Rekord: 300 Mrd. Partikel-Galaxie-Simulation auf 7 Mio. CPU-Kernen

Mit sieben Millionen CPU-Kernen und 300 Milliarden simulierten Teilchen haben Forscher die Milchstraße neu erschaffen - digital, in so genauer Auflösung wie noch nie. Eine Verbindung aus klassischer Physik und KI macht möglich, was bisher undenkbar war.
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KI + Supercomputer: So entstand die digitale Milchstraße

Es sind Zahlen, die den Maßstab verschieben: 300 Milliarden Teilchen, berechnet auf über sieben Millionen CPU-Kernen. Hinter diesem Projekt steht ein internationales Team, das die Milchstraße erstmals sternweise simuliert hat. Jeder Datenpunkt steht für einen Stern, eine Gaswolke oder ein Stück dunkle Materie - zusammen bilden sie ein virtuelles Abbild unserer Galaxis.

Bisher scheiterten solche Projekte an einem physikalischen Detail: Supernovae. Wenn Sterne explodieren, verändern sie die Umgebung so abrupt, dass Simulationen auf winzige Zeitschritte zurückgreifen müssen. Der Rechenaufwand explodiert. Diese sogenannten hydrodynamischen Modelle geraten dabei an ihre Rechengrenzen. Das Team um Keiya Hirashima vom RIKEN Institut und der Universität Tokio löste dieses Problem mit einer Kombination aus klassischer Astrophysik und künstlicher Intelligenz.


Ein neuronales Netz übernimmt die schwierigsten Abschnitte: Es sagt voraus, wie sich die Gaswolken und Schockwellen einer Supernova entwickeln, statt dass der Supercomputer jeden einzelnen physikalischen Schritt berechnen muss. Während also die Hauptrechner die Gravitation und Bewegung von Milliarden Teilchen simulieren, berechnet ein zweites, kleineres System zeitgleich diese Explosionen - ähnlich wie zwei Abteilungen, die parallel am selben Projekt arbeiten.

Dieser Trick spart Zeit in gigantischem Maßstab. Das System lief auf dem japanischen Supercomputer Fugaku, einem der schnellsten Rechner der Welt, der aus 148 900 Rechenknoten besteht. Jeder davon enthält 48 Prozessorkerne der ARM-basierten A64FX-Architektur, optimiert für parallele Berechnungen. Zusammengenommen entspricht das über 7,1 Millionen Kernen, die gemeinsam 8,2 Billiarden Rechenoperationen pro Sekunde ausführen. Das neue Verfahren bricht damit die in der Forschung bekannte "Billion-Particle Barrier", die alle bisherigen Simulationen ausbremste.

Das ist ein großer Schritt

Zum Vergleich: Frühere Spitzenmodelle wie GIZMO oder AREPO schafften weniger als eine Milliarde Teilchen und arbeiteten mit deutlich gröberer Auflösung. Hirashimas Code namens ASURA-FDPS-ML bewältigt 500-mal mehr Partikel - und das 100-mal schneller. Möglich wird das, weil die KI nicht als Fremdkörper integriert ist, sondern auf denselben Prozessoren arbeitet, in C++ umgesetzt und für verschiedene Systeme optimiert. Selbst auf anderen Architekturen - von AMDs EPYC-Prozessoren bis zu Nvidias GH200 Chips - lief der Code nahezu unverändert.

Was in der Praxis entstand, ist mehr als ein Datensatz: eine Simulation, die die Dynamik unserer Galaxis über Milliarden Jahre hinweg - in Schritten von nur 2000 Jahren - nachzeichnet. Gasströme, Sternentstehung, Explosionen - alles in einem Modell, das die reale Milchstraße in bislang unerreichter Detailtiefe nachbildet.

Fakten zur Simulation "ASURA-FDPS-ML"
  • Rechenleistung: 8,2 PFLOPS auf Fugaku
  • 300 Milliarden Teilchen (≈ 0,75 Sonnenmassen Auflösung)
  • 7,1 Millionen CPU-Kerne, 148 900 Rechenknoten
  • Kombination aus N-Body/SPH-Physik und Deep Learning
  • 100× schneller als bisherige Galaxy-Simulationen
  • Beteiligte: RIKEN iTHEMS, Universität Tokio, Kobe University, Preferred Networks Inc.

Großes geleistet

Nach den Daten der Studie übertraf das Projekt alle bisherigen Ansätze in Teilchenzahl, Rechenleistung und Skalierung. Die Autoren bezeichnen es als den ersten erfolgreichen Durchbruch der "billion-particle barrier" - ein dokumentierter Meilenstein der modernen numerischen Astrophysik.

Was ist ein Supercomputer?
Ein Supercomputer ist ein Hochleistungsrechner, der für seine Zeit außergewöhnliche Rechenleistung bietet. Anders als normale PCs sind Supercomputer speziell für wissenschaftliche Berechnungen optimiert, die enorme Datenmengen parallel verarbeiten müssen.

