Quanteninternet wird konkreter:
Durchbruch bei Licht-Teleportation

Was Einstein einst "spukhafte Fernwirkung" nannte, wird konkret: Ein Photonzustand springt per Teleportation in einen Speicher - ganz ohne Umweg. Forschern gelingt das erstmals bei Lichtwellenlängen, wie sie in heutigen Internetkabeln genutzt werden.
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Lichtteile, die ihr Schicksal teilen

Ein Lichtblitz geht auf Reisen - und kommt nie an. Was bei klassischer Datenübertragung nach einem Fehler klingt, ist in der Quantenphysik ein Erfolg: Denn beim sogenannten "Teleportieren" verschwindet nicht das Licht, sondern nur sein innerster Zustand und taucht an einem ganz anderen Ort wieder auf. Ohne dazwischen gereist zu sein. Chinesischen Forschern ist es nun erstmals gelungen, genau dieses Kunststück mit Licht im Telekommunikationsbereich durchzuführen - ein möglicher Meilenstein auf dem Weg zum Quanteninternet.

Lange galt das Problem als ungelöst: Zwar konnte man Quanteninformationen zwischen Lichtteilchen verschicken, aber nicht dauerhaft speichern - und erst recht nicht in der Wellenlänge, die für Glasfasernetze relevant ist. Frühere Experimente setzten auf Umwege und wandten Tricks an, um Quantenlicht in klassische Systeme zu übertragen. Doch jetzt zeigen Forscher der Universität Nanjing in einer Studie in Physical Review Letters: Es geht auch direkt - mit Licht im Telekom-Bereich und einem passenden Quantenspeicher.


Um ein Quanteninternet zu realisieren, ist die Verteilung von Quantenzuständen über Quantenteleportation mit Quantenspeichern ein Schlüsselelement. Diese Ergebnisse ebnen den Weg für die Realisierung skalierbarer Quantennetzwerke.
Xiao-Song Ma et al.
Doch bevor man erklären kann, wie Quanteninformationen teleportiert werden, lohnt ein kurzer Blick auf das vielleicht rätselhafteste Prinzip der Quantenwelt: die Verschränkung. Warum ein Quantenzustand an einem weit entfernten Ort "auftaucht", ist bis heute nicht vollständig verstanden. Was man jedoch weiß: Wenn zwei Teilchen einmal quantenphysikalisch verschränkt wurden, bleibt ihre Verbindung bestehen - unabhängig davon, wie weit sie voneinander entfernt sind. Eine Messung am einen beeinflusst sofort das andere. Nicht über ein Signal, sondern über eine tiefere, nicht klassische Verknüpfung.

Diese perfekte Korrelation ist tausendfach experimentell bestätigt, doch ihr innerer Mechanismus bleibt rätselhaft. Albert Einstein sprach einst von "spukhafter Fernwirkung" - und bis heute ist es genau das: eine reale, aber unverstandene Verbindung, jenseits klassischer Physik. Die Verschränkung ist kein Kanal, durch den Information im klassischen Sinn fließt. Sie ist ein Zustand, der beide Teilchen gemeinsam beschreibt, egal wo sie sind. Auf diesem Grundprinzip basiert der nächste Schritt im Experiment.

So ist der Versuchsaufbau

Kernstück des Versuchs war ein sogenannter Festkörper-Quantenspeicher auf Basis von Erbium-Ionen - ein System, das Licht im Infrarotbereich aufnimmt und die darin codierte Quanteninformation für kurze Zeit speichert. Gemeinsam mit einer eigens entwickelten Quelle für verschränkte Photonen und einem Bell-State-Messsystem, einer Art Verschränkungs-Detektor, gelang es dem Team, den inneren Zustand eines Lichtteilchens - seine Quanteninformation - per Teleportation in diesen Speicher zu übertragen, ohne jede Form von Konversion oder Umweg.

