Fliegerbomben: Schlaue deutsche Software senkt das Sprengrisiko

Hunderttausende Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg ruhen noch im deutschen Boden. Jedes Mal, wenn eine Fliegerbombe entdeckt wird, steht der Alltag still: Evakuierungen, Sperrungen, Zugausfälle. Eine deutsche Software macht Risiken berechenbarer.
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VC Systems

Deutsche Software gegen Blindgänger

Die Herausforderung ist gewaltig. Wird eine Bombe gefunden, müssen Einsatzkräfte entscheiden, ob sie entschärft oder kontrolliert gesprengt wird. In beiden Fällen entstehen großflächige Sperrzonen, deren Größe bisher oft auf pauschalen Sicherheitsannahmen basiert. Die Frage, wie weit Druckwellen reichen und welche Belastungen Tunnel, Leitungen oder Fundamente aushalten, war bislang oft nur grob zu beantworten.

Hier setzt das Projekt SchockAnalyst an. Das Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik (EMI) entwickelt mit Partnern die Simulationssoftware VC BlastProtect weiter. Ursprünglich für Luftdruck und Splitterflug konzipiert, kann sie künftig auch Bodenschocks modellieren. Eingerechnet werden nicht nur die Explosion selbst, sondern auch Dämpfungsmaßnahmen - etwa wenn eine Bombe mit Sand oder Wasser abgedeckt wird, um Splitterflug zu verhindern. Das ergibt vor Einsätzen ein deutlich präziseres simuliertes Bild der Auswirkungen, als bisher verfügbar war.


Wie realistisch solche Modelle sind, zeigte ein großangelegter Feldversuch: Am 19. Mai 2025 wurden auf einem ehemaligen Militärgelände in Mecklenburg-Vorpommern sechs 500-Pfund-Bomben gezündet. Unterschiedliche Abdeckungen und Grubenverstärkungen simulierten den Ernstfall. Sensoren zeichneten Druckwellen und Vibrationen auf, die anschließend mit den Vorhersagen abgeglichen wurden. Das Ergebnis: Die Modelle rechneten konservativ, sagten also eher stärkere Schäden voraus, als tatsächlich auftraten - ein Sicherheitspuffer für die Praxis.

Die Forscher betonen: die technische Hürde liegt vor allem im Boden selbst. Kies, Ton oder sandige Böden reagieren völlig unterschiedlich auf extreme Energie. Fraunhofer beschreibt den Untergrund deshalb als "Drei-Phasen-Mischung" aus Feststoff, Wasser und Luft. Im Labor werden Bodenproben unter wechselnden Belastungen getestet, bis die Simulationen den realen Messungen entsprechen. Erst dann gelten die Modelle als belastbar.

Wenn unsere virtuellen Ergebnisse mit denen der Experimente übereinstimmen, dann funktionieren unsere Modelle.
Christoph Grunwald, Wissenschaftler am Fraunhofer EMI

Sprengplanung im 3D-Stadtmodell

Ziel ist ein cloudbasierter Demonstrator, der Gefahrenzonen in einem 3D-Stadtmodell abbildet. So können Einsatzkräfte künftig im Vorfeld verschiedene Szenarien durchspielen, Evakuierungen präziser planen und Risiken für die Infrastruktur gezielter bewerten. Die Bomben von gestern bleiben gefährlich, doch neue digitale Technik - Made in Germany - macht ihren Umgang berechenbarer.

Infobox: VC BlastProtect in Zahlen und Fakten
  • Projekt: SchockAnalyst
  • Förderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Programm "Civil Security - Research for Practical Applications"
  • Laufzeit: April 2024 - März 2026
  • Partner: Fraunhofer EMI, virtualcitysystems GmbH, Innenministerium NRW
  • Software: VC BlastProtect, ursprünglich aus dem Projekt SIRIUS entwickelt, simuliert Druckwellen und Splitterflug in 3D-Stadtmodellen
  • Erweiterung: Neue Bodenschock-Modelle (groundshock), Vergleich von Dämpfungsmaßnahmen wie Sand- und Wasserabdeckungen
  • Validierungstest: 19. Mai 2025, Mecklenburg-Vorpommern, sechs 500-Pfund-Bomben unter realen Bedingungen gezündet, Sensorik erfasste Luft- und Bodenschocks

Zusammenfassung
  • Software VC BlastProtect hilft bei Risikoeinschätzung von Fliegerbomben
  • Fraunhofer-Institut entwickelt Simulationssoftware für Explosionsfolgen
  • Präzisere Berechnung von Bodenschocks, Druckwellen und Splitterflug
  • Feldversuch am 19. Mai 2025 mit sechs 500-Pfund-Bomben bestätigte Modelle
  • Boden als komplexe Mischung aus Feststoff, Wasser und Luft modelliert
  • Cloudbasierter Demonstrator ermöglicht 3D-Darstellung der Gefahrenzonen
  • Projekt SchockAnalyst läuft von April 2024 bis März 2026

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