Drosselkom: Bündnis wirft Telekom absichtliche Netzbremse vor

Steckt die Telekom hinter langsamem Streaming? Ein Bündnis aus Verbraucherorganisationen wirft dem Konzern vor, künstliche Eng­pässe zu schaffen, um zusätzliches Geld zu kassieren. Hunderte Kunden-Beschwerden dokumentieren das Problem.

Künstliche Engpässe für Profit?

Ein Bündnis aus mehreren Organisationen hat bei der Bundesnetzagentur eine Beschwerde gegen die Deutsche Telekom eingereicht. Der Vorwurf wiegt schwer: Der Konzern soll künstliche Engpässe an den Zugängen zu seinem Netz schaffen, um von Online-Diensten Geld für den ungehinderten Zugang zu Telekom-Kunden zu verlangen.

Zu den Beschwerdeführern gehören die österreichische Digitalrechtsorganisation Epicenter.works, die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF), der Verbraucher­zen­trale Bundesverband (vzbv) sowie die Stanford-Professorin Barbara van Schewick.


Die Folge dieser Praxis sei eine Zwei-Klassen-Gesellschaft im Internet. Finanz­starke Dienste, die bereit sind, an die Telekom zu zahlen, würden schnell in das Netz geleitet und funktionieren einwandfrei.

Kleinere Anbieter und Start-ups hingegen, die sich diese Zahlungen nicht leisten können oder wollen, blieben im Datenstau stecken. Ihre Webseiten laden langsam oder gar nicht, Videos ruckeln und Videokonferenzen brechen ab. Schon im Januar hatten wir über solche Vorwürfe berichtet. Damals hatte die Telekom auch schon reagiert:

Die erhobenen Vorwürfe sind falsch und zeugen von rechtlichem und technischem Unverständnis. Die Telekom verletzt weder die Netzneutralität noch verschlechtert sie den Netzzugang für ihre Kundinnen und Kunden. Stattdessen gewinnen wir sämtliche Netztests und sind jüngst wieder - zum 17. Mal in Folge - als Anbieter des besten Internets ausgezeichnet worden.
Nicole Schmidt, Sprecherin der Telekom

Hunderte dokumentierte Beschwerden

Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat nun nach eigenen Angaben hunderte Beschwerden von Telekom-Kunden dokumentiert, bei denen bestimmte Online-Dienste nur eingeschränkt oder gar nicht funktionieren. "Wenn Filme auf Streaming-Plattformen ruckeln, Seiten langsam laden oder gar nicht aufrufbar sind, ist für Verbraucherinnen und Verbraucher oft nicht nachvollziehbar, was der Grund dafür ist", erklärt Lina Ehrig vom vzbv. "Dass ihr eigener Internetanbieter diese Probleme absichtlich entstehen lässt, um Geld zu verdienen, kommt den wenigsten in den Sinn." Infografik Umfrage zeigt: Deutsche größtenteils zufrieden mit ihrem InternetUmfrage zeigt: Deutsche größtenteils zufrieden mit ihrem Internet Laut den Beschwerdeführern ist die Telekom der einzige Anbieter in Deutschland, der diese Engpässe am Netzeingang gezielt ausnutzt. Andere Internetanbieter würden ihre Zugänge zum Netz ausbauen, wenn dort Engpässe auftreten - ohne dafür Geld zu verlangen.

Doppeltes Abkassieren als Geschäftsmodell

Thomas Lohninger von Epicenter.works wirft der Telekom vor, "für Profit­max­imierung die Zusammenschaltung des eigenen Netzes mit dem restlichen Internet künstlich zu verknappen und zu verteuern. Die von der Telekom ausgerufenen Preise für die Zusammenschaltung (Peering) lägen dabei deutlich über dem Marktpreis."

Das Bündnis kritisiert, dass sich die Telekom im Gegensatz zu allen anderen deutschen Internetanbietern zweimal bezahlen lassen wolle: einmal von ihren eigenen Kunden und zusätzlich von den Online-Diensten, die durch diese Kunden genutzt werden. Nur wenn beide Seiten zahlen, funktionieren Webseiten bei der Telekom schnell und zuverlässig.

Netzneutralität in Gefahr

Die Beschwerde stützt sich auf das europäische Netzneutralitätsgesetz, das vorschreibt, dass Internetanbieter alle Datenpakete gleich behandeln müssen. Ende 2024 veröffentlichte das Gremium europäischer Regulierungsbehörden für elektronische Kommunikation (BEREC) einen Bericht, der solche Praktiken als mögliche Verstöße gegen EU-Netzneutralitätsregeln einstufte.

