Senf dazu: Die Angst vor den köpfenden Piraten

Das 'Handelsblatt' gab heute 100 Beteiligten der Kreativwirtschaft eine Plattform, um unter dem Motto "Mein K©pf gehört mir" gegen das Internet im Allgemeinen und die Piratenpartei im Besonderen zu wettern. Es ging wieder einmal um die Frage des Urheberrechtes. Ein Kommentar.
Es herrscht ein Klima der Angst. Die Piraten stehen unmittelbar davor, die Macht zu übernehmen. Die Folge wäre die Abschaffung des Urheberrechts. Das Land der Dichter und Denker wird ebenjene dazu verurteilen, zukünftig von Almosen zu leben und unter Brücken zu schlafen. Aber das müssen ohnehin bald alle - denn die deutsche Wirtschaft, in der Ideen der wichtigste Rohstoff sind, wird in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus.

Diesen Eindruck vermittelt zumindest die heutige Ausgabe des 'Handelsblattes'. Erneut wird die angebliche Kostenloskultur des Internets hervorgeholt um einen Rundumschlag gegen all jene zu führen, die sich bemühen, die Gesellschaft an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Urheber- und Verwertungsrechte werden zusammengeworfen und mit unpassenden Analogien aus der analogen Welt vermengt.

"Die Piraten-Partei steigt in den Umfragen auf zwölf Prozent. Sie will das Recht auf geistiges Eigentum abschaffen. Doch jetzt rufen Künstler, Politiker, Medienschaffende und Wirtschaftsgrößen zum Widerstand auf", teasert die Zeitung die Beiträge an. Dass aus dem Widerstand schnell ein Offenbarungseid des Unwillens oder der mangelnden Fähigkeit einer sachlichen Auseinandersetzung wird, deutet sich an.

Denn es bedürfte lediglich der Fähigkeit, Google zu bedienen, um zu erkennen, dass man offenbar am Thema vorbeiredet. Eine Suche nach "Piratenpartei Programm Urheberrecht" führt an oberster Stelle zu der Aussage im Grundsatzprogramm der Partei: "Wir erkennen die Persönlichkeitsrechte der Urheber an ihrem Werk in vollem Umfang an."

Zur Diskussion steht hingegen, wie das Verhältnis zwischen Urhebern, Verwertern und Nutzern zukünftig geregelt werden soll. Und diese Debatte muss geführt werden, da sich die praktischen Voraussetzungen durch die Durchdringung der Gesellschaft mit dem Netz verändert haben. Das Modell aus dem letzten Jahrhundert ließe sich nur aufrechterhalten, wenn die Grundrechte im Internet massiv beschnitten werden.

Einige Vertreter der Medienindustrie wären dazu offenbar bereit und setzen ihre Lobby entsprechend ein. Es stellt sich allerdings die Frage, warum sich die Urheber selbst so willfährig vor diesen Karren spannen lassen. Denn, wie der Journalist Mario Sixtus anmerkte, lautet das Motto der Verwerter gegenüber den Kreativen oft eher: "Dein Kopf gehört mir."

Die "Enteignung" der Urheber findet bei weitem nicht einzig in Tauschbörsen statt. In vielen Bereichen der Medienindustrie sind Total-Buyout-Verträge an der Tagesordnung. So erhalten Journalisten beispielsweise ein Honorar für einen Artikel, der in der Zeitung abgedruckt wird. Die Rechte für eine Zweitverwertung beispielsweise auf den Online-Portalen der Verlage müssen sie anschließend ebenfalls abtreten - natürlich ohne eine zusätzliche Entlohnung. Ähnliche Fälle gibt es ebenso in der Musikbranche, bei Autoren und beim Film.

Bereits im Jahr 2001 legte das Bundesjustizministerium einen Gesetzentwurf vor, der die Position der Urheber stärken sollte. Hier sollte beispielsweise geregelt werden, dass Kreative nachträglich zusätzliche Vergütungen erhalten sollten, wenn ein Verwerter mit dem Werk längerfristig wirtschaftlichen Erfolg hat. Nachdem die Lobby der Verlagsbranche gegen das Gesetz Sturm liefen, wurde es massiv zurechtgestutzt.

In der Debatte um ein reformiertes Urheberrecht gäbe es auch zu bedenken, dass durch das Internet die relativ klaren Grenzen zwischen den Lagern der Urheber, Verwerter und Nutzer zunehmend verschwimmen. Künstler vertreiben ihre Werke in Eigenregie online und die ehemaligen Nutzer drängen mit ihrem eigenen kreativen Schaffen ins Netz - sie schreiben Blogs, präsentieren ihre Fotos und deren Weiterverarbeitung oder verbreiten ihre Musik ganz ohne Plattenvertrag. Da ist es wenig hilfreich, wenn das 'Handelsblatt' all jene, die nicht mit einem Vertrag mit der Verwerterbranche ausgestattet sind, einfach als Amateure abstempelt.

Ebenso wenig bringt es, sich darüber zu beklagen, dass plötzlich andere mit Inhalten im Internet Geld verdienen. Sicher, Google macht Milliardengeschäfte, ebenso Apple und Facebook. Die Einzigen, die aber verhindert haben, dass diese Gelder heute zumindest zum Teil an die hiesige Medienbranche fließen, war diese mit ihrer fehlenden Bereitschaft oder Fähigkeit, funktionierende Geschäftsmodelle im Netz aufzubauen, selbst.

Insofern bleibt zu hoffen, dass die sture Polemik und das Festhalten an nicht mehr zeitgemäßen Strukturen abgelöst wird durch eine sachliche und kreative Auseinandersetzung um die Gestaltung einer Medienlandschaft im digitalen Zeitalter. Handelsblatt Handelsblatt
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