Alles nur eine Illusion? Spannende Idee braucht keine Dunkle Materie

Fast das gesamte Universum soll aus Dunkler Materie und Energie bestehen - ohne direkten Nachweis. Eine neue Studie schlägt vor: Vielleicht sind diese unsichtbaren Bestandteile nur ein Trugbild, erzeugt durch subtile Effekte "veränderlicher Naturkonstanten".

Alles Täuschung? Zeitlich flexible Naturkonstanten als Gamechanger

In der kosmischen Bilanz fehlen seit Jahrzehnten zwei gewaltige Posten. Etwa 95 Prozent des Universums bestehen, so lehrt das Standardmodell, aus unsichtbarer Dunkler Energie und Dunkler Materie. Doch niemand hat je eines dieser Teilchen direkt gesehen. Für viele Forschende bleibt das ein ungelöstes Rätsel - oder ein Notbehelf, um Phänomene zu erklären, die anders nicht passen.

Genau hier setzt ein neuer Vorschlag an. Der Physiker Rajendra P. Gupta hat in der Fachzeitschrift Galaxies ein Modell vorgestellt, das versucht, die kosmische Buchführung ohne diese unsichtbaren Anteile auszugleichen. Seine Idee: Vielleicht sind Dunkle Materie und Dunkle Energie keine realen Substanzen, sondern Nebeneffekte veränderlicher Naturkonstanten - eine Art optische Täuschung des Kosmos.


Im Detail bedeutet das: Konstanten wie Lichtgeschwindigkeit oder Gravitationskonstante werden im Modell nicht als streng unveränderlich gesetzt, sondern mit einer leichten zeitlichen Abhängigkeit versehen. In den kosmologischen Gleichungen erscheinen dadurch Zusatzterme, die sich verhalten, als gäbe es eine abstoßende Dunkle Energie und eine zusätzliche Anziehungskraft wie durch Dunkle Materie.

Die Bewährungsprobe liegt bei den Beobachtungen. Erste Tests mit Rotationskurven von Spiralgalaxien zeigen, dass sich die Flachheit der Umlaufgeschwindigkeiten auch ohne klassische Dunkle Materie rekonstruieren lässt. Normalerweise würde man erwarten, dass Sterne am Rand einer Galaxie langsamer kreisen - ähnlich wie Planeten weiter draußen in unserem Sonnensystem.

Tatsächlich aber bleiben die Umlaufgeschwindigkeiten fast konstant. Gupta testete sein Modell an Datensätzen des SPARC-Katalogs, einer Sammlung von präzise vermessenen Galaxienrotationen. Mit nur einem zusätzlichen Parameter - einer Art Schwelle der lokalen Dichte - ließ sich das beobachtete Verhalten dort plausibel nachbilden.

Die größte Explosion im Universum: Chandra-SondeDie größte Explosion im Universum: Chandra-SondeDie größte Explosion im Universum: Chandra-SondeDie größte Explosion im Universum: Chandra-Sonde

Verlockend einfach

Doch so verlockend die Einfachheit klingt, sie steht gegen starke Gegenargumente. In kollidierenden Galaxienhaufen wie dem Bullet-Cluster lässt sich durch Gravitationslinsen sichtbar machen, wie Masse den Raum krümmt. Dabei zeigt sich: Die Schwerkraft folgt nicht dem heißen Gas, das wir im Röntgenlicht sehen können, sondern liegt wie eine unsichtbare Wolke versetzt daneben. Für viele gilt das als direkter Hinweis auf Dunkle Materie.

Guptas Modell enthält zudem einen Anteil klassischer Tired-Light-Ideen - also den Gedanken, dass Licht auf langen Reisen Energie verliert und deshalb röter erscheint. Damit soll ein Teil der kosmischen Rotverschiebung erklärt werden.

In der Theorie mutig

Doch genau hier widersprechen Beobachtungen. Weit entfernte Supernovae erscheinen nicht nur röter, sondern ihre Lichtkurven sind auch zeitlich gestreckt - die Explosionen laufen wie in Zeitlupe ab. Dieses Verhalten passt zu einer sich ausdehnenden Raumzeit, nicht zu einfachem Energieverlust unterwegs. Für viele Forscher ist das ein starkes Indiz, dass Dunkle Materie und Energie mehr sind als bloße Rechenartefakte.

