Angespielt: Jagged Alliance - Back in Action

Back in Action ist ein Remake des legendären Rundenstrategiespiels Jagged Alliance 2. Wir haben die neue Fassung angespielt und verraten, ob das neue Plan&Go-System funktioniert.
Es war seit der Ankündigung ein heftig umstrittenes Thema, wobei das noch eine harmlose Beschreibung ist: Ein Remake eines Rundenstrategie-Kultspiels in Echtzeit? Geht das? Darf man das? Wer hat Jehova gesagt? Sie war's, sie war's, sie... Er war's! Er war's!

Auch der Autor dieser Zeilen hat sich im Vorfeld jede Menge passendes Gestein zurechtgelegt, um gebührend auf diese Blasphemie reagieren zu können. Mit einer Legende macht man das schließlich nicht! Jagged Alliance in Echtzeit wäre ungefähr so wie ein Remake von Doom als Text-Adventure oder Super Mario als Splatter-Shooter.


Doch die Steinigung bleibt aus. Zumindest wenn man bereit ist, den religiösen Fanatismus hinsichtlich Jagged Alliance 2 abzulegen und dem überarbeiteten Ansatz von Bitcomposer Games eine Chance zu geben. Der deutsche Entwickler hat nämlich die Rundenstrategie (vermeintlich) über Bord geworfen und die Kampfmechanik auf das so genannte Plan&Go-System umgestellt.

Plan&Go ist allerdings nichts anderes als eine aufgebohrte Version von Rundenstrategie. Die wichtigste Rolle spielt dabei die Leertaste. Drückt man diese, geht das Spiel und somit auch die "Echtzeit" nämlich in Pausenmodus. Hier erteilt man seinen Söldnern dann Befehle, koordiniert das taktische Vorgehen und setzt lange Aktionsketten zusammen. Jagged Alliance: Back in Action - Plan & GoPlan&Go funktioniert deutlich besser als befürchtet Danach betätigt man die Leertaste erneut und die Söldner führen das aus, was man ihnen zuvor vorgegeben hat. Die taktische Tiefe ist hier überraschend groß und sollte jeden Rundenstrategie-Fan zufriedenstellen oder vielleicht sogar begeistern.

Denn Plan&Go bedeutet nicht, dass man einmal eine Befehlsabfolge programmiert, quasi als Einmal-Makro für den jeweiligen Söldner, und dann nur noch bei der Ausführung untätig zusieht. Nein, man muss das Vorgehen ständig im Auge behalten und anpassen, um auf veränderte Kampfsituationen reagieren zu können.

In anderen Worten: Jagged Alliance: Back in Action bietet genügend Möglichkeiten, um stundenlang den perfekten Zug planen zu können. Es ist jener Punkt, der beim Original den größten Teil der Faszination ausmachte. Plan&Go beseitigt dagegen viele Leerläufe, die bei der Vorlage auch ganz schön nerven konnten.

Denn schließlich hatte ja auch Jagged Alliance 2 einen Echtzeit- sowie einen (Runden-)Kampf-Modus. Dabei steckte man auch oft genug im letzteren fest, weil irgendwo ein Gegner untätig wartete, das Spiel aber bei der Suche nach ihm nicht die Runden-Ansicht verlassen wollte. JA:BiA lässt das Spiel mehr "laufen", was dem Gameplay sicherlich auch nicht schadet.

Aber vielleicht sollten wir an dieser Stelle mal erwähnen, um was es bei JA2 bzw. JA:BiA ging und geht: Man wird von einem mysteriösen Fremden angeheuert, um das Inselreich Arulco von der Schreckensherrschaft von Diktatorin Deidranna Reitman zu befreien. Dazu heuert man Söldner an, die auf der Insel zunächst den Flughafen einnehmen. Einen "eigenen" Söldner kann man als Spieler nun nicht mehr erstellen, sondern ist ausschließlich auf die Dienste der "M.E.R.C"-Profis angewiesen.


Das Geld ist natürlich knapp und reicht gerade einmal für drei günstige Söldner. Die Zusammenstellung dieses Trios erfordert von Anfang an eine Analyse des eigenen Spielstils: Will ich schleichen oder mit brachialer Waffengewalt vorgehen? Brauche ich jemanden, der Waffen reparieren kann oder der mit Sprengstoff umgehen kann? Fragen wie diese machten auch schon bei der Vorlage viel der Faszination aus, und das ist auch beim Remake nicht anders (unverzichtbar ist übrigens nur jemand mit Medizin-Fähigkeit, denn wo gehobelt wird, müssen Wunden geflickt werden).

