Wasserstoff aus Kläranlagen:
Durchbruch macht Abwasser zum Rohstoff

Aus Abwasser wird Wasserstoff: Ein Forschungsteam aus Princeton zeigt, dass selbst gereinigtes Schmutzwasser ein stabiler Rohstoff für grüne Energie werden kann - mit weniger Aufwand, weniger Kosten und ohne zusätzliches Trinkwasser.
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Günstigerer Wasserstoff? Klärwerk machts möglich

Wasserstoff gilt als Hoffnungsträger für Industrie und Verkehr, doch die Herstellung hat bislang einen Haken: Für die sogenannte Elektrolyse wird extrem sauberes Wasser gebraucht. Das wird in mehreren Stufen gefiltert und entsalzt - ein teurer Prozess, der vielerorts auch Trinkwasser verbraucht.

Das Team um Z. Jason Ren an der Princeton University wollte wissen, ob es auch anders geht. Gemeinsam mit der Doktorandin Lin Du testeten die Forschenden ein System, das nicht Reinstwasser, sondern aufbereitetes Abwasser aus Kläranlagen nutzt. In der Anlage, einem sogenannten Protonenmembran-Elektrolyseur (PEM), wird Strom durch das Wasser geleitet. Dabei spalten sich die Moleküle: Einerseits entsteht Wasserstoff, andererseits Sauerstoff.


Frühere Versuche mit Klärwerkswasser scheiterten, weil die Anlage schon nach kurzer Zeit verstopfte - ähnlich wie sich Kalk im Wasserkocher ansammelt. Calcium- und Magnesiumionen lagern sich auf der hauchdünnen Membran ab, durch die die geladenen Teilchen eigentlich wandern sollen. Das blockiert den Stromfluss und bremst die Produktion.

Der entscheidende Trick des Teams: Das Wasser wird leicht angesäuert, also mit einer winzigen Menge Schwefelsäure versetzt. Diese liefert einen Überschuss an Protonen, winzigen positiv geladenen Teilchen. Sie besetzen die Membran und verhindern, dass sich Kalkionen festsetzen. Die Säure zirkuliert im geschlossenen Kreislauf - sie wird also nicht verbraucht und gelangt nicht in die Umwelt.

Studie im Überblick

  • Verfahren: Protonenmembran-Elektrolyse (PEM)
  • Wasserquelle: gereinigtes Abwasser ("reclaimed water")
  • Zusatz: geringe Menge Schwefelsäure, im Kreislauf geführt
  • Stabilität: > 300 Stunden Dauerbetrieb im Labormaßstab
  • Hauptproblem gelöst: Kalkablagerungen auf der Membran
  • Aufbereitung: − 47 % Kosten, − 62 % Energiebedarf

"Man muss das Wasser nur leicht ansäuern - und die Anlage läuft über 300 Stunden stabil, ohne erkennbare Probleme", erklärt Ren. Im Versuch hielt das System also mehr als zehnmal so lange durch wie frühere Ansätze. Gleichzeitig entfällt der aufwendige Entsalzungsprozess: Laut der im Fachjournal Water Research veröffentlichten Studie sinken die Aufbereitungskosten um rund 47 Prozent, der Energiebedarf um etwa 62 Prozent.

Direkter Anschluss ans Schmutzwasser

Ren und sein Team sehen darin einen Weg, Wasserstoffanlagen künftig direkt an Kläranlagen anzuschließen. Jedes Abwasserwerk könnte damit zugleich ein kleiner Energieproduzent werden - ein realistischer Baustein für eine grüne Wasserstoffwirtschaft, die Stahl- und Düngemittelproduktion oder Schwerlastverkehr klimafreundlicher macht.

Doch die Princeton-Studie ist nicht allein: Auch anderswo wird an der Nutzung von Abwasser für Energie gearbeitet. Ein Team der Nanyang Technological University (Singapur) hat in Nature Water (wir hatten berichtet) gezeigt, dass sich Klärschlamm mithilfe von Sonnenlicht und speziellen Katalysatoren in Wasserstoffgas und proteinreiche Biomasse umwandeln lässt - also Energie und Nährstoffe zugleich liefert.

Gemeinsam zeigen beide Ansätze, dass sich Abwässer von einem Problemstoff zu einer Ressource für Energie und Rohstoffe wandeln könnten - technisch anspruchsvoll, aber mit wachsender Bedeutung für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft.

Was ist Elektrolyse?
Elektrolyse ist ein Verfahren, bei dem elektrischer Strom durch eine Flüssigkeit (Elektrolyt) geleitet wird, um chemische Reaktionen zu erzwingen, die von selbst nicht ablaufen würden. Sie wandelt elektrische Energie in chemische Energie um.

