Alarmglocken schrillen zu lassen.

Ein leitender PJM-Manager betonte laut WSJ, es sei kein akuter Notfall gewesen, die Vorfälle hätten jedoch deutlich gemacht, wie riskant es wäre, wenn in Zukunft deutlich größere Leistungsmengen schlagartig verschwinden würden.

Neue Überwachung nötig?

Traditionell sorgen sich Netzbetreiber vor allem darum, dass die Nachfrage höher ist als das Angebot - etwa bei Hitze- oder Kältewellen, wenn Klimaanlagen und Heizungen auf Hochtouren laufen. Dann müssen Kraftwerke hochgefahren und im Ernstfall Verbraucher vom Netz genommen werden. Mit der zunehmenden Zahl großer Rechenzentren kommt nun die umgekehrte Gefahr hinzu. Infografik Energieversorgung: Weshalb es zu Ausfällen kommtEnergieversorgung: Weshalb es zu Ausfällen kommt

Deshalb kann es problematisch werden

Viele dieser Anlagen sind so programmiert, dass sie sich beim kleinsten Anzeichen einer Störung automatisch vom Netz trennen und auf Diesel- oder Gasgeneratoren wechseln, um empfindliche Hardware zu schützen. Für das Stromnetz bedeutet das einen plötzlichen Laststurz, und damit Stress für das gesamte System.

Brisant ist das vor allem, weil Rechenzentren immer größere Strommengen verschlingen. Laut den von WSJ zitierten Prognosen könnten sie in Virginia bis 2030 für bis zu 57 Prozent des gesamten Stromverbrauchs verantwortlich sein. Landesweit in den USA könnte ihr Anteil auf bis zu 17 Prozent steigen - von derzeit rund 4 bis 5 Prozent. Damit werden Rechenzentren zu einem der wichtigsten Großkunden und gleichzeitig zum potenziellen Störfaktor.

Versorger und Aufsichtsbehörden reagieren inzwischen, indem automatische Abschaltmechanismen weniger empfindlich werden und sich besser mit den Netzleitstellen koordinieren. Ziel ist, dass Rechenzentren bei kurzen Spannungseinbrüchen nicht kollektiv auf Notstrom umschalten, sondern abgestuft reagieren. Ein ranghoher Vertreter der North American Electric Reliability Corporation (NERC) bezeichnete das Problem als eine der dringendsten neuen Bedrohungen für die Netzstabilität und betonte, man versuche, die Regeln zügig anzupassen.

Wie schätzt ihr das Risiko ein? Sind Rechenzentren eher Rettungsanker der Digitalisierung oder unterschätzte Gefahr für die Versorgungssicherheit?

Zusammenfassung
  • Rechenzentren gefährden durch plötzliche Abschaltungen die Netzstabilität
  • Im Februar 2025 schalteten 40 Rechenzentren in Virginia auf Notstrom um
  • Der abrupte Lastabfall zwang den Netzbetreiber PJM zum schnellen Handeln
  • Bereits im Juli 2024 gingen etwa 70 Rechenzentren gleichzeitig offline
  • Bis 2030 könnten Rechenzentren 57 Prozent des Stroms in Virginia nutzen
  • Automatische Abschaltmechanismen sollen künftig weniger empfindlich sein
  • Die NERC sieht das Problem als dringendste Bedrohung der Netzstabilität

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