Wiederholte Fehlgeburten:
Forscher lösen altes Genetik-Rätsel

Forschern ist es gelungen, ein Rätsel der Genetik zu entschlüsseln, dem man nun schon seit vielen Jahrzehnten auf der Spur ist. Entscheidend für den Fortschritt waren die Analysen der letzten Reste des menschlichen Genoms, die man lange für "Müll" hielt.
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Verschmolzene Chromosomen

Wenn Paare Schwierigkeiten haben, ein Kind zu bekommen oder wiederholt Fehlgeburten erleiden, stoßen Ärzte bei genetischen Tests manchmal auf eine überraschende Ursache: Einer der Partner trägt weniger Chromosomen als üblich. Häufig steckt eine sogenannte Robertsonsche Translokation dahinter - eine Verschmelzung zweier Chromosomen. Etwa einer von 800 Menschen ist betroffen, meist ohne es zu wissen. Gesundheitlich sind die Betroffenen in der Regel unauffällig, doch bei Kinderwunsch kann die Anomalie Probleme verursachen.

Bereits 1916 beschrieb der Zoologe W.R.B. Robertson dieses Phänomen erstmals bei Heuschrecken. Seither wurden ähnliche Verschmelzungen bei Tieren, Pflanzen und Menschen beobachtet. Nun ist es einem Team des Stowers Institute for Medical Research in Missouri gelungen, die molekularen Mechanismen einer solchen Translokation im menschlichen Erbgut erstmals präzise zu entschlüsseln. Die Ergebnisse erschienen am Mittwoch in der Fachzeitschrift Nature.


Die Forscher nutzten modernste Genomsequenzierungen und untersuchten die Chromosomen dreier Betroffener. Dabei zeigte sich, dass bestimmte Abschnitte der DNA, die lange Zeit als "genetischer Müll" galten, eine entscheidende Rolle spielen. In diesen Sequenzen entstehen die Bruchstellen, an denen Chromosomen zerfallen und anschließend verschmelzen. Chromosom 14 besitzt diese Sequenzen sogar spiegelverkehrt, was eine mögliche Erklärung dafür ist, warum es besonders anfällig für Translokationen ist.

Tiefe Erbgut-Analyse

Für die Medizin bedeutet die aktuelle Arbeit zunächst vor allem Grundlagenwissen. Direkte Auswirkungen auf die Behandlung von Unfruchtbarkeit oder das Risiko genetischer Erkrankungen sind kurzfristig nicht zu erwarten. Doch die Erkenntnisse öffnen Türen: Mithilfe bestehender Datenbanken wollen Forscher nun systematisch Menschen mit Robertson-Translokationen identifizieren, um mögliche Zusammenhänge mit Krebs, seltenen Krankheiten oder Unfruchtbarkeit zu prüfen.

"Dieses Rätsel bestand seit Jahrzehnten", erklärte Genomforscherin Glennis Logsdon von der Universität Pennsylvania, die nicht an der Studie beteiligt war. "Man wusste, dass es klinische Folgen geben kann, aber nicht, wie es überhaupt passiert." Der Fortschritt reiht sich ein in eine Entwicklung, die seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms im Jahr 2001 andauert. Erst 2022 gelang es, die letzten fehlenden acht Prozent zu vervollständigen, darunter jene DNA-Abschnitte, die inzwischen im Zentrum der aktuellen Entdeckung stehen.

Zusammenfassung
  • Forscher entschlüsseln Ursache der Robertsonschen Translokation
  • Verschmelzung von Chromosomen betrifft etwa einen von 800 Menschen
  • Lange als 'genetischer Müll' betrachtete DNA-Sequenzen spielen Schlüsselrolle
  • Bruchstellen in bestimmten DNA-Abschnitten führen zur Chromosomenfusion
  • Chromosom 14 zeigt spiegelverkehrte Sequenzen und erhöhte Anfälligkeit
  • Entdeckung könnte Zusammenhänge mit Krebs und Unfruchtbarkeit aufzeigen
  • Erst 2022 wurden die letzten acht Prozent des menschlichen Genoms vollständig

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