Wichtig ist dabei das Netzwerk-Prinzip: In einem späteren Quanteninternet braucht es sogenannte "quantum repeaters", also Verstärkerstationen, die Quanteninformationen zwischen einzelnen Abschnitten zwischenspeichern und weiterreichen können. Der Clou: Alles muss auf Licht basieren - und zwar in genau dem Wellenbereich, in dem heutige Glasfaserkabel arbeiten. Die neue Plattform erfüllt genau das: "Unsere gesamte Architektur ist voll kompatibel mit existierenden Glasfasernetzen", sagt Studienleiter Xiao-Song Ma.

Wie kann man sich das besser vorstellen? Zwei Schlösser, weit voneinander entfernt, sind durch eine geheime Quantenverbindung synchronisiert. Wenn man an Schloss A eine bestimmte Kombination einstellt und gleichzeitig eine besondere Messung durchführt, springt dieselbe Einstellung auf Schloss B über - automatisch, ohne dass im klassischen Sinne eine Botschaft geschickt wurde.

Was dieses Experiment besonders macht?

  • Erstmals mit Lichtwellen wie im Glasfasernetz
  • Keine Umwandlung nötig - direkt kompatibel
  • Speicher auf Festkörperbasis statt Laboraufbau
  • Integration mehrerer quantenoptischer Module
  • Potenzial für skalierbare Netzinfrastruktur

Für ihr Experiment kombinierten die Forscher fünf präzise abgestimmte Bausteine: eine Quelle für verschränkte Lichtteilchen (EPR-Quelle auf integriertem Photonik-Chip), eine Einheit zur Vorbereitung des zu teleportierenden Quantenzustands (Input-State-Preparation), ein spezielles Messsystem zur Erkennung verschränkter Zustände (Bell-State-Messung), ein Lasermodul zur exakten Frequenzabstimmung (basierend auf Fabry-Pérot-Kavität und PDH-Stabilisierung) - sowie den zentralen Quantenspeicher (festkörperbasierte Erbium-Ionen-Ensembles).

Alle Komponenten wurden so abgestimmt, dass sie mit den üblichen optischen Infrastrukturen zusammenarbeiten - ein Schritt, der die Hürde zur realen Anwendung deutlich senkt.

Nächste Schritte

Als Nächstes will das Team vor allem die Speicherdauer und Zuverlässigkeit der Erbium-basierten Quantenmodule verbessern - ein entscheidender Schritt, um aus kurzen Labor-Experimenten stabile Netzwerkverbindungen zu machen. Denn gerade, weil das gesamte System bereits mit heutigen Glasfasern kompatibel ist, könnte es künftig die Brücke schlagen zwischen physikalischer Grundlagenforschung und ersten Anwendungen im Aufbau eines echten Quanteninternets.

Was ist ein Quantennetzwerk?
Ein Quantennetzwerk verbindet Quanteninformationsträger (Quantenknoten) mittels Quantenkanälen. Es ähnelt strukturell einem klassischen Netzwerk, nutzt jedoch quantenmechanische Effekte für den Informationsaustausch.

Anders als bei klassischen Netzwerken werden Informationen nicht kopiert, sondern durch Quantenteleportation übertragen. Die Knoten können dabei einzelne Qubits oder ganze Quantencomputer sein, die über Glasfaserleitungen oder Satelliten Photonen austauschen.
Welche Vorteile bietet es?
Quantennetzwerke ermöglichen eine abhörsichere Kommunikation durch die Prinzipien der Quantenkryptografie. Jeder Abhörversuch verändert den Quantenzustand und wird sofort erkannt, was eine physikalisch garantierte Sicherheit bietet.

Weitere Vorteile sind die mögliche Vernetzung von Quantencomputern zu leistungsfähigeren Einheiten, höhere Rechenleistung für komplexe Probleme und die potenzielle Entwicklung eines Quanten-IoT mit Quantenprozessoren, -sensoren und -controllern.
Wie funktioniert Quantenkryptografie?
Die Quantenkryptografie nutzt Quantenschlüsselaustausch (QKD), bei dem verschränkte Photonen zwischen Sender und Empfänger ausgetauscht werden. Nach den Gesetzen der Quantenphysik ist es unmöglich, den Zustand eines Photons fehlerfrei zu kopieren.