Die Söldner werden nun allerdings nicht mehr auf Zeit angeheuert. Einmal bezahlt, bleiben sie immer in Diensten des Spielers. In JA2 musste man alle paar Tage die Verträge erneuern. Dieser Verzicht auf das alte Micro-Management ist sicherlich eine relevante Veränderung, aber keine, die allzu negativ auffällt. Denn das Verlängern der Verträge wurde in JA2 nach einer Zeit zu einer durchaus lästigen Pflichtübung.

Auch das Training der Söldner läuft nun anders ab: Konnte man in der Vorlage die Fähigkeiten von Söldnern steigern, indem ein "Kollege" sie ausbildete und man auf diese Weise Lehrer-Schüler-Pärchen bildete, so tritt an diese Stelle ein Rollenspiel-artiges System: Bei Aktionen im Kampf (Schießen bzw. Treffen, Schlösser knacken, Sprengstoff einsetzen, Waffen reparieren, heilen etc.) gibt es Erfahrungspunkte, nach einem Stufenaufstieg können dann die Fähigkeiten-Punkte verteilt werden. Das ist zwar deutlich anders, funktioniert aber genauso gut, wenn nicht sogar besser. Jagged Alliance: Back in ActionDas Tropenparadies Arulco wird wie im Original von Diktatorin Deidranna beherrscht Eine der meistdiskutierten Änderungen ist der in der Neuauflage gestrichene "Fog of War". Im Original verdeckte der Kriegsnebel alle Gegner und Gebiete, erst wenn man in ihre Nähe kam, konnte ein Kontrahent entdeckt und in Folge angegriffen werden. Nun sind alle Schergen von Beginn an auf der Karte zu sehen.

Das gefällt nicht jedem und zugebenermaßen nimmt es dem Spiel ein wenig das Überraschungsmoment. Das Wissen um die Position der Gegner reduziert allerdings nicht unbedingt den taktischen Anspruch. Mehr denn je muss man nun (wie bereits erwähnt) gut vorausplanen und beispielsweise die Wege der Wachen studieren.

Vielleicht wäre es auch im Rahmen des neuen Gameplays möglich gewesen, den Kriegsnebel dennoch einzubauen. Ein Grund, der Neuauflage keine Chance zu geben, ist diese Veränderung allerdings auch nicht.

Als Zwischenfazit kann man an dieser Stelle feststellen, dass die überarbeitete Plan&Go-Spielmechanik bestens funktioniert und trotz Echtzeit dem Erlebnis von damals recht nahe kommt. Man tüftelt, plant, probiert und kann sich an so mancher Situation herrlich festbeißen. Zwar wird hier nicht jeder zustimmen, wir meinen aber dennoch: Operation gelungen.

Was nun folgt, ist keine große Überraschung, nämlich ein (bzw. mehrere) "Aber". Denn JA:BiA hat auch einige Sachen, die den positiven Eindruck zunichtemachen. Sie betreffen vor allem die Bedienung, Präsentation und Optik.


Vor allem bei der Bedienung hapert es an so mancher Stelle, was einem den Spielspaß durchaus ein ganzes Stück verderben kann. Grundsätzlich ist die Kameraperspektive in "halber" Vogelperspektive positioniert. Diese isometrische Ansicht bzw. der Blickwinkel hat zwar einen gewissen Spielraum, kann aber nicht gänzlich frei bestimmt werden. Zoomt man näher, so wird der Winkel zwar flacher, was aber nicht immer hilft. Beispielsweise gibt es in der Mine bei Drassen einen Treppenaufgang, wo man die Kamera drehen und wenden kann wie man will, aber dennoch keine vernünftigen Sicht auf seine Söldner bzw. die Gegner bekommt. Schade.

Es sind auch viele Kleinigkeiten, die irritieren. Im Tennis würde man das "unerzwungenen Fehler" nennen. So wird das Scrollen über den Bildschirm ausschließlich den WASD-Tasten überlassen. Wer mit der Maus an den Bildschirmrand fährt, der erlebt nicht den gewünschten bzw. gewohnten Effekt, nämlich dass sich der Ausschnitt in die entsprechende Richtung bewegt.

