Neues Indium-Supermaterial macht Hoffnung auf Elektronik-Revolution

Wenn man den Stromfluss effizienter machen kann, ist das schnell ein Durchbruch mit riesiger Tragweite für unsere technisierte Welt. Jetzt haben Forschende einen Werkstoff geschaffen, der genau das leisten soll.
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Ohne Energieverlust: Indium-Werkstoff als Gamechanger

Elektrische Energie verlustfrei zu transportieren - was heute nur in aufwendigen Kühlsystemen mit supraleitenden Materialien gelingt, ist eines der großen Ziele moderner Materialforschung. Denn je weniger Energie beim Transport oder in Bauelementen verloren geht, desto effizienter lassen sich Rechner, Netzteile oder ganze Rechenzentren betreiben.

Ein Team der Rice University hat nun ein Material entwickelt, das genau hier ansetzt: Es zeigt nicht nur supraleitende Eigenschaften, sondern erfüllt zugleich strenge quantenmechanische Bedingungen, die für sogenannte topologische Effekte notwendig sind - und damit für neue Konzepte in der Elektronik. Topologische Effekte bedeuten in diesem Fall, dass die Elektronen sich in stabilen, geschützten Bahnen durch das Material bewegen - selbst kleine Störungen ändern daran nichts. Das macht solche Materialien besonders robust und energieeffizient in der Anwendung.


Unsere Arbeit zeigt einen klaren Weg auf, wie sich neue Quantenmaterialien mit gezielt nutzbaren Eigenschaften für die Elektronik der Zukunft entdecken und gestalten lassen.
Ming Yi, Studienleiter
Im Zentrum steht ein sogenannter "Kramers nodal line metal", also ein Metall, in dem sich Elektronen mit entgegengesetztem Spin entlang genau definierter Linien bewegen. Dazu reichte es, dem bekannten Schichtmaterial Tantal-Disulfid (TaS₂) kleinste Mengen Indium hinzuzufügen.

Diese minimale chemische Veränderung beeinflusste die Kristallsymmetrie so stark, dass eine topologisch geschützte elektronische Struktur entstand: Die Spins der Elektronen bewegen sich auf getrennten Bahnen - wie zwei Züge auf parallelen Gleisen, die in entgegengesetzten Richtungen fahren - bis sie in einem zentralen Bahnhof wieder zusammentreffen. Diese exakt bestimmte Linie nennt sich Kramers-Nodallinie.

Neben dieser geordneten Elektronenstruktur entdeckte das Team um Ming Yi und Emilia Morosan auch supraleitende Eigenschaften im neuen Werkstoff. Strom konnte ohne messbaren Energieverlust fließen. Die Kombination beider Eigenschaften macht das Material zu einem vielversprechenden Kandidaten für die Entwicklung topologischer Supraleiter - eine Materialklasse, die als Basis für neue, extrem energieeffiziente Quantencomputer und digitale Schaltungen gilt.

Gut untersucht

Untersucht wurden die Eigenschaften mit hochauflösenden Methoden wie spinaufgelöster winkelabhängiger Photoemissionsspektroskopie und elektrischer Transportmessung unter Magnetfeldern. So konnten Energie, Bewegungsrichtung und Spin der Elektronen direkt analysiert werden. Ergänzt wurden die Experimente durch präzise theoretische Rechnungen - und die Daten stimmten überein.

"Ein Material so zu entwerfen, dass es die strengen Symmetriebedingungen für diese besonderen Eigenschaften erfüllt, war eine Herausforderung - - aber der Aufwand hat sich gelohnt", so Morosan. Ihr Team will nun untersuchen, wie sich weitere topologische Phänomene gezielt über die Kristallstruktur erzeugen lassen - mit dem Ziel, Elektronik nicht nur schneller, sondern auch erheblich energieeffizienter zu machen. Die Studie erschien in Nature Communications (DOI: 10.1038/s41467-025-60020-z).

Was ist ein Supraleiter?
Ein Supraleiter ist ein Material, das bei sehr niedrigen Temperaturen seinen elektrischen Widerstand vollständig verliert und somit Strom ohne jeglichen Energieverlust leiten kann. Diese faszinierende Eigenschaft wurde 1911 vom niederländischen Physiker Heike Kamerlingh Onnes entdeckt, als er Quecksilber auf etwa vier Grad über dem absoluten Nullpunkt abkühlte.

Neben dem Verlust des elektrischen Widerstands zeigen Supraleiter weitere bemerkenswerte Eigenschaften, darunter den Meißner-Ochsenfeld-Effekt, bei dem sie Magnetfelder aus ihrem Inneren verdrängen können. Dies führt zum faszinierenden Phänomen schwebender Magnete über Supraleitern.
Wie funktioniert Supraleitung?
Supraleitung tritt auf, wenn ein Material unter seine kritische Temperatur (Tc) abgekühlt wird. Bei dieser Temperatur bilden die Elektronen im Material sogenannte Cooper-Paare, die sich ohne Widerstand durch das Material bewegen können, da sie nicht mehr von den üblichen Unregelmäßigkeiten im Material gestört werden.

