Aufrechter Gang: Hinweise auf die ersten Schritte der Menschheit

Wann der aufrechte Gang entstand, ist eine zentrale Frage der Men­sch­heitsgeschichte. Eine neue Analyse von Fossilien aus Zentral­afrika liefert Hinweise, dass ein früher menschlicher Vorfahr bereits vor rund sieben Millionen Jahren auf zwei Beinen ging.
Forschung, Wissenschaft, Fabrik, werkzeug, Evolution, Neandertaler, Neandertal

Evolution: Der erste aufrechte Gang

Im Fokus steht die Art Sahelanthropus tchadensis, deren Überreste Anfang der 2000er Jahre in der Djurab-Wüste im Tschad entdeckt wurden. Seitdem wird diskutiert, ob dieser Hominine bereits überwiegend zweibeinig unterwegs war oder sich ähnlich wie heutige Schimpansen fortbewegte.

Zwar lieferte der damals gefundene Schädel Hinweise auf den sogenannten "Bipedalismus", doch lange fehlten aussagekräftige Knochen von Rumpf und Gliedmaßen. Ein Forschungsteam um den Anthropologen Scott Williams von der New York University (NYU) hat nun Oberschenkel- und Unterarmknochen mit modernen Methoden erneut untersucht.


Anatomische Merkmale der Homininen

Mithilfe der 3D-Geometrie-Morphometrie verglichen die Wissenschaftler die Fossilien mit Skeletten heutiger Primaten wie Menschen, Schimpansen und Gorillas sowie weiterer fossiler Homininen. Die Methode erlaubt es, feine Unterschiede in der Knochenform zu messen und funktional zu deuten.

Die im Fachjournal Science Advances veröffentlichten Ergebnisse sprechen dafür, dass Sahelanthropus an den aufrechten Gang am Boden angepasst war, zugleich aber weiterhin kletterte. Ein zentrales Merkmal der Analyse ist der sogenannte Femoral Tubercle. Wie Phys.org berichtet, handelt es sich dabei um einen knöchernen Ansatzpunkt am Oberschenkel für das iliofemorale Band.

Dieses Band stabilisiert das Becken beim Gehen und trägt zur Energieeffizienz und zum Gleichgewicht bei.

In dieser Ausprägung ist das Merkmal bislang nur bei Homininen und modernen Menschen nachgewiesen. Zudem stellten die Forscher eine charakteristische Verdrehung des Oberschenkelknochens sowie Hinweise auf eine ausgeprägte Gesäßmuskulatur fest, die für die seitliche Stabilität beim Gehen wichtig ist. Diese Befunde ordnen Sahelanthropus anatomisch näher an spätere Formen wie Australopithecus ein. Aufrechter Gang der MenschheitS. tchadensis-Fossilien im Vergleich zu einem Schimpansen und einem Menschen.

Viele kleine Hinweise

Gleichzeitig zeigen die untersuchten Unterarmknochen Merkmale, die für das Klettern typisch sind. Die Ellen weisen eine Krümmung auf, wie sie bei baumlebenden Primaten vorkommt.

Daraus schließen die Forscher auf eine kombinierte Fortbewegungsweise: aufrechter Gang am Boden und Klettern in den Bäumen. Dies passt zu der Annahme, dass sich der Bipedalismus schrittweise entwickelte und nicht abrupt durchsetzte.

Evolution des Menschen

  • Vor 7-6 Millionen Jahren
    Sahelanthropus (z.B. "Toumaï") in Zentralafrika, sehr früher Hominine nahe der Aufspaltung von Menschen- und Schimpansenlinie, vermutlich bereits mit ersten Merkmalen des aufrechten Gangs
  • Vor ca. 6-5 Millionen Jahren
    Weitere sehr frühe Homininen wie Orrorin tugenensis und Ardipithecus in Afrika, Übergangsformen mit teils zweibeinigem Gang und noch ausgeprägter Kletteranpassung
  • Vor ca. 4-2 Millionen Jahren
    Australopithecus-Arten (z.B. A. afarensis, "Lucy") mit eindeutig zweibeinigem Gang, aber noch kleinem Gehirn und vielen affenähnlichen Merkmalen
  • Vor ca. 2,5-1,5 Millionen Jahren
    Frühe Homo-Arten (Homo habilis, Homo erectus u.a.), größere Gehirne, systematische Steinwerkzeuge, Ausbreitung aus Afrika nach Eurasien beginnt
  • Vor ca. 800.000-300.000 Jahren
    Homo heidelbergensis und verwandte Formen, Beherrschung des Feuers, Jagd auf Großwild, einfache Hütten
  • Vor ca. 400.000-40.000 Jahren
    Neandertaler (Homo neanderthalensis) in Europa und Westasien, robuste Körper, komplexe Werkzeuge, Bestattungen; parallele Existenz mit frühen modernen Menschen
  • Vor ca. 300.000-200.000 Jahren bis heute
    Homo sapiens entsteht in Afrika und breitet sich weltweit aus, Entwicklung komplexer Sprache, Symbolik, Kunst und später Ackerbau und Zivilisationen

Zweifel in der Forschung

Die neuen Ergebnisse beenden die wissenschaftliche Debatte jedoch nicht. Es bleiben Zweifel an der Aussagekraft einzelner Befunde. Marine Cazenave vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie unterstreicht, die Hinweise auf den aufrechten Gang seien teils schwach. Der Femoral Tubercle stehe nicht zwingend in direktem Zusammenhang mit Bipedalismus und sei zudem in einem beschädigten Bereich des Knochens nur undeutlich erhalten.

