Wie heiß ist extrem? Forscher bauen das erste Atom-Thermometer

Wie heiß ist es im Inneren eines Sterns? Oder in dem Moment einer Fusionszündung? Physiker können viele Größen gut bestimmen - Druck, Dichte, Zusammensetzung. Doch bei extremen Temperaturen mussten sie bisher oft schätzen. Das ändert sich jetzt.
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Wird es extrem, braucht es eine neue Art Thermometer

Temperatur zu messen, gehört zu den grundlegendsten Aufgaben in der Physik - und wirkt auf den ersten Blick längst gelöst. Doch je extremer die Bedingungen, desto größer wird das Problem: In bestimmten Bereichen der Hochenergiephysik können Wissenschaftler zwar den Druck und die Dichte eines Materials gut bestimmen - nicht aber seine genaue Temperatur.

Das gilt vor allem für sogenannte "warm dense matter" - extrem heiße, extrem dichte Materie, wie sie etwa bei der Zündung von Fusionsbrennstoff oder im Inneren von Sternen entsteht. Solche Zustände existieren oft nur für wenige Billionstel Sekunden. Und in dieser Zeit versagen klassische Messmethoden: Thermometer sind zu träge, optische Verfahren zu ungenau, weil sie stark vom jeweiligen Materialzustand beeinflusst werden.


Bob Nagler vom SLAC National Accelerator Laboratory erklärt, dass die Temperaturen in solchen Experimenten bisher immer nur grobe Schätzungen mit riesigen Fehlerbalken seien - was die theoretische Arbeit massiv bremst. Eine verlässliche Temperaturmessung galt in diesem Bereich als ungelöstes Problem.

Nach fast zehn Jahren Entwicklungsarbeit hat das Team um Nagler nun eine Methode vorgestellt, mit der sich die Temperatur solcher Zustände erstmals direkt und präzise messen lässt. Und mit den ersten Messwerten bringt man gleich auch noch eine seit vier Jahrzehnten gültige Lehrmeinung der Physik ins Wanken, dass es für feste Materie bei extremer Hitze eine absolute Stabilitätsgrenze gibt.

Erstmals direkt am Atom

Entscheidend war ein direkterer Ansatz: Statt wie bisher auf Modellannahmen zu setzen, beobachteten die Forscher am SLAC in Menlo Park, Kalifornien, die Geschwindigkeit, mit der sich die Atome im Material bewegten. Denn je schneller ein Atom vibriert, desto heißer ist es. Dieses physikalische Prinzip ist nicht neu, ließ sich bisher aber nicht in solchen extremen Zuständen anwenden.

Das Team um Nagler und Tom White machte es möglich: mit exakt abgestimmten getakteten Laser- und Röntgenimpulsen. Eine hauchdünne Goldschicht wird zunächst mit einem ultrakurzen Laserstoß schlagartig erhitzt. Anschließend durchleuchtet ein präzise getimter Röntgenpuls das Material. Beim Streuen an den vibrierenden Atomen verschiebt sich die Frequenz des Lichts - ein Effekt, der direkt die Bewegungsgeschwindigkeit und damit die Temperatur offenbart. White erklärt, dass es bislang schlicht unmöglich war, die atomaren Schwingungen in solchen extremen Zuständen direkt zu beobachten.

Technischer Aufbau des Experiments (für Nerds)
  • Röntgenquelle: LCLS-Freie-Elektronen-Laser im "seeded mode", Energie: 7.491,9 eV, Bandbreite ≈ 32 meV
  • Monochromator: Vierfach-Silizium-(533)-Monochromator, spektrale Auflösung ΔE/E ≈ 4,3 × 10⁻⁶
  • Probe: 50 nm dünne Goldfolie, auf Nickelgitter montiert
  • Erhitzung (Pump): Optischer Laserpuls (400 nm, 50 fs), trifft synchron auf das Gold
  • Messung (Probe): Röntgenstrahlen durchleuchten die Folie direkt nach dem Laserpuls
  • Hauptdiagnose: Drei Silizium-(533)-Analysatoren + hochauflösende Röntgenkamera
  • Streuwinkel: ca. 170°, optimiert für inelastische Streuung
  • Detektor: ePix10K misst Beugungssignale der (111)- und (200)-Linien des Goldgitters