Eine andere Design-Fehlentscheidung ist ebenso unerklärlich: Bei einem Klick auf die Minimap passiert nämlich gar nichts, der Bildausschnitt springt nicht auf das gewünschte bzw. angeklickte Gebiet. Wer von einem Ende der Karte zum anderen kommen will, kann dies nur mit Hilfe der Richtungstasten tun, was schon nach kürzester Zeit gewaltig nervt. Dass das Absicht sein könnte, ist kaum vorstellbar, weshalb man nur hoffen kann, dass das schnellstmöglich mit Hilfe eines Patches ausgebessert wird. Jagged Alliance: Back in ActionDie Grafik ist solide, aber nicht umwerfend Die Grafik selbst kann man allerhöchstens als solide bezeichnen. Schade ist dabei vor allem, dass sich die Söldner optisch alle recht ähnlich sehen. Weder bei den Porträt-Darstellungen, noch (bzw. schon gar nicht) auf dem "Spielfeld" kann man die beim Original noch so typische Optik der Söldner tatsächlich erkennen.

Bei den Charakteren und den Beschreibungen der jeweiligen Söldner bleibt man dem Original treu: Alle haben ihre Eigenheiten und mögen bestimmte Kollegen mehr als andere. Das spielt wieder bei der Teamzusammenstellung eine große Rolle: Wer Fox mit Steroid in eine Einheit tut, der muss einen Moralabzug bei der Dame hinnehmen und sich das ständige Herumgemotze von Fox über den "aufgeblasenen" Macho Steroid anhören.

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Keinen Blumentopf gewinnt in Jagged Alliance: Back in Action die Künstliche Intelligenz der Computer-Gegner. Über weite Strecken funktioniert sie zwar ganz ordentlich, leidet aber immer wieder an massiven Aussetzern. Das sieht man ganz gut, wenn man ein kurz vor dem Kampf gespeichertes Spiel neu lädt: Einmal reagiert die ganze Gruppe von Gegnern, wenn man sie angreift, das andere Mal registrieren die KI-Kollegen nicht, wenn jemand in ihrer unmittelbaren Nähe von Kugeln durchsiebt wird.

Wenn(!) die KI einmal keine dieser ganz groben Aussetzer hat, dann funktioniert sie auch ganz passabel: Die Kontrahenten gehen in Deckung, warten auf eine gute Gelegenheit zum Kontern und greifen dann auch koordiniert an. Vollständigkeitshalber sollte an dieser Stelle aber auch angemerkt werden, dass die KI des Originals auch alles andere als ein Meisterwerk war und immer wieder an ähnlichen Aussetzern krankte.

Fazit:
Jagged Alliance: Back in Action macht es einem recht leicht, das Spiel zu hassen: Es ist ein Remake, das sich etliche Gameplay-Freiheiten nimmt, eine nicht besonders hübsche Grafik hat und auch nicht den Charme des Originals mitbringt.

Dennoch sollten aufgeschlossene Fans von Jagged Alliance 2 dem Spiel eine Chance geben, was vor allem an dem gut umgesetzten Plan&Go-System liegt. Das bietet nämlich genügend Möglichkeiten und auch jede Menge taktische Tiefe, sodass sich JA2-Veteranen durchaus eine ganze Weile damit beschäftigen können.

Dass Bitcomposer es "gewagt" hat, das Gameplay aufzubohren, war jedenfalls eine richtige Entscheidung. Es wäre wahrscheinlich deutlich leichter gewesen, eine 1:1-Umsetzung zu programmieren. Ein bloßes HD-Remake hätte aber sicherlich auch mindestens genauso viele Fans des Originals enttäuscht.

Was so manche technische Unstimmigkeit und fehlende Komfort-Funktion betrifft, kann man nur hoffen, dass das eine oder andere in naher Zukunft noch nachträglich per Patch ausgebessert wird. Denn Jagged Alliance: Back in Action ist sicherlich kein schlechtes Spiel. Aber es könnte eben um einiges besser sein.

Download: Jagged Alliance: Back in Action - Die Demo


Anmerkung: Vielen Dank an 'Gamesrocket', die uns eine Testversion des Spiels zur Verfügung gestellt haben! Dort kann man 'Jagged Alliance: Back in Action' auch als Download-Version kaufen.

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