Seltsames Glühen: Argument gegen dunkle Materie spricht jetzt dafür

Im Zentrum unserer Galaxie leuchtet etwas, das seit Jahren Rätsel aufgibt. Ist es dunkle Materie oder etwas anderes? Neue Si­mu­la­tio­nen stärken der dunklen Materie den Rücken - weil sie sich anders verhält, als die Physik bisher dachte.
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Dunkle Materie verhält sich anders

Seit das Fermi-Weltraumteleskop 2009 sein erstes Licht fing, registriert es aus dem Herzen der Milchstraße ein überzähliges Gamma-Leuchten - stärker, als bekannte Quellen es erklären können. Dieses sogenannte Galactic Center Excess (GCE), kurz Fermi-Exzess, wurde zunächst als möglicher Beweis für dunkle Materie gefeiert. Später zeigten Analysen: Auch eine Population alter Millisekundenpulsare könnte ein ähnliches Signal erzeugen.

Doch was die Daten nicht zeigen, ist Form. Ein Leuchten aus dunkler Materie galt bislang als nahezu kugelförmig, während das der Pulsare "boxy", also leicht abgeflacht, erscheinen müsste. Genau dieses Merkmal wurde als entscheidender Unterschied betrachtet. Nun aber haben Moorits Mihkel Muru und Kollegen vom Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam mithilfe der Hestia-Simulationen gezeigt, dass selbst dunkle Materie keineswegs perfekt rund verteilt ist.


Die Forscher nutzten hochaufgelöste Magnetohydrodynamik-Simulationen - also Modelle, die Gravitation, Gasbewegung und Magnetfelder gemeinsam berechnen - und stützten sich dabei auf GAIA-Daten zum Verschmelzungsverlauf der Milchstraße. Diese zeigen, dass das galaktische Zentrum durch frühe Kollisionen junger Galaxien abgeflacht wurde. Das Ergebnis: Auch die dunkle Materie bildet im Zentrum eine asymmetrische, "boxenförmige" Struktur - und zwar exakt in der Größenordnung, wie sie das Fermi-Teleskop beobachtet hat. "Fermi-Blasen" der Milchstraße und SagittariusDie Fermi-Blasen sind wohl deutlich flacher als bisher angenommen Damit fällt ein lange genutztes Gegenargument gegen die Dunkle-Materie-Hypothese weg: Die Form des Leuchtens spricht nicht länger dagegen. Möglich wäre also, dass die Strahlung von sogenannten WIMPs stammt - "weakly interacting massive particles", hypothetische Teilchen, die sich gegenseitig vernichten und dabei Gammastrahlen freisetzen. Doch auch die alternative Erklärung durch alte Millisekundenpulsare bleibt auf dem Tisch: Beide Modelle erzeugen nach den neuesten Berechnungen nahezu identische Spektren und Intensitäten im Bereich von 1 bis 10 GeV.

Streit bleibt offen

Der Streit bleibt damit offen, aber die dunkle Materie hat wieder aufgeholt. Erst künftige Observatorien wie das Cherenkov Telescope Array (CTA) oder das Southern Wide-field Gamma-ray Observatory (SWGO) sollen das Rätsel klären - etwa durch die Messung eines möglichen Hochenergie-Endes im Spektrum. Dort, jenseits von 100 GeV, könnte sich entscheiden, ob das seltsame Glühen im Herzen der Milchstraße ein astrophysikalisches Nachglühen oder das erste sichtbare Echo der dunklen Materie ist.

Was ist dunkle Materie?
Dunkle Materie ist eine postulierte Form von Materie, die etwa 85 Prozent der gesamten Materie im Universum ausmacht, aber nicht direkt sichtbar ist. Sie emittiert, absorbiert oder reflektiert kein Licht.