Am Ende bleibt der Eindruck einer mutigen, aber umstrittenen Hypothese. Sie erinnert daran, dass selbst die scheinbar fest verankerten Pfeiler der Kosmologie noch Spielraum für neue Deutungen lassen. Ob Dunkle Materie und Dunkle Energie wirklich Illusionen sind - oder ob sich die Illusion eher in den neuen Modellen verbirgt - müssen kommende Tests an kosmischer Hintergrundstrahlung, Strukturbildung und Galaxienhaufen zeigen.

Was ist Dunkle Materie?
Dunkle Materie ist eine hypothetische Form von Materie, die etwa 85% der gesamten Materie im Universum ausmacht, aber nicht direkt beobachtbar ist. Sie emittiert, absorbiert oder reflektiert kein Licht.

Ihre Existenz wird nur durch ihre Gravitationswirkung auf sichtbare Materie nachgewiesen. Galaxien rotieren zu schnell, Galaxienhaufen sind zu massereich - ohne Dunkle Materie würden diese Strukturen auseinanderfliegen.

Der Begriff wurde 1933 von Fritz Zwicky geprägt, als er feststellte, dass Galaxienhaufen mehr Masse enthalten müssen, als durch sichtbare Sterne erklärbar ist.
Wie wurde sie entdeckt?
Vera Rubin beobachtete in den 1970er Jahren, dass Sterne in Galaxien-Außenbereichen viel schneller rotieren als nach den Gesetzen der Schwerkraft zu erwarten wäre. Die Rotationskurven blieben flach statt abzufallen.

Gravitationslinseneffekte zeigen, wie unsichtbare Masse das Licht ferner Galaxien krümmt. Der Bullet-Cluster demonstrierte 2006 spektakulär die Trennung von sichtbarer und dunkler Materie nach einer Kollision.

Computersimulationen der Großraumstruktur des Universums funktionieren nur mit Dunkler Materie. Ohne sie könnten sich Galaxien und Galaxienhaufen nicht in der beobachteten Form bilden.
Woraus könnte sie bestehen?
WIMPs (Weakly Interacting Massive Particles) sind die führenden Kandidaten - hypothetische Teilchen, die nur schwach mit normaler Materie wechselwirken. Viele Experimente suchen nach ihnen, bisher erfolglos.

Axionen sind ultraleichte Teilchen, die in der Teilchenphysik vorhergesagt werden. Sterile Neutrinos oder primordiale Schwarze Löcher gelten als weitere Möglichkeiten für die Zusammensetzung.

Manche Forscher bezweifeln die Existenz Dunkler Materie und schlagen modifizierte Gravitationstheorien (MOND) vor. Diese erklären jedoch nicht alle Beobachtungen gleich gut.
Wie wird nach ihr gesucht?
Unterirdische Detektoren wie LUX-ZEPLIN oder XENON suchen nach direkten Kollisionen von Dunkle-Materie-Teilchen mit Atomkernen. Sie sind tief unter der Erde vor kosmischer Strahlung geschützt.

Teilchenbeschleuniger wie der LHC versuchen, Dunkle-Materie-Teilchen künstlich zu erzeugen. Indirekte Nachweise suchen nach Zerfallsprodukten oder Vernichtungsstrahlung im Weltall.

Weltraumteleskope wie Euclid und das Vera Rubin Observatory kartieren die Verteilung Dunkler Materie durch Gravitationslinsen und die Struktur des kosmischen Netzes.
Welche Rolle spielt sie im Universum?
Dunkle Materie bildete das Gerüst für die Entstehung aller kosmischen Strukturen. Ihre Schwerkraft sammelte normale Materie und ermöglichte die Bildung der ersten Sterne und Galaxien.

Sie macht etwa 27% der Gesamtenergie des Universums aus, während normale Materie nur 5% beiträgt. Den Rest bildet die noch rätselhaftere Dunkle Energie mit 68%.

Ohne Dunkle Materie wäre das Universum ein völlig anderer Ort: Keine Galaxien, keine Sterne, keine Planeten - und damit auch kein Leben, wie wir es kennen.
Zusammenfassung
  • 95 Prozent des Universums gelten als Dunkle Materie und Energie
  • Physiker Gupta schlägt Modell ohne diese unsichtbaren Anteile vor
  • Veränderliche Naturkonstanten könnten die kosmische Illusion erklären
  • Rotationskurven von Galaxien ließen sich auch ohne Dunkle Materie erklären
  • Ein Parameter reichte, um beobachtete Verhaltensweisen nachzubilden
  • Beobachtungen wie der Bullet-Cluster sprechen jedoch für Dunkle Materie
  • Supernovae-Beobachtungen stützen die etablierte Expansionstheorie

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