Und dieser Messwert hatte es in sich: Die Goldschicht erreichte mehr als 19.000 Kelvin - das 14-Fache ihres Schmelzpunkts. Nach gängiger Theorie hätte das Material längst schmelzen oder sogar verdampfen müssen. Denn wenn ein Stoff weit über seine normalen Phasengrenzen hinaus erhitzt wird, droht eine sogenannte "Entropiekatastrophe": ein plötzlicher, unkontrollierbarer Zusammenbruch der Struktur, ausgelöst durch minimale Störungen. Doch genau das passierte nicht. Der Goldfilm blieb fest.

Die Erklärung: Offenbar war die extreme Geschwindigkeit der Erwärmung entscheidend. Innerhalb weniger Pikosekunden blieb keine Zeit für einen Phasenübergang, so die Forscher. Deshalb habe man nicht "gegen die Physik verstoßen", so White - sondern gezeigt, dass sich solche Strukturzusammenbrüche umgehen lassen, wenn es nur schnell genug geht.

Wichtiges Werkzeug

Was nach reiner Grundlagenforschung klingt, hat konkrete Bedeutung: In der Fusionsforschung oder der Sternphysik werden genau solche Zustände gezielt erzeugt. Wer ihre Temperatur exakt kennt, kann Materialien und Reaktoren präziser planen - und Prozesse steuern, die bisher kaum beherrschbar waren.

"Forscher, die "warm dense matter" untersuchen, haben diese Grenze vermutlich schon seit Jahren überschritten - ohne es zu wissen, weil es keine zuverlässige Methode zur direkten Temperaturmessung gab", sagt Nagler. Jetzt lässt sich das nachholen - mit einem neuen Werkzeug, das hilft, Materie in ihren extremen Zuständen zu verstehen. Die Studie wurde in Nature veröffentlicht.

Was ist Entropie?
Entropie ist eine fundamentale physikalische Größe, die das Maß der Unordnung oder Zufälligkeit in einem System beschreibt. Sie wurde 1865 vom deutschen Physiker Rudolf Clausius eingeführt und ist eine zentrale Zustandsgröße in der Thermodynamik mit der Einheit Joule pro Kelvin (J/K).

Nach der Boltzmann'schen Definition ist Entropie proportional zum Logarithmus der Anzahl möglicher Mikrozustände eines Systems. Vereinfacht ausgedrückt: Je mehr Möglichkeiten es gibt, wie die Teilchen eines Systems angeordnet sein können, desto höher ist die Entropie.
Warum ist Entropie wichtig?
Entropie hilft uns zu verstehen, warum natürliche Prozesse in eine bestimmte Richtung ablaufen. Sie ist fundamental für den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, der besagt, dass die Entropie in einem abgeschlossenen System nie abnimmt, was erklärt, warum viele Prozesse irreversibel sind.

In der Praxis ermöglicht uns das Verständnis der Entropie, die Effizienz von Wärmekraftmaschinen zu berechnen, chemische Reaktionen vorherzusagen und zu erklären, warum Energie nicht vollständig in Arbeit umgewandelt werden kann. Ohne Entropie wäre unser Verständnis vieler Naturphänomene unvollständig.
Wie berechnet man Entropie?
Die Entropie kann auf verschiedene Weisen berechnet werden. Nach Boltzmann gilt S = k · ln W, wobei k die Boltzmann-Konstante ist und W die Anzahl der möglichen Mikrozustände eines Systems repräsentiert.