Ihre Existenz wird nur durch ihre Gravitationswirkung auf sichtbare Materie nachgewiesen. Galaxien rotieren zu schnell, Galaxienhaufen sind zu massereich - ohne dunkle Materie würden diese Strukturen auseinanderfliegen.

Der Begriff wurde 1933 von Fritz Zwicky geprägt, als er feststellte, dass Galaxienhaufen mehr Masse enthalten müssen, als durch sichtbare Sterne erklärbar ist.
Wie wurde sie entdeckt?
Vera Rubin beobachtete in den 1970er Jahren, dass Sterne in Galaxien-Außenbereichen viel schneller rotieren als nach den Gesetzen der Schwerkraft zu erwarten wäre. Die Rotationskurven blieben flach, statt abzufallen.

Gravitationslinseneffekte zeigen, wie unsichtbare Masse das Licht ferner Galaxien krümmt. Der Bullet-Cluster demonstrierte 2006 spektakulär die Trennung von sichtbarer und dunkler Materie nach einer Kollision.

Computersimulationen der Großraumstruktur des Universums funktionieren nur mit dunkler Materie. Ohne sie könnten sich Galaxien und Galaxienhaufen nicht in der beobachteten Form bilden.
Woraus könnte sie bestehen?
WIMPs (Weakly Interacting Massive Particles) sind die führenden Kandidaten - hypothetische Teilchen, die nur schwach mit normaler Materie wechselwirken. Viele Experimente suchen nach ihnen, bisher erfolglos.

Axionen sind ultraleichte Teilchen, die in der Teilchenphysik vorhergesagt werden. Sterile Neutrinos oder primordiale Schwarze Löcher gelten als weitere Möglichkeiten für die Zusammensetzung.

Manche Forscher bezweifeln die Existenz dunkler Materie und schlagen modifizierte Gravitationstheorien (MOND) vor. Diese erklären jedoch nicht alle Beobachtungen gleich gut.
Wie wird nach ihr gesucht?
Unterirdische Detektoren wie LUX-ZEPLIN oder XENON suchen nach direkten Kollisionen von Dunkle-Materie-Teilchen mit Atomkernen. Sie sind tief unter der Erde vor kosmischer Strahlung geschützt.

Teilchenbeschleuniger wie der LHC versuchen, Dunkle-Materie-Teilchen künstlich zu erzeugen. Indirekte Nachweise suchen nach Zerfallsprodukten oder Vernichtungsstrahlung im Weltall.

Weltraumteleskope wie Euclid und das Vera Rubin Observatory kartieren die Verteilung dunkler Materie durch Gravitationslinsen und die Struktur des kosmischen Netzes.
Welche Rolle spielt sie im Universum?
Dunkle Materie bildete das Gerüst für die Entstehung aller kosmischen Strukturen. Ihre Schwerkraft sammelte normale Materie und ermöglichte die Bildung der ersten Sterne und Galaxien.

Sie macht etwa 27 Prozent der Gesamtenergie des Universums aus, während normale Materie nur 5 Prozent beiträgt. Den Rest bildet die noch rätselhaftere dunkle Energie mit 68 Prozent.

Ohne dunkle Materie wäre das Universum ein völlig anderer Ort: keine Galaxien, keine Sterne, keine Planeten - und damit auch kein Leben, wie wir es kennen.
Zusammenfassung
  • Rätselhafte Gamma-Strahlung aus dem Zentrum unserer Galaxie seit 2009
  • Zunächst als Beweis für dunkle Materie gedeutet, später als Pulsare
  • Wichtiges Unterscheidungsmerkmal war die Form: rund versus boxförmig
  • Neue Simulationen zeigen: Auch dunkle Materie kann boxförmig verteilt sein
  • Simulationen basieren auf GAIA-Daten zur Entwicklung der Milchstraße
  • Beide Erklärungsmodelle erzeugen ähnliche Spektren und Intensitäten
  • Künftige Observatorien sollen durch Hochenergiemessungen Klarheit bringen

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