Das Prinzip: Zwei Elektroden (Anode und Kathode) werden in eine leitfähige Flüssigkeit getaucht und an eine Gleichspannungsquelle angeschlossen. An den Elektroden laufen Oxidations- und Reduktionsreaktionen ab, die Stoffe zersetzen oder umwandeln.

Die Elektrolyse wurde 1800 von William Nicholson und Anthony Carlisle entdeckt, kurz nachdem Alessandro Volta die erste Batterie erfunden hatte. Sie ist das Gegenprinzip zur Batterie, die chemische in elektrische Energie umwandelt.
Wie funktioniert die Wasserelektrolyse?
Bei der Wasserelektrolyse wird Wasser (H₂O) in seine Bestandteile Wasserstoff (H₂) und Sauerstoff (O₂) zerlegt. An der Kathode (Minuspol) entsteht Wasserstoffgas, an der Anode (Pluspol) Sauerstoffgas.

Reines Wasser leitet Strom kaum, daher wird meist verdünnte Schwefelsäure, Natronlauge oder Kochsalzlösung als Elektrolyt zugegeben. Die Reaktion benötigt mindestens 1,23 Volt, praktisch werden 1,5-2 Volt angelegt.

Das Volumenverhältnis ist 2:1 - es entsteht doppelt so viel Wasserstoff wie Sauerstoff, genau entsprechend der chemischen Formel H₂O. Dieser "grüne Wasserstoff" aus erneuerbaren Energien gilt als Schlüssel zur Energiewende.
Welche technischen Anwendungen gibt es?
Metallgewinnung: Aluminium wird ausschließlich durch Schmelzflusselektrolyse aus Bauxit gewonnen. Auch Kupfer wird elektrolytisch gereinigt, wobei Verunreinigungen entfernt werden und hochreines Kupfer entsteht.

Galvanik (Elektroplattieren): Metalle wie Chrom, Nickel, Gold oder Zink werden auf Oberflächen abgeschieden, um sie vor Korrosion zu schützen oder optisch zu veredeln. Verchromte Armaturen oder vergoldeter Schmuck entstehen so.

Chlor-Alkali-Elektrolyse: Aus Kochsalzlösung (NaCl) werden Chlorgas, Natronlauge und Wasserstoff gewonnen - wichtige Grundchemikalien für Kunststoffe, Bleichmittel, Seifen und viele andere Produkte.
Was sind die Faradayschen Gesetze?
Michael Faraday formulierte 1832 zwei Grundgesetze der Elektrolyse: Die abgeschiedene Stoffmenge ist proportional zur durchgeflossenen Ladungsmenge (Stromstärke × Zeit).

Konkret: Um ein Mol eines einwertigen Ions (z. B. Na⁺ oder Cl⁻) abzuscheiden, benötigt man die Faraday-Konstante F = 96.485 Coulomb. Für zweiwertige Ionen (z.B. Cu²⁺) braucht man die doppelte Ladungsmenge.

Praktisches Beispiel: Um 1 Gramm Wasserstoff zu erzeugen, muss etwa 26,8 Ampere-Stunden Strom durch die Elektrolysezelle fließen. Dies ermöglicht präzise Berechnungen für industrielle Prozesse.
Welche Rolle spielt Elektrolyse für die Energiewende?
Wasserstofferzeugung durch Elektrolyse mit erneuerbarem Strom ("grüner Wasserstoff") gilt als Schlüsseltechnologie zur Dekarbonisierung. Wasserstoff kann Energie speichern, wenn Wind- und Solaranlagen Überschuss produzieren.

Power-to-Gas wandelt überschüssigen Strom in Wasserstoff oder Methan um, das ins Erdgasnetz eingespeist oder in Tanks gespeichert werden kann. Dies löst das Problem der Energiespeicherung bei erneuerbaren Energien.

Industrielle Anwendungen: Stahlerzeugung mit Wasserstoff statt Kohle, synthetische Kraftstoffe für Flugzeuge und Schiffe, Düngemittelproduktion ohne fossile Brennstoffe. Der Wirkungsgrad liegt bei modernen Elektrolyseuren bei 60-80%.
Zusammenfassung
  • Princetons Forschungsteam nutzt gereinigtes Abwasser zur Wasserstoffgewinnung
  • Ansäuerung mit Schwefelsäure verhindert Kalkablagerungen auf der Membran
  • Neues Verfahren senkt Kosten um 47 Prozent und Energiebedarf um 62 Prozent
  • Das System läuft über 300 Stunden stabil ohne erkennbare Probleme
  • Kläranlagen könnten künftig als Energieproduzenten für grüne Wasserstoffwirtschaft dienen
  • Auch in Singapur wird an der Umwandlung von Klärschlamm in Wasserstoff geforscht
  • Abwasser entwickelt sich von einem Problemstoff zu einer wertvollen Ressource

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