Bei metallischen Supraleitern basiert dieser Effekt auf der Elektron-Phonon-Wechselwirkung, die durch die BCS-Theorie erklärt wird. Bei Hochtemperatur-Supraleitern ist der genaue Mechanismus allerdings bis jetzt nicht vollständig verstanden, was die Forschung in diesem Bereich besonders spannend macht.
Welche Arten von Supraleitern gibt es?
Man unterscheidet hauptsächlich zwischen Supraleitern vom Typ I und Typ II. Typ-I-Supraleiter wie Quecksilber oder Blei verdrängen beim Übergang in den supraleitenden Zustand das Magnetfeld vollständig aus ihrem Inneren und arbeiten nur bei sehr tiefen Temperaturen und schwachen Magnetfeldern.

Typ-II-Supraleiter wie Niob oder verschiedene Metalloxide können auch in stärkeren Magnetfeldern supraleitend bleiben, wobei sie das Magnetfeld in Form sogenannter Flussschläuche zulassen. Für praktische Anwendungen sind diese deutlich wichtiger, da sie bei höheren Temperaturen und in stärkeren Magnetfeldern arbeiten können.
Was sind Hochtemperatur-Supraleiter?
Als Hochtemperatur-Supraleiter (HTSL) bezeichnet man Materialien, deren Sprungtemperatur über 23 Kelvin liegt, der höchsten Sprungtemperatur konventioneller metallischer Supraleiter. Diese Klasse wurde erst 1986 von Bednorz und Müller entdeckt, wofür sie 1987 den Nobelpreis erhielten.

Besonders interessant sind HTSL mit Sprungtemperaturen über 77 Kelvin (Siedetemperatur von Stickstoff), da diese eine kostengünstige Kühlung ermöglichen. Der bekannteste Vertreter ist Yttriumbariumkupferoxid (YBa₂Cu₃O₇-δ), auch als YBCO oder 123-Oxid bezeichnet.
Gibt es Raumtemperatur-Supraleiter?
Die Suche nach einem Supraleiter, der bei Raumtemperatur und Normaldruck funktioniert, gilt als eines der größten Ziele der Physik. Im März 2023 berichteten Wissenschaftler um Dias von einem mit Stickstoff verunreinigten Lutetiumhydrid, das angeblich bei 21 °C und niedrigem Druck supraleitende Eigenschaften aufweist.

Auch das 2023 vorgestellte Material LK-99, eine Verbindung aus Blei, Kupfer, Phosphor und Sauerstoff, soll bei Raumtemperatur und Normaldruck supraleitend sein. Die Ergebnisse zu beiden Materialien sind jedoch umstritten und konnten bisher nicht eindeutig reproduziert werden, weshalb Experten betonen: "Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Beweise."
Wo werden Supraleiter eingesetzt?
Supraleiter finden bereits heute in verschiedenen Bereichen Anwendung. In der Medizintechnik ermöglichen sie die leistungsstarken Magnete in MRT-Geräten, während große wissenschaftliche Einrichtungen wie der Large Hadron Collider supraleitende Magnete nutzen, um Teilchen auf hohe Geschwindigkeiten zu beschleunigen.

Weitere Anwendungen umfassen Magnetschwebebahnen, die den Meißner-Ochsenfeld-Effekt nutzen, supraleitende Elektronik und die experimentelle Entwicklung von Kabeln für verlustarme Energieübertragung. Auch in der Quanten-Computing-Technologie spielen Supraleiter eine zunehmend wichtige Rolle.
Was sind aktuelle Forschungstrends?
Ein Schwerpunkt der aktuellen Forschung liegt auf Metallhydriden unter hohem Druck. 2015 berichtete ein Team um Mikhail Eremets, dass Schwefelwasserstoff unter hohem Druck bereits bei -70 °C supraleitend wird. 2019 zeigte dieselbe Gruppe, dass Lanthanhydrid sogar bei -23°C supraleitende Eigenschaften aufweist.

Daneben wird intensiv an Graphen-basierten Supraleitern geforscht. Ein Team am MIT wies 2017 nach, dass zwei übereinander gelagerte Monolagen von Kohlenstoffatomen im Winkel von 1,1 Grad supraleitende Eigenschaften zeigen können. Weitere Forschungsgebiete umfassen eisenbasierte Supraleiter (Eisenpnictide) und die Entwicklung praktisch anwendbarer Hochtemperatur-Supraleiter.
Welche Hindernisse gibt es noch?
Trotz ihres enormen Potenzials stehen Supraleiter vor praktischen Herausforderungen. Die Notwendigkeit extremer Kühlung bei den meisten bekannten Supraleitern macht ihre Anwendung kostspielig und komplex. Bei Hochtemperatur-Supraleitern kommt die Sprödigkeit des keramischen Materials hinzu, was die Herstellung flexibler Leiter erschwert.

Die theoretischen Grundlagen der Hochtemperatur-Supraleitung sind zudem bislang nicht vollständig verstanden. Während für metallische Supraleiter die BCS-Theorie gilt, rätseln Wissenschaftler weiterhin, welcher Mechanismus bei Kupferoxid oder eisenbasierten Supraleitern die Cooper-Paare verbindet. Diese Wissenslücken erschweren die gezielte Entwicklung neuer Materialien.
Zusammenfassung
  • Forscher entwickeln supraleitendes Material mit topologischen Effekten
  • Indium-Zugabe in Tantal-Disulfid schafft neue elektronische Struktur
  • Elektronen bewegen sich auf getrennten, störungsresistenten Bahnen
  • Material ermöglicht verlustfreien Stromfluss ohne aufwendige Kühlung
  • Kombination der Eigenschaften ideal für energieeffiziente Quantencomputer

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