Für thermodynamische Berechnungen wird häufig die Formel ΔS = Q/T verwendet, wobei Q die zugeführte Wärmemenge und T die absolute Temperatur in Kelvin ist. Bei chemischen Reaktionen berechnet man die Entropieänderung als Differenz zwischen der Entropie der Produkte und der Edukte.
Entropie im Alltag - Beispiele?
Ein klassisches Beispiel ist Parfüm: Sprüht man es in einem Raum, verteilt es sich nach kurzer Zeit gleichmäßig - die Entropie nimmt zu. Auch das Schmelzen von Eis zeigt Entropiezunahme, da die Wassermoleküle im flüssigen Zustand mehr Anordnungsmöglichkeiten haben.

Selbst beim Aufräumen eines Zimmers lässt sich Entropie beobachten: Ein unordentliches Zimmer entspricht einem Zustand höherer Entropie, und es kostet Energie (Arbeit), die Ordnung wiederherzustellen - ganz im Einklang mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik.
Was ist der Wärmetod des Universums?
Der "Wärmetod des Universums" ist eine Hypothese, die auf dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik basiert. Sie besagt, dass die Entropie im Universum stetig zunimmt und schließlich einen Maximalwert erreichen könnte, bei dem keine nutzbare Energie mehr vorhanden ist.

In diesem hypothetischen Endzustand wären alle Energieunterschiede ausgeglichen, alle Temperaturunterschiede verschwunden und keine weiteren makroskopischen Prozesse mehr möglich. Ob dieser Zustand tatsächlich eintreten wird, ist jedoch Gegenstand wissenschaftlicher Debatten und hängt von der Expansionsrate des Universums ab.
Entropie und Information - Zusammenhang?
Claude Shannon führte 1948 den Begriff der Informationsentropie ein, der mathematisch der physikalischen Entropie ähnelt. Sie misst die Ungewissheit oder den Informationsgehalt einer Nachricht und wird in Bits gemessen.

Der Zusammenhang besteht darin, dass sowohl thermodynamische als auch informationstheoretische Entropie die Anzahl möglicher Zustände oder Anordnungen quantifizieren. Nach dem Prinzip "Bits = Entropie" kann Information als negative Entropie (Negentropie) betrachtet werden, da sie Unsicherheit reduziert.
Kann Entropie abnehmen?
In einem abgeschlossenen System kann die Entropie nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nie abnehmen - sie bleibt konstant oder nimmt zu. In offenen Systemen hingegen kann die Entropie durchaus abnehmen, wenn Energie oder Materie ausgetauscht wird.

Lebende Organismen sind ein Beispiel für offene Systeme, die ihre innere Entropie niedrig halten, indem sie Energie aufnehmen und Wärme abgeben. Dabei erhöhen sie jedoch die Entropie ihrer Umgebung, sodass die Gesamtentropie des kombinierten Systems stets zunimmt.
Entropie und chemische Reaktionen?
Bei chemischen Reaktionen spielt die Entropieänderung eine entscheidende Rolle für die Spontanität eines Prozesses. Zusammen mit der Enthalpie (H) und der Temperatur (T) bestimmt sie über die Gibbs-Helmholtz-Gleichung (ΔG = ΔH - T·ΔS), ob eine Reaktion freiwillig abläuft.

Reaktionen, die zu einer Erhöhung der Teilchenzahl führen, wie beispielsweise Zersetzungsreaktionen, gehen meist mit einer Entropiezunahme einher. Auch der Übergang von festen zu flüssigen oder gasförmigen Zuständen erhöht die Entropie, da die Bewegungsfreiheit der Teilchen zunimmt.
Zusammenfassung
  • Forscher entwickelten nach zehn Jahren ein atomares Thermometer
  • Präzise Temperaturmessung für extrem heiße und dichte Materie möglich
  • Laser- und Röntgenimpulse messen Atomschwingungen für Temperaturwerte
  • Goldschicht erreichte 19.000 Kelvin, ohne zu schmelzen oder zu verdampfen
  • Rasante Erwärmung verhinderte erwarteten Strukturzusammenbruch
  • Durchbruch für Fusionsforschung und Sternphysik mit praktischer Relevanz
  • Wissenschaftler können nun Materie in extremen Zuständen genauer verstehen

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