Radikalschlag: 24 Milliarden Produkte fliegen aus dem Amazon-Katalog

Amazon war jahrzehntelang stolz auf sein Versprechen, "alles" an­zu­bieten. Doch jetzt wird bekannt, dass der Konzern im großen Stil streicht: Hinter dem Projekt "Bend the Curve" steht die wohl größte Ka­ta­log­be­rei­ni­gung in der Geschichte des Online-Riesen.
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24 Milliarden Produkte weniger - aber warum?

Ein internes Dokument von 2024, das Business Insider jetzt vorliegt, nennt klare Ziele: Der Produktkatalog sollte von 74 Milliarden auf unter 50 Milliarden aktive ASINs (eindeutige Produktnummern) reduziert werden - bis Ende 2024. Betroffen sind vor allem inaktive, fehlerhafte oder schlecht verkaufte Artikel. Hinter der Maßnahme steht eine strategische Entscheidung, die auch in diesem Jahr weiter fortgeführt wird: Weniger unproduktive Daten bedeuten niedrigere Cloud-Kosten.

Denn jede einzelne Produktseite beansprucht Ressourcen in Amazons Cloud-Infrastruktur AWS. Allein durch das Entfernen veralteter Listings hat Amazon laut dem Bericht 2024 rund 22 Millionen US-Dollar eingespart. Für 2025 werden weitere 36 Millionen Dollar an sogenannten "Cost Avoidance"-Effekten erwartet. Zum Vergleich: Die AWS-Kosten der Retail-Sparte steigen dennoch - auf geschätzte 5,7 Milliarden Dollar im Jahr 2025.


Weniger Auswahl im "Everything Store"?

Offiziell heißt es von Amazon, es gehe nicht um eine Verkleinerung des Angebots. "Unser Ziel ist es, die Auswahl zu verfeinern, nicht zu beschneiden", so ein Unternehmenssprecher. Ausgelistet würden Produkte, die seit Jahren keinen Bestand mehr haben, fehlerhaft sind oder nie verkauft wurden. Trotz Amazons Beteuerung, das Angebot nicht einzuschränken, zeigt eine Umfrage von Evercore ISI laut dem Bericht (Paywall), dass sich die Wahrnehmung der Kunden deutlich verschoben hat: Nur noch 68 Prozent halten Amazon 2024 für die Plattform mit der besten Produktauswahl - der niedrigste Wert seit 12 Jahren nach einem Hoch von 84 Prozent im Jahr 2022.

Infobox: Zahlen & Fakten zum Projekt "Bend the Curve"
  • Ausgangswert: 74 Mrd. ASINs (Stand Ende 2023)
  • Ziel war: ±50 Mrd. aktive ASINs bis Ende 2024
  • Einsparung 2024: 22 Mio. USD an AWS-Kosten
  • Projektion 2025: +36 Mio. USD "Cost Avoidance"
  • Betroffene Verkäufer: über 12.000
  • Blockierte Neulistings: mehr als 110 Mio.

'Alles verfügbar' neu definiert

Gleichzeitig greift Amazon auch bei Drittanbietern durch. Mit dem Feature "Creation Throttling" wurde 2024 eine technische Sperre eingeführt, die Verkäufer mit extrem großen, aber inaktiven Katalogen blockiert. Laut interner Daten wurden so über 110 Millionen neue Listings verhindert. Mindestens 12.000 Verkäuferkonten mit je über 100.000 Artikeln und null Verkäufen im Vorjahr waren betroffen.

Die Bereinigung sorgte intern wie extern für Irritationen - auch, da das Projekt bisher größtenteils im Stillen abläuft. Nach der Säuberungs-Welle glaubten einige Händler, ihre gesamten Accounts seien blockiert, obwohl laut Amazon nur unproduktive Teile betroffen waren. Für die Zukunft kündigt das Unternehmen daher eine klarere Kommunikation und genauere Analyse gelöschter Daten an. Das Projekt zeigt auf jeden Fall, dass Amazon seine Rolle als "Everything Store" neu definieren will - das gigantische Datenpflege-Projekt soll dabei helfen.

Wie begann die Amazon-Geschichte?
Amazon wurde 1994 von Jeff Bezos in seiner Garage in Seattle gegründet. Die Idee eines elektronischen Buchgeschäfts entwickelte er zusammen mit David E. Shaw, während er bei dessen Finanzunternehmen arbeitete.

Der Name Amazon wurde vom Amazonas, dem längsten Fluss der Welt, abgeleitet, um die große Auswahl zu symbolisieren. Ursprünglich wollte Bezos sein Unternehmen "Relentless" (unerbittlich) nennen, entschied sich jedoch auf Anraten von Freunden dagegen.
Wann verkaufte Amazon das erste Buch?
Im Juli 1995 verkaufte Amazon auf seiner Internetplattform das erste Buch: Douglas R. Hofstadters "Fluid Concepts and Creative Analogies: Computer Models of the Fundamental Mechanisms of Thought".