Auch Rhianna Drummond-Clarke vom Max-Planck-Institut wies darauf hin, dass weiterhin unklar sei, ob die zweibeinige Fortbewegung überwiegend am Boden oder in den Bäumen stattfand. Auch die Rolle von Sahelanthropus als direkter Vorfahr des Menschen bleibt umstritten. Die neuen Analysen liefern zusätzliche Hinweise auf Bipedalismus, doch erst weitere Fossilien könnten die offenen Fragen zur Lebensweise dieser frühen Art klären. Der DOI-Link zur Publikation lautet: 10.1126/sciadv.adv0130.

Was meint ihr zu diesen neuen Erkenntnissen der Paläontologie? Glaubt ihr, dass das Rätsel um den ersten Schritt gelöst ist, oder braucht es noch mehr Beweise? Schreibt uns eure Meinung gerne in die Kommentare.

War Sahelanthropus ein Mensch?
Laut einer neuen Analyse der New York University könnte Sahelanthropus tchadensis tatsächlich der älteste bekannte Vorfahre des Menschen sein. Die Untersuchung von 7 Millionen Jahre alten Knochen deutet darauf hin, dass er bereits auf zwei Beinen ging - ein entscheidendes Merkmal der Homininen.

Er ähnelte zwar äußerlich einem Affen mit einem Gehirn in Schimpansengröße, doch die anatomische Anpassung an den aufrechten Gang rückt ihn in die menschliche Linie. Sollte sich dies bestätigen, würde er den bekannten Australopithecus ("Lucy") als ältesten direkten Urahn ablösen.
Was beweist den aufrechten Gang?
Das Forscherteam identifizierte einen sogenannten Femurtuberkel am Oberschenkelknochen. Dieser dient als Ankerpunkt für das iliofemorale Band, das für das aufrechte Gehen essenziell ist und in dieser Form bisher nur bei Homininen gefunden wurde.

Zusätzlich zeigten die Knochen eine natürliche Verdrehung (Antetorsion), die hilft, die Beine nach vorne auszurichten. Auch Hinweise auf eine ausgeprägte Gesäßmuskulatur, die zur Stabilisierung beim Gehen dient, stützen laut den Wissenschaftlern die These der Zweibeinigkeit massiv.
Gibt es Zweifel an der Theorie?
Nicht alle Experten sind überzeugt. Kritiker wie Dr. Marine Cazenave vom Max-Planck-Institut bezeichnen die Beweise als "schwach". Der entscheidende Knochenbereich sei stark beschädigt, und der postulierte Femurtuberkel sei nur sehr schwach ausgeprägt.

Andere Forscher geben zu bedenken, dass Sahelanthropus auch ein Vorfahre der Schimpansen gewesen sein könnte, der sich später wieder zum Knöchelgang entwickelte. Ohne weitere Fossilienfunde dürfte die wissenschaftliche Debatte, die seit 2001 andauert, weitergehen.
Kletterte der Urahn noch auf Bäume?
Trotz der Anpassung an den Boden war Sahelanthropus wohl kein reiner Wanderer. Die Forscher gehen davon aus, dass er weiterhin signifikante Zeit auf Bäumen verbrachte, etwa zur Nahrungssuche oder um Schutz vor Raubtieren zu suchen.

Anatomisch besaß er im Vergleich zu modernen Menschen noch relativ kurze Beine und lange Arme. Er war also vermutlich ein "zweibeiniger Affe", der den aufrechten Gang nutzte, aber seine angestammten Kletterfähigkeiten noch nicht vollständig aufgegeben hatte.
Wer oder was ist "Toumai"?
"Toumai" ist der Spitzname des ersten Sahelanthropus-Fossils, das bereits 2001 in der Djurab-Wüste im Tschad entdeckt wurde. Lange Zeit konzentrierte sich die Forschung fast ausschließlich auf den Schädel, was die Einordnung der Fortbewegung erschwerte.

Erst die spätere Analyse der Gliedmaßenknochen (Oberschenkel und Elle) ermöglichte die aktuellen Rückschlüsse. Toumai gilt als potenziell wichtigstes Bindeglied in der Zeit, als sich die evolutionären Wege von Menschen und Schimpansen trennten.
Warum ist der Fund so wichtig?
Sollte sich die Theorie bestätigen, würde dies beweisen, dass sich der aufrechte Gang sehr früh in der menschlichen Linie entwickelte - fast unmittelbar nach der Abspaltung von den gemeinsamen Vorfahren der Schimpansen vor etwa 7 Millionen Jahren.

Dies würde das Verständnis der menschlichen Evolution grundlegend verändern. Es hieße, dass Bipedalismus (Zweibeinigkeit) keine späte Anpassung war, sondern ein definierendes Merkmal von Anfang an, selbst als das Gehirn der Vorfahren noch sehr klein war.
Zusammenfassung
  • Neue Analyse von 7 Millionen Jahre alten Fossilien aus dem Tschad
  • Sahelanthropus tchadensis zeigt frühe Anpassungen an aufrechten Gang
  • Forschungsteam nutzte 3D-Geometrie-Morphometrie zur Knochenanalyse
  • Besondere Knochenmerkmale deuten auf bipedales Fortbewegen hin
  • Gleichzeitig zeigen Unterarmknochen noch Anpassungen fürs Klettern
  • Studie legt hybride Fortbewegung des frühen Homininen nahe
  • Wissenschaftliche Kontroverse über Eindeutigkeit der Funde hält an

Siehe auch:
Jetzt einen Kommentar schreiben


Alle Kommentare zu dieser News anzeigen
Tipp einsenden
❤ WinFuture unterstützen
Sie wollen online einkaufen? Dann nutzen Sie bitte einen der folgenden Links, um WinFuture zu unterstützen: Vielen Dank!