Wird ein Photon abgefangen und gemessen, verändert sich sein Zustand, wodurch der Abhörversuch erkannt wird. Die so erzeugten kryptografischen Schlüssel können für die klassische Verschlüsselung von Nachrichten verwendet werden.
Gibt es bereits echte Quantennetze?
Ja, es existieren bereits funktionsfähige Prototypen. Das weltweit größte Quantenkommunikationsnetz verbindet laut Berichten Shanghai und Beijing über 700 Lichtleiter und zwei Satelliten-Verbindungen mit einer Reichweite von bis zu 4.600 km.

In Deutschland arbeitet das KIT in Karlsruhe an einer Glasfaser-Teststrecke für Quantenkommunikation, und das Projekt QuNET entwickelt ein Pilotnetz für sichere Quantenkommunikation. In Wien gelang es Forschern, ein Quantennetzwerk mit vier aktiven Teilnehmern zu realisieren.
Welche Nachteile haben Quantennetze?
Quantennetzwerke kämpfen mit der fragilen Natur von Quanteninformation. Umgebungsfaktoren wie Quanteninterferenz und Dekohärenz können die Übertragung stören und zu Signalverlust führen.

Weitere Herausforderungen sind die komplexe Handhabung, vergleichsweise langsame Kommunikation, Probleme bei der Skalierbarkeit auf viele Teilnehmer, hohe Kosten und die schwierige Integration in bestehende Infrastrukturen.
Wie weit reichen Quantensignale?
In Glasfaserkabeln zersetzen sich Photonen nach etwa 400 bis 500 Kilometern, was die Reichweite ohne zusätzliche Technologie begrenzt. 2018 wurde jedoch ein sicherer Quantenschlüsselaustausch über 421 km Glasfaser demonstriert.

Für größere Distanzen werden Quanten-Repeater entwickelt, die das Signal verstärken können. Im Weltraum ist die Übertragung deutlich weiter möglich - 2017 gelang ein Quantenschlüsselaustausch vom Satelliten zur Erde über ca. 1200 km.
Was sind Quantennetzwerk-Topologien?
Quantennetzwerke können in verschiedenen Topologien organisiert werden, ähnlich wie klassische Netzwerke. Gängige Varianten sind Linear-Chain (kettenförmig), Tree-Tensor (baumförmig), Stern, Ring, Mesh und Fully-Connected.

Jede Topologie hat spezifische Vor- und Nachteile für die Performance des Quantennetzwerks. Die Wahl hängt vom Anwendungsfall ab - beispielsweise bieten Tree-Tensor-Topologien ein besseres Framework für die Darstellung komplexer Quantenzustände.
Wann kommt das Quanteninternet?
Experten gehen davon aus, dass ein vollständiges Quanteninternet noch Jahre entfernt ist. Wichtige Meilensteine werden jedoch bereits erreicht: In Deutschland soll beispielsweise 2026 gemeinsam mit Industrie und Bundesnetzbetreibern ein Quantennetzwerk in Betrieb genommen werden.

Die vollständige Implementierung eines globalen Quanteninternets benötigt noch Fortschritte bei Quanten-Repeatern, Quantenspeichern und der Verknüpfung verschiedener Quantensysteme. Lokale und regionale Quantennetzwerke werden aber vermutlich früher einsatzbereit sein.
Zusammenfassung
  • Chinesische Forscher teleportieren erstmals Quantenzustände bei Telekom-Wellenlängen
  • Quanteninformationen können nun direkt in einen speziellen Festkörperspeicher übertragen werden
  • Die Verschränkung ermöglicht eine sofortige Korrelation von Teilchen über beliebige Entfernungen
  • Das neue System ist vollständig mit existierenden Glasfasernetzen kompatibel
  • Ein Erbium-Ionen-Speicher nimmt die teleportierten Quanteninformationen auf
  • Für ein Quanteninternet werden Verstärkerstationen zur Zwischenspeicherung benötigt

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