Moderne Supercomputer bestehen aus tausenden bis hunderttausenden Prozessorkernen, die gleichzeitig an komplexen Problemen arbeiten. Die schnellsten Systeme erreichen heute über eine Trillion (10¹⁸) Rechenoperationen pro Sekunde - das sogenannte Exascale-Computing.

Der Begriff ist relativ: Was heute als Supercomputer gilt, könnte in zehn Jahren durch Smartphones übertroffen werden. Entscheidend ist nicht die absolute Leistung, sondern die Position an der Spitze der technischen Möglichkeiten.
Wofür werden Supercomputer eingesetzt?
Klimaforschung nutzt Supercomputer für komplexe Wettermodelle und Klimasimulationen, die Millionen von Variablen über Jahre hinweg berechnen. Ohne diese Rechenkraft wären präzise Klimaprognosen unmöglich.

In der Medizin helfen sie bei der Entwicklung neuer Medikamente durch Simulation molekularer Wechselwirkungen, beim Verständnis von Proteinfaltung oder bei der Analyse von Genomdaten. Auch Corona-Impfstoffe wurden mit Supercomputer-Unterstützung entwickelt.

Weitere Anwendungen umfassen Kernfusionsforschung, Materialwissenschaften, Astrophysik, Crashtest-Simulationen in der Automobilindustrie, Erdbebenvorhersage, Finanzmarktanalysen und die Entwicklung künstlicher Intelligenz.
Wie funktioniert ein Supercomputer technisch?
Supercomputer nutzen massive Parallelverarbeitung: Große Probleme werden in tausende Teilprobleme zerlegt, die gleichzeitig von verschiedenen Prozessoren bearbeitet werden. Die Ergebnisse werden dann wieder zusammengeführt.

Moderne Systeme kombinieren herkömmliche CPUs mit spezialisierten Grafikprozessoren (GPUs) oder eigens entwickelten Beschleunigern. GPUs sind besonders effizient bei mathematischen Operationen, wie sie in KI-Anwendungen vorkommen.

Die Vernetzung ist entscheidend: Hochgeschwindigkeits-Netzwerke mit minimalen Latenzen verbinden die Komponenten. Auch Kühlung ist kritisch - manche Supercomputer benötigen Megawatt an Leistung und erzeugen entsprechend Abwärme.
Welche sind die leistungsstärksten Supercomputer?
Die TOP500-Liste wird halbjährlich aktualisiert und rangiert die schnellsten Systeme weltweit. Stand 2024 führt "Frontier" am Oak Ridge National Laboratory (USA) mit über 1 Exaflops Rechenleistung - mehr als eine Trillion Berechnungen pro Sekunde.

China betreibt mehrere Spitzensysteme, veröffentlicht aber seit 2020 aus strategischen Gründen keine detaillierten Leistungsdaten mehr. Japan, Europa und die USA investieren Milliarden in die nächste Generation von Exascale-Rechnern.

Deutschland betreibt mehrere Hochleistungsrechenzentren, darunter das Leibniz-Rechenzentrum in München und das Jülich Supercomputing Centre. Der europäische Supercomputer "LUMI" in Finnland gehört zu den Top 10 weltweit.
Welche Herausforderungen gibt es?
Der Energieverbrauch ist enorm: Spitzen-Supercomputer benötigen 20-40 Megawatt - so viel wie eine Kleinstadt. Die Stromkosten über die Lebensdauer können die Anschaffungskosten übersteigen. Energieeffizienz wird zunehmend wichtiger als reine Geschwindigkeit.

Programmierung ist hochkomplex: Software muss speziell für parallele Ausführung auf tausenden Prozessoren optimiert werden. Nicht alle Probleme lassen sich effizient parallelisieren - manche Berechnungen müssen sequenziell ablaufen.

Zuverlässigkeit wird bei steigender Komponentenzahl schwieriger: Mit hunderttausenden Prozessoren steigt die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Teile ausfallen. Fehlertolerante Systeme und Redundanz sind notwendig, kosten aber Leistung.
Zusammenfassung
  • Internationale Forscher simulieren Milchstraße mit 300 Milliarden Teilchen
  • Kombination aus klassischer Astrophysik und KI ermöglicht Durchbruch
  • Neuronale Netze übernehmen Berechnung komplexer Supernova-Prozesse
  • Japanischer Supercomputer Fugaku nutzt über 7,1 Millionen CPU-Kerne
  • ASURA-FDPS-ML Code arbeitet 100-mal schneller als frühere Simulationen
  • Projekt überwindet erstmals die sogenannte 'Billion-Particle Barrier'
  • Detaillierte Nachbildung der galaktischen Dynamik über Milliarden Jahre

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