Die Telekom weist die Vorwürfe entschieden zurück. Die Telekom sehe es dagegen so, dass sie das Gebot der Netzneutralität nicht verletze und sehe einer Überprüfung durch die Bundesnetzagentur daher auch "gelassen entgegen".

Was haltet ihr von diesem Streit um die Netzneutralität? Habt ihr selbst schon Erfahrungen mit langsamen Diensten bei der Telekom gemacht? Teilt eure Meinungen und Erlebnisse in den Kommentaren!

Was ist Peering überhaupt?
Peering ist ein grundlegendes Konzept der Netzwerktechnik, bei dem sich Internet Service Provider (ISPs) direkt miteinander verbinden, um Datenverkehr auszutauschen. Dies geschieht ohne Umwege über Zwischenstationen.

Der Datenaustausch erfolgt dabei meist nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit - Provider nehmen gegenseitig ihren Datenverkehr an und leiten ihn weiter. Dies ist oft kostenneutral für beide Seiten.
Welche Vorteile bietet Peering?
Durch die direkte Verbindung wird der Datenaustausch deutlich schneller, da der Datenverkehr nicht über mehrere Zwischenstationen (Transit-Provider) geleitet werden muss. Dies reduziert die Latenzzeiten erheblich.

Zudem ist Peering kostengünstiger, da keine Transit-Gebühren anfallen, und zuverlässiger aufgrund weniger potenzieller Störungspunkte im Netzwerk.
Wie funktioniert Peering konkret?
Stellen Sie sich zwei Provider vor - Provider A und Provider B. Ohne Peering müsste der Datenverkehr zwischen deren Kunden über teure Zwischenstationen geleitet werden, ähnlich wie ein Brief über mehrere Poststationen.

Durch Peering schaffen die Provider eine direkte Verbindung, über die der Datenverkehr ohne Umwege fließen kann. Dies geschieht oft an speziellen Internet-Austauschpunkten.
Was ist Netzneutralität?
Netzneutralität beschreibt das Prinzip, dass alle Datenpakete im Internet gleichberechtigt und ohne Diskriminierung übertragen werden. Dies gilt unabhängig von ihrem Absender, Empfänger oder Inhalt.

Internetanbieter dürfen bei einem neutralen Netz keine Daten bevorzugt behandeln oder künstlich ausbremsen, nur weil sie von bestimmten Diensten oder Anbietern stammen.
Warum ist sie wichtig?
Netzneutralität gewährleistet einen fairen Wettbewerb im Internet, da alle Dienste die gleichen Chancen haben. Kleine Anbieter werden nicht gegenüber großen Konzernen benachteiligt.

Für Verbraucher bedeutet dies freien Zugang zu allen Internetdiensten in gleicher Qualität, ohne dass bestimmte Angebote künstlich gedrosselt oder bevorzugt werden.
Wie wird sie durchgesetzt?
Regulierungsbehörden wie die Bundesnetzagentur überwachen die Einhaltung der Netzneutralität. Sie können bei Verstößen Strafen gegen Internetanbieter verhängen.

In der EU ist die Netzneutralität durch die Verordnung zum Telekom-Binnenmarkt geschützt, die verbindliche Regeln für alle Mitgliedsstaaten festlegt.
Was sind Zero-Rating-Angebote?
Zero-Rating bezeichnet Tarife, bei denen bestimmte Dienste nicht auf das Datenvolumen angerechnet werden. Diese Praxis wird kritisch gesehen, da sie die Netzneutralität gefährden kann.

Solche Angebote könnten den Wettbewerb verzerren, da nicht bevorzugte Dienste indirekt benachteiligt werden.
Zusammenfassung
  • Organisationen reichen Beschwerde gegen Deutsche Telekom ein
  • Vorwurf: Telekom schafft künstliche Netzengpässe für Geldforderungen
  • Folge: Zwei-Klassen-Internet - Große Anbieter schnell, kleine langsam
  • Vzbv dokumentiert Hunderte Beschwerden von Telekom-Kunden
  • Telekom einziger deutscher Anbieter mit dieser Praxis laut Bündnis
  • Kritik: Telekom lässt sich zweimal bezahlen - von Kunden und Diensten
  • Beschwerde stützt sich auf europäisches Netzneutralitätsgesetz

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