Kampf um den Browsermarkt

Browser Der kleine grüne Drache blickt böse und spuckt Feuer quer über den Bildschirm. Es scheint, als wolle das Maskottchen, das beim Starten des neuen Internetbrowsers Mozilla 1.0 erscheint, seiner Konkurrenz kräftig einheizen. Das ist nach Ansicht einiger Branchenkenner auch notwendig, um Microsofts Vorherrschaft in Sachen Browser etwas Einhalt zu gebieten. Mittlerweile surft nämlich ein Großteil der Nutzer mit dem Internet Explorer durch das Netz.
Netscape mit Sitz in Mountain View im US-Bundesstaat Kalifornien hat die Version 7 des Navigators auf den Markt gebracht, bei der es sich um einen leicht erweiterten Mozilla-Browser handelt. "Mozilla 1.0 macht bis auf wenige Abstriche einen sehr guten Eindruck", urteilt Holger Bleich, Redakteur der in Hannover erscheinenden Computerzeitschrift "c`t" nach einem Test. Entsprechendes gilt also auch für die fast baugleiche Netscape-7-Software.

Entscheidend für einen Erfolg von Netscape ist die Politik von AOL

Doch wichtiger als die überwiegend positiven Kritiken von Branchenkennern könnte eine anstehende Entscheidung von AOL, seit 1998 Eigentümer von Netscape, sein: Der Internetprovider mit Europazentrale in Hamburg erwägt, seine nächste Zugangssoftware standardmäßig mit dem Netscape Navigator auszustatten - und nicht mehr wie bisher mit dem Konkurrenzprodukt von Microsoft. "Wir haben damit begonnen, Nescape-Technologie in einigen AOL-Produkten wie zum Beispiel der aktuellen Compuserve-Ausgabe zu verwenden", sagt John Ullyot, Sprecher von AOL Europe. Selbst beim eigentlichen AOL-Produkt liefen entsprechende Tests, obwohl noch keine endgültige Entscheidung getroffen sei. Mit Spannung wird daher erwartet, welcher Browser im Herbst auf den neuen AOL-CDs liegt.

Lange Zeit sah es so aus, als wäre die Schlacht der Browser endgültig entschieden. Nach den Zahlen des Marktforschungsunternehmens Fittkau&Maaß in Hamburg ist die Verbreitung von Netscape in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen: Im April 2002 surften nur noch 9,1 Prozent der User mit dem Navigator, 89,3 Prozent dagegen mit dem Microsoft-Browser. "Was 1996 noch Netscape war, ist jetzt Microsoft", sagt Geschäftsführer Holger Maaß. Die Marktanteile haben sich in den vergangenen sechs Jahren genau umgekehrt.

Die Gründe für diesen Abstieg sind für Maaß offensichtlich: "Die 6er-Version des Navigators ist sehr groß, langsam und macht viele Probleme." Während Microsoft sein Produkt stets weiterentwickelte, blieb Netscape auf der Stelle stehen. So wurden Seiten im Internet oft nicht korrekt dargestellt oder funktionierten, wie zum Beispiel bei einigen Homebanking-Anbietern, überhaupt nicht. Und nicht zuletzt half dem Internet Explorer, dass er auf Windows-Rechnern und Zugangs-CDs von Internetprovidern in der Regel vorinstalliert ist.

15 Millionen potentieller Netscapenutzer durch AOL

Das Blatt könnte sich erneut wenden: Weil die AOL-Zugangssoftware nicht mehr standardmäßig auf Windows XP installiert sei, wolle AOL im Gegenzug die Integration des Internet Explorers auf der eigenen Zugangs-CD verweigern, so Bleich. "Ich glaube, Netscape wird wieder Marktanteile gewinnen." Würde nur die Hälfte der AOL-Nutzer ihre Software aktualisieren, gäbe es auf einen Schlag 15 Millionen neue Netscape-Nutzer.

Von der Konkurrenz zwischen Explorer und Navigator könnte auch Mozilla profitieren. Den Navigator entwickelte das Unternehmen kaum noch weiter, stattdessen veröffentlichte es den Quellcode und forderte Programmierer in der ganzen Welt auf, das Produkt zu verbessern. Das Ergebnis liegt erst jetzt, vier Jahre später, mit Mozilla vor.

Mozilla sieht aus wie der gewohnte Netscape Browser. Doch Nutzer können sich so genannte Skins - englisch für Häute - aus dem Internet laden, die die Optik verändern. Dazu gehören zum Beispiel ein edel-hölzernes "Wood", ein schrill-buntes "Star Trek" oder ein "Internet Explorer"-Look - damit der Wechsel leichter fällt.

Aber auch technisch bietet Mozilla einige Neuerungen: Ein Karteikartensystem erleichtert den schnellen Wechsel zwischen mehreren offenen Fenstern, Bildschirmdarstellungen und Ausdrucke können so verkleinert werden, dass sie komplett auf den Schirm beziehungsweise ein DIN-A4-Blatt passen. Und die beliebte Suchmaschine Google lässt sich in den Browser einbauen: Statt die Homepage aufzurufen, kann der Suchbegriff dann einfach in die Adresszeile eingefügt werden.

Das Problem ist: Warum wechseln wenn das alte auch brauchbar ist?

Doch trotz dieser kleinen Kniffe haben Mozilla und Netscape einen Standort-Nachteil: "Wer lädt sich schon einen Browser aus dem Internet, wenn ein brauchbarer schon auf dem Computer vorinstalliert ist", gibt c`t-Redakteur Bleich zu Bedenken. Bei einer langsamen Verbindung kann das immerhin rund eine Stunde dauern.

Mit diesem Problem kämpft auch die norwegische Firma Opera. Ihr gleichnamiger Browser besitzt schon seit langem einige der genannten Features von Mozilla. Bei technikbegeisterten Nutzern hat er daher viele Fans, doch für den Massenmarkt reicht das nicht. "Opera bekommt keinen Fuß auf den Boden", sagt Marktforscher Maaß. Derzeit verwendeten den Browser nur 1,6 Prozent.

Und dennoch freut sich Bleich über die neuen Alternativen. "Konkurrenz belebt das Geschäft", sagt er, "für das Web ist es ganz gut, wenn es mehrere Browser gibt, die wirklich gut sind". So habe Microsoft weniger Macht, technische Standards allein zu bestimmen und eigene Technologien auf Kosten anderer durchzusetzen.
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