Bezos lud 300 Freunde und Bekannte ein, seine Schöpfung zu testen. In den ersten vier Wochen verschickte das Unternehmen Bücher an Kunden in allen 50 US-Bundesstaaten und in mehr als 45 weitere Länder. Im zweiten Monat lag der wöchentliche Umsatz bereits über 20.000 US-Dollar.
Warum entschied sich Bezos für Bücher?
Bezos wählte Bücher als erstes Produktsegment, weil es damals über drei Millionen Buchtitel gab, während selbst die größten Buchhandlungen nur maximal 150.000 Bücher im Sortiment hatten.

Diese Marktlücke erkannte Bezos und konnte sie durch den Onlinehandel schließen. Durch die große Auswahl konnte Amazon von Anfang an einen Mehrwert für Kunden bieten, den stationäre Buchhandlungen nicht leisten konnten. Diese Strategie zahlte sich schnell aus.
Wann kam Amazon nach Deutschland?
Amazon kam Ende der 1990er Jahre nach Deutschland. Im April 1998 übernahm Amazon das Unternehmen Telebook Inc., den damals führenden deutschen Internetversandbuchhändler, für einen zweistelligen Millionenbetrag.

Am 15. Oktober 1998 wurde die deutsche Website telebuch.de offiziell in amazon.de umbenannt. Seitdem hat sich Deutschland zum wichtigsten Auslandsmarkt für Amazon entwickelt, mit einem Umsatz von 33,6 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022.
Wie überlebte Amazon die Dotcom-Blase?
Als die Dotcom-Blase Anfang des neuen Jahrtausends platzte, wurde es für Amazon extrem eng. Der Aktienwert fiel dramatisch, das Bargeld wurde knapp und Anleger sowie Gläubiger wurden nervös.

Bezos musste 1.300 Mitarbeiter entlassen und ein Logistikzentrum schließen. Als Rettungsstrategie öffnete er 2000 die Plattform für andere Händler und schuf den Amazon Marketplace. Diese Entscheidung erwies sich als wegweisend - 2002 machte Amazon dadurch erstmals Gewinne.
Was sind Amazons wichtigsten Meilensteine?
Zu den wichtigsten Meilensteinen von Amazon zählen der Start des Amazon Marketplace im Jahr 2000, die Einführung von Amazon Prime im Jahr 2005 und der Launch von Amazon Web Services (AWS) im Jahr 2006.

Weitere bedeutende Entwicklungen waren die Einführung des Kindle E-Readers 2007, der Echo-Lautsprecher mit Alexa 2014 und die Übernahme der Bio-Supermarktkette Whole Foods im Jahr 2017. Jede dieser Innovationen hat dazu beigetragen, Amazon vom Online-Buchhändler zum globalen Technologie- und Handelskonzern zu entwickeln.
Wann verließ Jeff Bezos Amazon?
Jeff Bezos gab sein Amt als Vorstandsvorsitzender von Amazon am 5. Juli 2021 auf - genau 27 Jahre nach der Gründung des Unternehmens. Er übergab die Konzernführung an seinen Nachfolger Andy Jassy.

Bezos bleibt dem Unternehmen jedoch als geschäftsführender Vorsitzender des Verwaltungsrats erhalten. Nach seinem Rückzug als CEO widmete sich Bezos verstärkt seinen anderen Projekten, insbesondere seinem Raumfahrtunternehmen Blue Origin.
Wie groß ist Amazon heute?
Amazon hat sich zu einem der wertvollsten Unternehmen der Welt entwickelt. Mit einem Umsatz von 575 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 war Amazon hinter Walmart das zweitgrößte Unternehmen weltweit nach Umsatzvolumen.

Die Marktkapitalisierung beträgt knapp zwei Billionen US-Dollar (Stand: August 2024). Der Konzern beschäftigt weltweit mehr als 1,5 Millionen Menschen und ist in zahlreichen Geschäftsfeldern tätig - vom Online-Handel über Cloud-Computing bis hin zu Streaming-Diensten und künstlicher Intelligenz.
Zusammenfassung
  • Amazon reduziert Produktkatalog massiv von 74 auf unter 50 Milliarden ASINs
  • Interne Maßnahme 'Bend the Curve' soll Cloud-Kosten deutlich senken
  • Bereits 24 Milliarden inaktive oder fehlerhafte Einträge wurden gelöscht
  • Einsparungen von 22 Millionen USD im Jahr 2024 und 36 Millionen USD für 2025
  • Über 12.000 Drittanbieter mit inaktiven Katalogen von Sperrmaßnahmen betroffen
  • Amazons Ruf als Anbieter mit größter Produktauswahl leidet deutlich

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