Vom Nobelpreis zum OP-Alltag:
Substanz lässt Nerven einfach leuchten

Chirurgen können Nerven im Gewebe jetzt leuchten lassen - dank einer fluoreszierenden Substanz, die sich gezielt daran bindet. Die Methode basiert auf einer Technik, für die es vor fast zwei Jahr­zehn­ten den Nobelpreis gab.
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Chirurgen sehen besser: Nerven zum Leuchten gebracht

Chirurgen stehen bei vielen Operationen unter Druck: Sie müssen Tumore oder geschädigtes Gewebe entfernen, ohne dabei die feinen Strukturen von Nerven zu verletzen. Diese sind oft schwer zu erkennen, besonders unter schwierigen Lichtverhältnissen oder in tiefem Gewebe. Jetzt sorgt ein neuer Wirkstoff für mehr Durchblick, indem er Nerven zum Strahlen bringt.

Die Idee ist nicht neu. Schon vor Jahren wurde entdeckt, wie sich bestimmte Proteine mithilfe von Fluoreszenz sichtbar machen lassen. Der Biochemiker Roger Tsien erhielt 2008 den Nobelpreis für seine Arbeit am "grünen Fluoreszenzprotein" (GFP). Was damals vor allem in der Zellforschung Anwendung fand, könnte nun auch den Alltag im OP verändern - über einen Umweg.


Was an Bevonescein neu ist?
  • Gezielte Bindung an Nervengewebe durch Peptidstruktur
  • Lang anhaltende Sichtbarkeit einzelner Nerven, nicht nur Gefäße oder Tumorränder
  • Einsatz in der peripheren Nervenchirurgie bzw. Kopf-Hals-Chirurgie
  • Bisherige Fluoreszenzmittel zeigen Gewebe, aber binden nicht selektiv an Nerven

An der University of New Mexico testet ein Team um den Kopf-Hals-Chirurgen Ryan Orosco ein Medikament namens Bevonescein. Es handelt sich um ein fluoreszierendes Peptid, das auf die GFP-Technik aufsetzt und sich gezielt an Nervengewebe bindet - und dieses unter speziellem Licht gelblich-grün aufleuchten lässt. Der Effekt: Das gesamte Nervengewebe wird für Chirurgen sichtbar, noch bevor sie es versehentlich verletzen könnten.

Die Substanz wird kurz vor der Operation per Infusion verabreicht und verlässt den Körper binnen zwölf Stunden über die Nieren. Das Leuchten aber bleibt mehrere Stunden lang. In der ersten klinischen Studie erhielten 27 Patienten Bevonescein bei Eingriffen im Halsbereich, etwa an der Schilddrüse oder Lymphknoten. Besonders dort verlaufen empfindliche Hirnnerven dicht am OP-Feld. Dabei zeigte sich: Selbst Nerven, die unter Gewebe verborgen liegen, treten unter Fluoreszenz sichtbar hervor.

Ein Nebeneffekt: Die Eingriffe könnten künftig nicht nur sicherer, sondern auch schneller verlaufen. "Wenn wir es schaffen, dass Chirurgen Nerven besser sehen können, dann können sie schneller, effizienter und sicherer operieren", sagt Orosco. Er war bereits an der Entwicklung des Wirkstoffs beteiligt, noch als Assistenzarzt in San Diego - dort unter dem Forschungsleiter Quyen Nguyen, der wiederum eng mit Tsien zusammenarbeitete.

Studien laufen

Derzeit läuft eine Phase-3-Studie an zehn Standorten in den USA. Ziel ist es, nicht nur die Sichtbarkeit, sondern auch den konkreten klinischen Nutzen zu messen: weniger Komplikationen, weniger Nervenschäden, schnellere Genesung. Parallel wird ein neues System getestet, bei dem nicht mehr das große Mikroskop zum Einsatz kommt, sondern Lupenbrillen mit integriertem Fluoreszenzfilter - ein Schritt hin zur breiteren Alltagstauglichkeit.

Sollte sich die Methode im Praxisalltag bewähren, wäre eine FDA-Zulassung für Kopf- und Halschirurgie der nächste Schritt. Laut Orosco könnte das auch Off-Label-Anwendungen in anderen chirurgischen Bereichen nach sich ziehen - etwa in der Wirbelsäulenchirurgie oder beim Einsatz in der rekonstruktiven Chirurgie. Veröffentlicht wurde die Phase-1/2-Studie in der Fachzeitschrift Nature (DOI: 10.1038/s41467-025-60737-x).

Zusammenfassung
  • Neues Medikament lässt Nerven fluoreszieren und macht Operationen sicherer
  • Die Entwicklung baut auf Nobelpreis-Forschung zum Fluoreszenzprotein von 2008 auf
  • Wirkstoff Bevonescein wird vor OP injiziert und leuchtet mehrere Stunden
  • Erste klinische Studie mit 27 Patienten zeigt die Sichtbarkeit verborgener Nerven
  • Operationen könnten durch bessere Nervendarstellung schneller ablaufen
  • Phase-3-Studie läuft aktuell an zehn Standorten in den USA
  • Lupenbrille mit Fluoreszenzfilter soll statt großem Mikroskop zum Einsatz kommen

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